Cocktail-Party-Phänomen

Für jeden Menschen ist sein Name
das schönste und bedeutungsvollste Wort in seinem Sprachschatz.
Dale Carnegie

Während Menschen mit den Augen einzelne Objekte betrachten und auf diese auch fokussieren können, ist der menschliche Hörsinn weitgehend ungerichtet, denn alle Tonsignale, die aus verschiedenen Richtungen das Trommelfell im Gehörsystem erreichen, summieren sich zu einer einzigen Schallkurve, die diese Membran schwingen lässt. Dennoch findet das Gehirn in diesem eindimensionalen Signal Muster und kann verschiedene Schallquellen voneinander isolieren, etwa die Flöte aus dem Gesamtklang eines Orchesters, wobei das in der Regel mit Unterstützung des Sehsystems besser gelingt, d. h., wenn man auf die Flötenspielerin blickt. Auch wenn die genauen Prozesse im Gehirn noch ungeklärt sind, liegt diese Fähigkeit sicher auch darin begründet, dass Menschen zwei Ohren besitzen, sodass die Schallsignale die beiden Ohren zu minimal unterschiedlichen Zeiten erreichen und aus diesem meist minimalen Laufzeitunterschied die Position der Schallquelle erschlossen werden kann. Menschen haben darüber hinaus auch keine Möglichkeit, ihre Ohren auf natürliche Weise den Sinnesreizen zu verschließen, denn sämtliche Geräusche werden im Gehirn dargestellt. Es gibt allerdings Hirnbereiche, in denen lediglich ausgewählte Gesprächssegmente abgebildet werden, d. h., ignorierte Unterhaltungen werden offensichtlich ausgeblendet. Mit dem Ergebnis, dass man andere Sprecher kaum bis überhaupt nicht wahrnimmt, wenn man sich auf einen einzelnen konzentriert. Menschen nehmen im übrigen meist auch nur das wahr, was für sie wichtig ist und sie auch interessiert, sodass in einem Raum voller Menschen man zunächst durch das Stimmengewirr nicht viel davon wahrnimmt. Fällt jedoch in einem der Gespräche zufällig ihr Name, so hören sie das sofort und drehen sich zu der entsprechenden Person um. Wenn man sich im Gedränge einer Party etwa auf ein bestimmtes Gespräch konzentriert, so vernachlässigt man alle anderen Stimmen im Raum. Fällt jedoch unerwartet der eigene Name in einem entfernten Gespräch, so wechselt die Aufmerksamkeit sofort und man hört dort bewusst zu. Das bedeutet, es gibt einen Wechsel der Bewusstseinsinhalte, der unbewusst gesteuert wird. Dazu muss vorher ein Suchprozess präattentiv ablaufen, der nur dann Information ins Licht der Aufmerksamkeit rückt, wenn sie dem Subjekt wichtig erscheint. Für diese selektive Wahrnehmung ist das retikuläre Aktivierungssystem (RAS) verantwortlich, jene Gehirnregion, die für Orientierung und Aufmerksamkeit verantwortlich ist und dafür sorgt, dass sich Menschen jenen Informationen sofort zuwenden, die für sie von Bedeutung sind.

Charles Schroeder (Columbia-Universität, New York) hat mit seinem Forschungsteam experimentell untersucht, wie das menschliche Gehirn das Cocktail-Party-Phänomen löst, indem man Epilepsie-Patienten gesprochene Sätze vorspielte und  dabei deren Hirnströme maß. Während im Hörzentrum, dem auditiven Cortex, noch sämtliche Geräusche Spuren hinterließen, konzentrierten sich Hirnregionen, die komplexe Prozesse wie Sprache und Aufmerksamkeit steuern, ausschließlich auf die ausgewählte Rede, während die Geräuschimpulse sämtlicher anderer Sprecher dort nicht nachweisbar waren.

Telefoniert wird überall: in Bus und Bahn, in Geschäften, Restaurants, am Arbeitsplatz. Und so kommt kaum jemand umhin, Telefongespräche anderer zu hören – besonders seit es Mobiles gibt. Wer schon immer das Gefühl hatte, dass Telefonate stärker nerven als Gespräche zwischen Anwesenden, kann sich nun wissenschaftlich bestätigt fühlen.

