dissoziative Identitätsstörung

Eine dissoziative Identitätsstörung ist eine seltene Form einer dissoziativen Störung, bei der eine Person zwei oder mehr voneinander unterscheidbare und einander abwechselnde Persönlichkeiten zeigt. Früher bezeichnet als multiple Persönlichkeitsstörung. Siehe auch Dissoziation.

Für die meisten Menschen bilden die eigenen Gedanken, Gefühle und Erinnerungen eine Einheit – also deren Identität, wobei dieses Gefühl von Identität eine Leistung des Gehirns darstellt. Im Laufe der ersten Lebensjahre baut das Gehirn aus den genetischen Anlagen und Erfahrungen mit der Umwelt ein Grundgerüst der Persönlichkeit auf, das sich in Form eines Kontinuums mit jeder weiteren Erfahrung anpasst. In der Hauptsache basiert die Identität auf dem autobiografischen Gedächtnis, sodass man weiß, wer man ist, weil man Erinnerungen an seine Vergangenheit besitzt. Bei wenigen Menschen funktioniert diese Zuordnung von Gefühlen, Gedanken und Erfahrungen zu einem einheitlichen Ich nicht, sodass deren Identität in viele Persönlichkeitsanteile zerfällt, die abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten übernehmen, jeweils mit einem eigenen Namen, Geschlecht und Alter. Oft unterschieden sich auch die Stimmen, Gesten und Mimiken der verschiedenen Persönlichkeitsanteile deutlich, wobei diese Anteile sogar einen individuellen Puls, Blutdruck und eigene Allergien besitzen können. Im Rahmen der dissoziativen Identitätsstörung werden sogar Fälle beschrieben, bei denen die einzelnen Persönlichkeiten verschiedene körperliche Krankheiten hatten, die aber verschwinden, wenn die andere Persönlichkeit übernimmt. Die einzelnen Persönlichkeiten können übrigens kontrastierend variieren, d. h., sie stehen in einem antagonistischen Verhältnis zu einem anderen Selbst der Betroffenen. Ist etwa dieses ursprünglich eher schüchtern und zurückhaltend, agiert die anderen Persönlichkeit sehr selbstbewusst und dominant.

Früher verwendete man für diese psychische Erkrankung den Begriff der multiplen Persönlichkeitsstörung, der in der Zwischenzeit vom Begriff der dissoziativen Identitätsstörung abgelöst wurde, da zum einen eine wirkliche Kernpersönlichkeit bei den Betroffenen nicht vorhanden ist, und zum anderen die Dissoziation das markanteste Kennzeichen darstellt, wobei Dissoziation das Gegenteil von Assoziation bedeutet, also ein Trennen“ und Auflösen. Pierre Janet erkannte im 19. Jahrhundert, dass es sich bei dieser Persönlichkeitsstörung um eine mangelnde Integration der Lebenserfahrungen handelt, wobei zusammen erlebte Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen unabhängig und isoliert voneinander im Gehirn abgespeichert werden. Das Problem der „gespaltenen“ oder „multiplen Persönlichkeit“ war in den Jahren von 1840 bis 1880 eines der von Psychiatern und Philosophen häufig diskutierten Themen. Janet prägte den Begriff der Dissoziation als Desintegration und Fragmentierung des Bewusstseins und beschrieb das bis heute gültiges Diathese-Stress-Modell, die Aufnahme in die psychiatrischen Manuale erfolgte erstmals 1980 in das DSM III, 1991 auch in die ICD-10). Der ursprüngliche Begriff der multiplen Persönlichkeit hat verschiedene Umbenennungen erfahren; inzwischen hat sich aber die Bezeichnung der dissoziativen Identitätsstörung  durchgesetzt.

Die dissoziative Persönlichkeitsstörung wird auf Grund der Symptomatik häufig mit der Schizophrenie verwechselt wird, was daran liegt, dass bei beiden Erkrankungen oft Stimmen gehört werden, doch während das bei der Schizophrenie Halluzinationen darstellen die Stimmen irrationale Aussagen machen, sind es bei dissoziativen Persönlichkeitsstörung die Stimmen der anderen Teilpersönlichkeiten, die meist ansprechbar und rational nachvollziehbar sind. Viele Betroffene weisen gleichzeitig eine posttraumatische Belastungsstörung auf, da beiden Erkrankungen traumatische Erfahrungen zugrunde liegen können. Eine Hypothese ist, dass der Organismus die Dissoziation in bestimmten Situationen als Schutz bzw. Notfallplan nutzt, und zwar besonders dann, wenn eine Erfahrung unerträglich ist, sodass der Betroffene diese traumatische Erinnerung ausblendet und vorübergehend besser mit ihr umgehen kann.
Manche Menschen mit einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung haben in frühester Kindheit traumatisierende Erfahrungen gemacht, oft schon vor dem fünften Lebensjahr, wobei es sich um massive Vernachlässigung oder lang anhaltende sexuelle und körperlicher Gewalt gehandelt haben, oft auch innerhalb der Familie. Bei solchen Erfahrungen werden belastende Alltagserlebnisse in Komponenten aufgespalten, um das Leben überhaupt ertragen zu können. Solche Menschen entwickeln daher keine zusammenhängenden und kohärenten biografischen Erinnerungen, die die Grundlage für die Identität bilden., sondern nach und nach bilden sich Teilpersönlichkeiten aus, die je nach Situation die Kontrolle übernehmen, wobei jede für sich nur beschränkten Zugang zu den Erinnerungen hat und daher nur einen Teil der Belastung tragen muss.
In einer Therapie bemüht man sich dann darum, die einzelnen Persönlichkeitsanteile einander näher zu bringen und zu integrieren, sodass eine Aufarbeitung der traumatischen Erfahrungen beginnen kann.

Zusammengefasst nach
http://www.welt.de/gesundheit/article13720582/Wenn-ein-Mensch-zum-Schutz-viele-Ichs-entwickelt.html (11-11-17)





Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017