Spiritualität

Geist haben bedeutet zu wissen, worin sich unterschiedliche Dinge gleichen und gleiche Dinge unterscheiden.
Anne Louise Germaine de Staël

Spiritualität bedeutet im weitesten Sinne eine Form von Geistigkeit als Gegensatz zum rein rationalen Denken und einer materiellen Körperlichkeit. Spiritualität bezeichnet nicht zuletzt den subjektiv erlebten Sinnhorizont, der sowohl innerhalb als auch außerhalb traditioneller Religiosität verortet sein kann und damit allen Menschen zu eigen ist. Spiritualität steht auch speziell für die gelebte Verbindung zum Formlosen, Göttlichen, Transzendenten oder Unendlichkeit und kann auch eine Art Lebenspraxis darstellen. Spiritualität bezeichnet das Bewusstsein, dass die menschliche Seele ihren oder der menschliche Geist seinen Ursprung einer göttlichen oder transzendenten Instanz verdankt oder zu einer absoluten höheren Wirklichkeit in Beziehung steht. Spiritualität kann nicht nur im Zusammenhang mit religiösen Vorstellungen von Menschen betrachtet werden, denn spirituelle Erfahrungen sind für viele Menschen einfach tiefgehende Zustände, die starken Einfluss auf ihr Leben haben, wobei Spiritualität vor allem das Gefühl vermittelt, dass etwas größer ist als man selbst. Solche spirituelle Erfahrungen können das Leben von Menschen nachhaltig verändern, wobei gar nicht immer Religion im Spiel sein muss, denn solche Erfahrungen können sich auch in dem Gefühl äußern, eins mit der Natur oder der Welt zu sein.

Das Verstehen der neuronalen Basis solcher spirituellen Erfahrungen kann auch helfen, die Rolle von Widerstandsfähigkeit in Form von mentaler Gesundheit besser zu verstehen. Der Parietallappen im Großhirn ist in der Wahrnehmung über sich selbst und anderen sowie in Aufmerksamkeitsprozesse involviert, wobei in diesem Areal neben Wahrnehmung und Orientierung auch Sprache verarbeitet wird. Neurologische Aktivität in diesem Bereich des Gehirns scheint ein gemeinsames Element zwischen Menschen zu sein, die eine Vielzahl spiritueller Erfahrungen wie etwa Mönche gemacht haben (Miller et al., 2018).

In der wissenschaftlichen, universitären Psychologie werden normalerweise Geist und Seele als unwissenschaftlich ausgeblendet und es wird das Verhalten und Erleben als Gegenstand der Psychologie aus Dritter-Person-Perspektive, also von „außen“ beschrieben. Die Frage nach Seele und Geist wird dabei ausgeblendet, obwohl ein bestimmter Teil beobachtbarer psychologischer Tatbestände erst aus einer wissenschaftlichen Introspektion in Form einer Forschung aus der Erste-Person-Perspektive verstehbar wird.

Im Leben der Menschen verliert vor allem die institutionalisierte Spiritualität in Form von Religiosität, vor allem die Zugehörigkeit zu den großen Kirchen, an Bedeutung, doch das Interesse an individuell erlebter Spiritualität wächst. Sie wird daher auch in der Psychologie immer mehr zum Thema, wobei vor allem die angelsächsische Psychologie sich zunehmend der Spiritualität widmet, doch auch im deutschen Sprachraum wird das Interesse daran größer, nicht zuletzt als Ressource in Therapie und Beratung.


Übrigens: Menschen mit Religionszugehörigkeit leben im Durchschnitt vier Jahre länger als Atheisten, wobei religiöse Zugehörigkeit dabei fast so viel Einfluss auf die Langlebigkeit hat wie das Geschlecht. Ein Ursache für diesen Effekt könnte den erhöhten Möglichkeiten für den Aufbau sozialer Netzwerke und der Teilnahme an Freiwilligenorganisationen zukommen, denn die regelmäßige Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen erhöht die Chancen, mit anderen befreundet zu sein und sich in einer Gemeinschaft zu bewegen, wozu auch das soziale Engagement kommt, das in solchen Gemeinschaften gepflegt wird. Forscher vermuten, dass auch bestimmte von den Religionen auferlegte Einschränkungen des Lebensstils eine Rolle spielen könnten, denn Alkohol- und Drogenkonsum wird bei religiösen Menschen häufig unterbunden, ebenso wie Sexualität mit mehreren Partnern. Einige Religionen fördern zudem Praktiken wie Dankbarkeit, Gebet oder Meditation, die dabei helfen, Stress abzubauen (Wallace et al., 2018).


Siehe dazu Wo sich Schamanismus und Psychologie treffen und Gehirn, Gott und die Medien.

Literatur

Miller, L., Balodis, I. M., McClintock, C. H., Xu, J., Lacadie, C. M., Sinha, R & Potenza, M. N. (2018). Neural Correlates of Personalized Spiritual Experiences. Cereb Cortex, doi:10.1093/cercor/bhy102.
Wallace, Laura E., Anthony, Rebecca, End, Christian M. & Way, Baldwin M. (2018). Does Religion Stave Off the Grave? Religious Affiliation in One’s Obituary and Longevity. Social Psychological and Personality Science, doi:10.1177/1948550618779820.



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