Architekturpsychologie

Erst formen wir unsere Gebäude,
dann formen diese uns.
Winston Churchill

Menschen verbringen den größten Teil ihrer Lebenszeit in einem künstlichen Umfeld, das andere Menschen unter bestimmten Gesichtspunkten entworfen haben. Nach Ansicht von Experten und nach zahlreichen Untersuchungen gibt es einen Zusammenhang zwischen der Architektur von Gebäuden und der Gesundheit der Menschen, die in ihnen wohnen oder arbeiten. In den meisten Fällen werden Gebäude nicht speziell auf deren Bedürfnisse zugeschnitten, sondern wurden vor langer Zeit für andere oder, was noch häufiger der Fall ist, für überhaupt keine konkreten, sondern abstrakte, lediglich vorgestellte BenutzerInnen konzipiert. Wie wirken Räume, Gebäude, Straßen, Städte auf Menschen? Wie nehmen Menschen die gebaute Umwelt wahr und wie beurteilen sie diese? Wie können Nutzer an der Planung beteiligt werden? Wie vermitteln Architekten ihre Konzepte, wie erläutern sie die Qualität der Architektur? Solche Fragen nach der Wirkung und Bedeutung „gebauter Umwelten“ auf die Menschen, die sich darin aufhalten, sind die Domäne der Architekturpsychologie, die erst in den 50er und 60er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit Frage begann, wie etwa psychiatrische Krankenhäuser so geplant werden können, dass ihre architektonischen Eigenschaften die therapeutische Arbeit mit den Patienten unterstützen.

Schon bald begann man, sich auch mit allgemeinen Fragen zur Beziehung zwischen Räumen, Gebäuden, Stadtteilen auf der einen und menschlichem Erleben und Verhalten auf der anderen Seite zu beschäftigen: Was bindet Menschen an ihre Wohnumgebung, und welche Wirkungen hat es, wenn jemand seine Heimat verlassen muss? Gibt es bei Menschen analog zum tierischen „Territorialverhalten“ eine Tendenz, bestimmte Gebiete für sich zu beanspruchen, als eigene zu markieren und gegen Eindringlinge zu verteidigen? Macht das Leben in lauten, hektischen und anonymen Großstädten krank? Wie wirkt es sich auf die Beziehungen in einer Familie aus, wenn die Wohnung deutlich zu klein ist?
Forschungsprogramme mit architekturpsychologischem Schwerpunkt, Konferenzen und Kongresse und die Gründung von Fachzeitschriften und -gesellschaften in den USA und Europa um das Jahr 1965 herum markieren den Beginn der Architekturpsychologie als eigenständiges Fachgebiet. Das Fach Architekturpsychologie entstand zunächst als Teilgebiet der Umweltpsychologie
Architekturpsychologen greifen bei ihrer Forschung auf sozialwissenschaftliche Methoden zurück, d.h., sie führen Interviews mit Angehörigen der Nutzergruppen, veranstalten Rollenspiele und moderieren Diskussionsforen, analysieren bereits existierende Gebäude auf deren Funktionen, d.h., zu erfassen, wie ein bereits fertiges Gebäude bei den Nutzern ankommt, ob es seine vorgesehenen Funktionen erfüllt und ob sich die Menschen darin wohl fühlen (Post-Occupancy-Evaluation).

Hinzu kommen spezifisch architekturpsychologische Methoden wie die Simulation von Entwurfsalternativen am Computer oder mit Pappmodellen, oder auch die aufwändige Verhaltenskartografie, bei der in Lageplänen protokolliert wird, wie sich die Nutzer in ihrem Wohnalltag durch das Gebäude bewegen. Neben der rein funktionalen Perspektive, welche Tätigkeiten im zu entwerfenden Gebäude zu erwarten sind, achtet der Architekturpsychologe auch auf das soziale Miteinander und das subjektive Befinden der BewohnerInnen.
Heute werden die Bedürfnisse der Nutzer noch vor dem ersten Rohentwurf des Architekten erhoben (User-Need-Analysis) und diesem in systematisierter Form als Planungshilfe an die Hand gegeben, doch auch bereits angefertigte Entwürfe können noch vor Beginn der Bauarbeiten im Hinblick auf ihre wahrscheinlichen Wirkungen auf die Nutzer bewertet werden (Pre-Occupancy-Evaluation). Allerdings weiß man aus der Psychologie ganz allgemein, dass Menschen für ihr Wohlbefinden zumindest die potentielle Möglichkeit brauchen, ihre Umwelt zu beeinflussen und mitgestalten zu können.
Die architekturpsychologische Grundlagenforschung arbeitet an der Ermittlung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten des Wechselspiels von Mensch und künstlicher Umwelt.

Literatur
Bonnes, M. & Secchiaroli, G. (1995). Environmental Psychology. London: Sage Publications.
Dieckmann, F., Flade, A., Schuemer, R., Ströhlein, G. & Walden, R. (1998). Psychologie und gebaute Umwelt. Darmstadt: Institut für Wohnen und Umwelt.
Harloff, H. (Hrsg.) (1993). Psychologie des Wohnungs- und Siedlungsbaus. Göttingen: Hogrefe.
Leising, D. (2002). Die Macht der Räume. Psychologie heute, 29, 34-37.

Link
http://www.architekturpsychologie.org/




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