Einen dem Cocktail-Party-Phänomen verwandten Effekt haben Galván et al. (2013) in einem Experiment entdeckt: Wer unfreiwillig während einer Aufgabe Handygesprächen zuhören muss, fühlte sich stärker gestört als bei Gesprächen zweier Menschen und kann sich anschließend auch besser an im Handygespräch mitgehörte Wörter erinnern. Zwar versuchten viele ProbandInnen, die Gespräche zu ignorieren, was ihnen jedoch nur bedingt gelang. Man schließt daraus, dass unfreiwillig mitgehörte Handygespräche ein besonders störendes und einprägsames Ereignis sind, was vermutlich daran liegt, dass mehr Aufmerksamkeit nötig ist, um den Inhalt eines Gesprächs nachzuvollziehen, von dem man nur einen Teil mitbekommt, d. h., nicht zu wissen, worum es in einem Gespräch geht, macht Handytelefonate störender als normale Gespräche. Durch die Unentrinnbarkeit der Situation als Mithörende mobiler Telefonate fühlen sich viele Menschen gestresst, da sie diesen Gesprächen einfach nicht entkommen können, vor allem auch dann, wenn der „Belauschte“ über privateste Dinge redet, die sie nicht hören möchten. Das Ohr als wichtiger Nah- und Fernsinn lässt sich bekanntlich nicht abschalten oder verschließen wie Augen oder Nase, sodass bei manchen Menschen Aggressionen entstehen, da sie als unfreiwillige ZuhörerInnen keine Kontrolle mehr über die Situation besitzen, wodurch sich in Situationen ohne Auswegmöglichkeit stets ein höherer Stresslevel ergibt.

Das Hörsystem des Menschen hat sich im Laufe der Evolution so optimiert, dass es störende Hintergrundgeräusche ausblenden oder abschwächen kann und so die Aufmerksamkeit gezielt steuert. Besonders deutlich wird das etwa während eines Konzerts, denn man kann entweder dem ganzen Orchester zuhören oder sich auch allein auf die Violinen konzentrieren, die man dann heraushören und trotzdem weiterhin auch den Rest des Orchesters hören kann. Das liegt daran, das das Hörsystem einen zeitlichen Filter eingebaut hat, durch den nicht alle aufgenommenen akustischen Signale ungehemmt an die Hörzentren im Gehirn weitergegeben werden, vielmehr werden diese nur dann ins Gehirn übertragen, wenn die Signale, die auf einer Nervenzelle eintreffen, exakt auf die Fünftel-Millisekunde genau gleichzeitig ankommen. In neueren Untersuchungen (Keine & Rübsamen, 2015) wurde ein wesentlicher Mechanismus des Hörsystems gefunden, der dazu beiträgt, wesentliche Geräusche herauszufiltern und andere auszublenden, indem erregende und hemmende Botenstoffe bei der Übertragung von Information zwischen Nervenzellen miteinander wechselwirken.  Dies geschieht dabei durch zusätzlich aktivierte hemmende Nervenzellen, die die Weiterleitung von zeitlich ungenauen Impulsen ins Gehirn stoppen, wobei dieser Mechanismus auch verhindert, dass das Hörsystem von einer ungefilterten Menge an Informationen überflutet wird.

Das Cocktailpartyphänomen ermöglicht es auch, jemanden beim Lügen zu ertappen, ohne dass man sie oder ihn ihn überhaupt beschuldigt. Man kann Fragen stellen, die nur einen Lügner in Panik versetzt, etwa kann man fragen „Hast du gehört, dass tausend Euro gestohlen wurden …?“ Es ist auch möglich noch allgemeiner zu formulieren, so dass die Aussage mit der eigentlichen, vermuteten Lüge augenscheinlich nichts zu tun hat: „Kaum zu glauben, dass der Ehemann von XY seine Frau hinter ihrem Rücken …“ Da Menschen gewohnt sind, Dinge die mit ihnen etwas zu tun haben, auch tatsächlich auf sich zu beziehen, sollte die oder der Unehrliche deutlich reagieren, während die oder der Ehrliche hingegen es ausschließlich als Konversation betrachten wird. Aber auch ein unschuldiger Mensch kann ebenfalls starke Verhaltensänderungen aufweisen, wenn er vermutet, dass die Aussage in Wahrheit auf ihn bezogen ist.

Siehe dazu auch Unterschwellige Wahrnehmung

Literatur
Galván, Veronica V.  Vessal, Rosa S. & Golley, Matthew T. (2013). The Effects of Cell Phone Conversations on the Attention and Memory of Bystanders. PLoS ONE 8(3): e58579. doi:10.1371/journal.pone.0058579
Keine, C. & Rübsamen, R. (2015). Inhibition Shapes Acoustic Responsiveness in Spherical Bushy Cells. The Journal of Neuroscience, doi: 10.1523/JNEUROSCI.0133-15.2015
Seebacher, J. (2013). Lügen entlarven.
WWW: http://www.egomanie.com/mindmysteries/luegen-entlarven/ (13-11-21)





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  1. One Response to “Cocktail-Party-Phänomen”

  2. Das ist echt interressant und wahr…ist mir schon öfters aufgefallen…..

    By Erik on Aug 25, 2011

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