Essstörung
Jedes Lebewesen braucht zur Sicherung des eigenen Überlebens eine regelmäßige Ernährung, wobei beim Menschen der Nahrungsaufnahme jedoch noch weitere Bedeutungen hinzufallen. Essen kann etwa als Spiegel der inneren psychischen Verfassung angesehen werden, wobei eine Veränderung des Essverhaltens manchmal so groß sein kann, dass sie kein Symptom einer anderen Krankheit mehr darstellt, sondern selbst zur Krankheit wird. Wenn Menschen auf psychische Belastungen mit verändertem Essverhalten reagieren, ist das noch wenig problematisch, doch wenn das veränderte Essverhalten nicht mehr vorübergehend ist, sondern fester und sogar kontrollierender Faktor des Lebens wird, hat sich eine Essstörung entwickelt. Häufig treten Essstörungen zusammen mit anderen psychischen Störungen auf. Allen Essstörungen ist gemeinsam eine zu starke oder zu geringe Selbstkontrolle von Hunger und Appetit. Das Leben der Esssüchtigen dreht sich dann zwanghaft um Essen bzw. Nichtessen, d.h., Betroffene können nicht mehr genießen bzw. Hunger oder Appetit werden ihnen fremd. Essen wird dabei häufig mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden, aber auch mit der Angst zuzunehmen und dem Empfinden, dabei dann auch noch zu versagen. Nichtessen hingegen bedeutet bedeutet für sie meist Sieg, Stolz, Unabhängigkeit und letztlich Macht. Das eigene Wohlbefinden wird beinahe ausschließlich von der Kontrolle des Essverhaltens abhängig gemacht, wodurch Essen zum Lebensinhalt, zu Sucht wird. Gemeinsam ist allen Essstörungen auch die Sehnsucht nach Perfektion, der Wunsch einem Idealbild zu entsprechen, d.h., hinter zwanghaftem Essverhalten steht ein unstillbarer Lebenshunger, aber auch eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Selbst, die sich durch das ständige Kritisieren des eigenen Körpers äußert. Hinter der Gier stecken oft ungelebte Gefühle und nicht zugelassene Bedürfnisse, ein sehnsüchtiger Hunger nach Lebendigkeit und Bedeutung.
1. Definition
„Als E. bezeichnet man bestimmte, psychisch bedingte und gesundheitlich belastende Störungen bezüglich der Art und Menge der Nahrungsaufnahme (Ernährungspsychologie). Dazu gehören u.a. die mengenmäßig übertriebene, zur übermäßigen Bildung von Fettgewebe führende Ernährung (Adipositas), die Bevorzugung einer gesundheitsschädlichen Ernährung (Alkohl; fettreiche, vitaminarme Ernährung), die mengenmäßige Unterernährung (Anorexie) sowie das anfallsweise Auftreten von gierigem, übermäßigen Essen bis zum Erbrechen (Bulimie)“ (Dieterich & Rietz 1996, S. 126).
2. Definition
„Selbst verordnetes Hungern (Anorexie) oder Kopplung von Fressanfällen mit nachfolgenden, selbst ausgelösten ‚Reinigungen‘ (zum Beispiel Erbrechen; Bulimie)“ (Smith, Nolen-Hoeksema, Fredrickson & Loftus 2007, S. 694).
3. Definition
„Von der Norm abweichende Auffälligkeiten des Eßverhaltens, die zu Veränderungen des Körpergewichtes führen. Hierzu zählen im weitern Sinne die mit erheblichen Gewichtsverlusten oder Gewichtsschwankungen einhergehenden Störungen (a) Anorexia nervosa, (b) Bulimia nervosa […], (c) Pica und (d) Rumination […]. Zu den mit erheblicher Gewichtszunahme verbundenen E. zählen: (e) Adipositas […], (f) Bulimie […] und (g) Polyphagie“ (Fröhlich 1994, S. 156).
4. Definition
„Wie eng E. und seelisches Befinden verknüpft sind, zeigen die mannigfachen Eßstörungen (Bulimie; Magersucht) und der bei bestimmten Persönlichkeitstypen beobachtbare Zusammenhang von Frustration und Essen als Ersatzbefriedigung; andere Charaktertypen reagieren auf Angst und Streß mit Nahrungsverweigerung“ (Leszczynski & Schumann 1995, S. 92).
5. Definition
„Eßstörungen, nach DSM-IV gekennzeichnet durch schwere Störungen des Eßverhaltens. Er wird hauptsächlich zwischen Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa unterschieden. Einfache Adiopositas (Fettleibigkeit) ist in der ICD-10 als med. Krankheitsfaktor aufgeführt, erscheint aber nicht im DSM IV, da bisher kein Nachweis vorliegt, daß sie mit einem ps. o. Verhaltenssyndrom einhergeht“ (vgl. Häcker & Stampf 1998, S. 347).
Gestörtes Körperschema in der späten Kindheit und Pubertät
Bei Magersucht und Ess-Brechsucht ist das Körperschema der Betroffenen gestört, d.h., sie nehmen sich selbst als zu dick wahr, auch wenn das nicht der Realität entspricht. Essstörungen wie Anorexie und Bulimie treten in der Pubertät auf, also wenn Jugendliche beginnen, ihre Identität zu entwickeln, wobei der Körper als sichtbares Zeichen nach außen eine wichtige Rolle spielt. Magersucht ist eine Störung der Identitätsentwicklung und betrifft vor allem sehr junge Mädchen, die angepasst, “brav” und fleißig sind, Bulimie hingegen beginnt eher bei älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen, vor allem in jener Phase, in der sie einerseits Schwierigkeiten mit der Ablösung von den Eltern und andererseits mit den dadurch gewonnenen Freiheiten haben. Wenn also Ablösung und Individualisierung mit Beginn der Pubertät nicht oder nicht ausreichend gelingen, kann eine Essstörung eine Art Lösungsversuch darstellen.
Behandlungsverlauf bei Essstörungen
Nachdem Essstörungen meist lange nicht behandelt werden, folgt irgendwann die erste Vorstellung beim Arzt bzw.der nächste Schritt in Form von ambulanter oder stationärer Behandlungen in einer Klinik. In besonders schweren Fällen ist die Intensivpflege im Krankenhaus angezeigt, um den Teufelskreislauf von Hungern bzw. Ess-Brechanfällen zu unterbrechen,damit die Betroffenen aus dem Krankheitsstress heraus zu einer inneren Ruhe finden können. Erst danach folgt die Therapiephase bzw. Rehabilitation.
Literatur
Dietrich, R. & Rietz, I. (1996). Psychologisches Grundwissen für Schule und Beruf. Donauwörth: Auer Verlag.
Smith, E. E., Nolen-Hoeksema, S., Fredrickson, B. L. & Loftus, G. R. (2007). Atkinsons und Hilgards Einführung in die Psychologie. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag.
Fröhlich, W. D. (1994). Wörterbuch zur Psychologie. München: dtv.
Leszczynski, C. & Schumann, W. (1995). Lexikon der Psychologie. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH.
Häcker, H. & Stapf, K. H. (1998). Dorsch Psychologisches Wörterbuch. Bern: Verlag Hans Huber.
