Just Community

Im Rahmen der Theorie der Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit von Lawrence Kohlberg und seiner Arbeitsgruppe wurde das Konzept der Just Community bzw. Demokratischen Schulgemeinschaft entwickelt. Der Kern dieses Konzeptes ist die Idee, dass moralische Entwicklung durch moralisches Handeln und Entscheiden gelernt wird, Demokratie nur aus der Praxis der Demokratie entsteht. Kohlberg und seine Mitarbeiter versprachen sich davon Verbesserungsmöglichkeiten der moralischen Handlungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen, wenn Normen und Regeln im gemeinschaftlichen Diskurs als Maßstab des Handelns erarbeitet werden, sodass Schüler und Lehrer gleichermaßen die Verantwortung bei der Suche gerechter Lösungen in Konfliktfällen tragen.

Nach dem Konzept der Just Community sollen Schulen zu gerechten und fürsorglichen Gemeinschaften werden, die SchülerInnen sollen ihre soziale und moralische Urteilsfähigkeit erproben können und gleichzeitig soll das Urteilen mit Handeln verbunden werden. Der Gestaltung einer Gerechten Schulgemeinschaft liegen acht Prinzipien zu Grunde, wobei diese Prinzipien miteinander verbunden sind und  als Leitlinien für das pädagogische und organisatorische Handeln fungieren (s. Oser & Althof, 2001, S. 238-246):

  • Entwicklung dient als Ziel der Erziehung, das bedeutet, dass die moralische Urteilsbildung an realen Problemen in der Schule und in der Klasse gelernt wird.
  • Just Community Schulen wollen das Verhältnis von Urteil und Handeln verbessern, wobei dies dadurch passiert, dass in Schulen dieser Art beschlossene Urteile, die gemeinsam diskutiert und begründet wurden, sogleich institutionell in Handeln umgesetzt werden, um die Kluft zwischen Urteil und Handeln zu verringern.
  • In einer Gerechten Schulgemeinschaft werden gemeinsam geteilte Normen entwickelt, die durch gemeinsame Entschlüsse und der Partizipation aller entstehen.
  • Abweichendes Verhalten soll zum Gegenstand von Verhandlungen gemacht werden, sodass Lernprozesse entstehen.
  • In Just Community Schulen ist Demokratisierung ein soziales Prinzip, indem die Entscheidungsmacht langsam und durchdacht an die SchülerInnen übergeben werden soll.
  • SchülerInnen in gerechten Schulgemeinschaften sollen lernen, andere Rollen zu übernehmen. In Versammlungen sollen sich die Jugendlichen mit anderen Teilnehmenden identifizieren, indem sie ihre Bedürfnisse und Sichtweisen offenlegen. So werden nach und nach die Bedürfnisse anderer verstehbar, nachvollziehbar und auch akzeptierbar.
  • In Just Community Schulen erfahren die SchülerInnen im Gegensatz zu konventionellen Schulen, dass die Schule veränderbar ist, was die Entwicklung einer sozialen und praktischen Selbstwirksamkeitsüberzeugung ermöglicht.
  • Schließlich sollen die Lehrenden ihren SchülerInnen zumuten, selber Entscheidungen zu treffen und diese zu argumentieren.

Kohlberg gründete zusammen mit seinen Mitarbeitern die Cambridge Cluster School, deren Lehrplan auf dem Modell einer Just Community aufgebaut wurde. Hauptziel der Cambridge Cluster School war es, auch den Schülern möglichst viel Mitbestimmung und Mitverantwortung zu übertragen und ihre moralische Entwicklung durch Möglichkeiten zur Rollenübernahme zu fördern. Strukturmerkmale dieser gerechten Schule sind Gleichberechtigung zwischen Lehrern und Schülern, Integration und Demokratie.

Die Schwerpunkte des Lehrplans lagen auf forschendem Lernen und Kleingruppen-Projekten. Fallstudien zeigten aber, dass sich das Instrument der Vollversammlung nur in Krisensituationen bewährt, für die anfallenden Routineentscheidungen allerdings zu schwerfällig war und immer weniger Teilnehmer bei den Treffen zu verzeichnen waren. Aus dieser Auseinandersetzung mit den praktischen Problemen der Cluster School kam es bei Kohlberg auch zu einer Wende in seinem Denken: strebte Kohlberg früher das postkonventionelle Niveau an, begnügte er sich später mit dem Erreichen der konventionellen Stufen und wies dem Lehrer im Gegensatz zur früheren Rolle des sokratischen Nachfragers nur mehr die Rolle des Anwalts der Gemeinschaft zu.

Literatur

Oser, F. & Althof, W. (2001). Die gerechte Schulgemeinschaft: Lernen durch Gestaltung des Schullebens. In W. Edelstein, F. Oser & P. Schuster (Hrsg.), Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologie und pädagogische Praxis (S. 233-268). Weinheim/Basel: Beltz.
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/Gesellensetter.shtml (09-11-17)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/KohlbergLebenslauf.shtml (09-11-17)
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/ENTWICKLUNGORD/Batisweiler.html (09-11-17)





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