Autonomous Sensory Meridian Response – ASMR

Als Autonomous Sensory Meridian Response – ASMR – bezeichnet man ein aus psychologischer Sicht schwer definierbares Phänomen, das bei einigen Menschen ein Kribbeln im Kopf verursacht, wenn sie bestimmte Dinge hören oder sehen, also auf spezielle visuelle oder auditive Triggerreize reagieren. Dieses Kribbeln im Kopf ist manchmal sehr intensiv und ruft bei den Betroffenen einen rauschähnlichen bis tranceähnlichen Zustand hervor. Diese Art Gefühlswallung tritt in verschiedenen Stärken auf und durchzieht den Kopf bzw. Teile des Kopfes und ist vergleichbar mit einem Schauer, der  Menschen in speziellen Situationen über den Rücken laufen kann. Bisher gibt es für dieses Phänomen keine wissenschaftliche Studien, und aus aktueller Sicht gibt es auch keine neurologisch oder organisch schlüssige Erklärung, die man diesem Phänomen zugrunde legen kann. Dieses Ereignis wird von manchen als eine Art Orgasmus im Gehirn beschrieben, das von Geräuschen wie einem Flüstern, klappernden Absätze, einem Papierrascheln oder dem Kratzen einer Feder auf dem Papier ausgelöst werden kann. Mit sexueller Erregung hat das in der Regel nichts zu tun, sondern das Gefühl ist angenehm und versetzt die Betroffenen in tiefe Entspannung oder rauschähnliche Zustände. Der Kopforgasmus, wie er vielfach auch bezeichnet wird, kann aber von einigen Menschen auch allein durch die Steuerung der eigenen Gedanken erreicht werden. Menschen berichten in tausenden Youtube-Videos oder in ASMR-Foren davon, sodass das Internet eine Fundgrube für die „Trigger-Videos“ geworden ist, wobei die ASMR-Videos über soziale Netzwerke weiter verbreitet und bewertet werden. Vermutlich handelt es sich dabei um ein suggestives Phänomen, bei dem Menschen ihr Fühlen beeinflussen wollen und daraus eine Eigendynamik entsteht.

Dieses wissenschaftlich bisher kaum untersuchte Phänomen ist schwer zu beschreiben und beginnt nach Aussagen der Betroffenen meist im Hinterkopf, von wo sich das Gefühl über die Wirbelsäule ausbreitet und für ein angenehmes Kribbeln im ganzen Körper sorgt, wobei möglicherweise auch ein unterschwelliger sexueller Zusammenhang besteht, da in den Videos meist hübsche Frauen ihre ASMR-Botschaften verbreiten. Möglicherweise handelt es sich auch um ein konditioniertes Flow-Erlebnis, das bei vielen Menschen unter hoher Konzentration auf eine erfüllende Tätigkeit auftritt.

Barratt & Davis (2015) untersuchten mittels eines Fragebogens zu Video-Erfahrungen und –Erlebnissen Teilnehmer aus der ASMR-Community auf den Internet-Plattformen Facebook und Reddit: Warum sie die Clips anschauen, was sie von den Videos erwarten und mit welchen Geräuschen die besten Effekte erzielt werden. Es zeigte sich, dass die Geräusche und Verhaltensweisen, die bei den Empfängern die besten Resultate gegen Stress erzielten, vor allem Flüster-Laute, Wispern und leises, fast tonloses Sprechen sind. Ein kribbelndes Gefühl im Hinterkopf breite sich bei den meisten Probanden dann wellenartig über den ganzen Körper aus. An zweiter und dritter Stelle kommen Knisterlaute und langsame gleichmäßige Bewegungen, wie das Falten von Handtüchern.

Die Autonomous Sensory Meridian Response entstand zunächst in der Internetkultur und bezeichnet dort meist ein emotionales Kribbeln, das als angenehm und beruhigend empfunden wird, wobei dieses Kribbeln durch Sinnesreize aus verschiedenen Sinnesmodalitäten ausgelöst wird, etwa durch Berührungen am Kopf beim Friseurbesuch, beim Probieren von Schuhen durch eine Schuhverkäuferin, bei einer sanften Massage, ruhige Stimmen oder eine nahe, persönliche Aufmerksamkeit durch einen anderen Menschen. Menschen lassen sich dabei in ihrem Fühlen beeinflussen und es entsteht eine gewisse Eigendynamik.

Das menschliche Gehirn reagiert dabei auf leise Geräusche wie das Knistern von Zeitungen oder Geschenkpapier, aber auch leises Klopfen, fließendes Wasser und vor allem Flüstern oder persönliche Aufmerksamkeit können diese Empfindung auslösen, wobei Menschen sehr unterschiedlich dafür empfänglich sind. Diese Trigger sprechen nach Ansicht von Experten möglicherweise ein Netzwerk im Gehirn an, der vorsichtig und nachsichtig mit unserer Umwelt oder anderen Menschen interagiert. Vermutlich handelt es sich um eine leichte Form einer Suggestion oder Hypnose, die mit ähnlichen Methoden eingeleitet wird. Allerdings gibt es derzeit keine neurologische oder organische Erklärung, die man diesem Phänomen  zu Grunde legen kann.

Vor allem über YouTube werden seit einiger Zeit Videoclips verbreitet, die dieses sensorische Erlebnis auslösen sollen. In solchen ASMR-Videos auf Youtube sind meist Frauen zu sehen, die mit einer flüsternden Stimme zu ihren Zuschauern sprechen und dabei mit bestimmten Materialien knistern oder rascheln. Diese Geräusche gepaart mit ihrer sanften, ruhigen Stimme sollen Menschen in eine Phase von Tiefenentspannung befördern. Einige dieser Videos sind bislang mehrere Millionen Mal besucht worden.

Kurioses: Es gibt sogar eine http://asmruniversity.com/ 😉 und ein Portal: http://www.asmr-deutschland.de/ Auf diesen Seiten finden sich zahlreiche Beispielvideos, etwa Knister- und Sandgeräusche oder das Kratzen auf verschiedenen Oberflächen:


[Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=LSJV50hC80I]

Literatur
Barratt, Emma L. & Davis, Nick J.  (2015). Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR): a flow-like mental state. PeerJ, doi.org/10.7717/peerj.851.





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