Transidentität

Die meist synonym verwendeten Begriffe Transidentität, Transsexualität bzw. Transgender beschreiben das Phänomen, dass die Geschlechtsidentität eines Menschen vom biologischen Geburtsgeschlecht abweicht, wobei die Geschlechterrolle sich nicht allein durch die Sexualität sondern durch die gesamte Persönlichkeit definiert. Ob Menschen sich als Frau oder Mann sehen, wird durch die Geschlechtschromosomen (zwei X-Chromosomen bei den Frauen, ein X- und ein Y-Chromosom bei den Männern) und die Geschlechtsorgane bestimmt. Gleichzeitig ist die Geschlechtsidentität, also ob man sich in seinem Körper als Frau oder als Mann fühlt, bedeutsam, denn liegt keine Übereinstimmung zwischen dem körperlichen Geschlecht und der persönlichen Geschlechtsidentität vor, kann man sich als Mann in einem weiblichen Körper oder umgekehrt fühlen.

Die Transidentität äußert sich zwar häufig in der Empfindung der Menschen, die falschen Sexualorgane zu besitzen, jedoch ist die Transidentität kein Problem im Sinne sexueller Handlungen, sexueller Präferenzen oder sexueller Orientierung. Transidente wollen vielmehr sozial als Angehörige des jeweils körperlich anderen Geschlechts anerkannt werden und streben folglich eine Angleichung von Körper (Fremdwahrnehmung) und Selbstwahrnehmung an. Der von Experten bevorzugte Begriff Transidentität soll die Assoziation mit Sexualität und damit Missverständnisse vermeiden, die durchaus praktische Auswirkungen auf das Leben von Transidenten haben. Diese sind nicht nur allgemeiner Natur, sondern auch zum Beispiel in den Begutachtungen, die für die medizinische Behandlung und für die Namens- und Personenstandsänderung notwendig sind.

Vor allem bei der Diagnose bzw. nach einer Geschlechtsumwandlung ist Psychotherapie häufig angebracht, wobei im Zuge des Therapieprozesses die Entwicklung der Geschlechtsidentität, die psychosexuelle (transidente) Entwicklung, die aktuelle Lebenssituation sowie die eigenen Persönlichkeit bewusst gemacht werden. Ein ebenso wichtiger Aspekt bezieht auch das soziale Umfeld wie Familie, Partner, Beruf, etc. mit ein. Psychotherapie beginnt in diesem Fall also schon vor der eigentlichen medizinischen hormonellen Behandlung und sollte auch ab dieser weitergeführt werden, um die betroffenen Personen zu unterstützen und zu begleiten. Die psychotherapeutische Behandlung ist häufig auch nach erfolgten operativen Maßnahmen erforderlich, um die oft schwierige soziale und gesellschaftliche Integration zu sichern. Viele Transgender-Menschen werden diskriminiert und gemobbt, wobei nach Berichten aus dem Trevor-Projekt eine nationale Umfrage ergeben hat, dass vierzig Prozent der Transgender-Erwachsenen mindestens einmal in ihrem Leben einen Suizidversuch unternommen hatten und in 92 Prozent der Fälle geschah dies noch vor dem 25. Lebensjahr.

Transsexualität ist im übrigen kein Phänomen von Erwachsenen, denn schon Kinder merken, wenn sie im falschen Körper stecken, was sich meist schon im Grundschulalter, spätestens aber in der Pubertät bewusst äußert.

Nach der Internationalen Klassifizierung der Weltgesundheitsorganisation zählte Transsexualismus bis 2015 als Störung der Geschlechtsidentität zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, im Neuentwurf der Klassifizierung ICD-11, der 2015 vorgestellt wurde, wird Transsexualismus jedoch nur noch als ein medizinischer Zustand, als gender incongruence bezeichnet, und ist damit keine Persönlichkeits- oder Verhaltensstörung bzw. psychische Störung mehr.

Transidentität im menschlichen Gehirn

Nach neueren Forschungen vermutet man, dass Transgender-Person bereits bei der Geburt im Erbgut verankert sein könnte. Spizzirri et al. (2018) haben die Gehirne von cis- und transsexuellen Menschen verglichen, wobei die Inselrinde, also jene Gehirnregion, die für Körperbild, Selbstwahrnehmung und Empathie verantwortlich ist, bei cis- und transsexuellen Personen unterschiedlich groß entwickelt ist. Man vermutet nun, dass Trans-Menschen Merkmale aufweisen, die sie näher an das Geschlecht bringen, mit dem sie sich identifizieren, wobei möglicherweise diese Unterschiede schon während der Schwangerschaft auftreten könnten. Somit wäre Transsexualität keine Sache der Ideologie mehr, sondern hätte eine nachweisbare strukturelle Basis im menschlichen Gehirn.

Untersuchungen zeigen auch, dass sich die ganz persönliche Geschlechtsidentität jedes Menschen auch in der Vernetzung zwischen Gehirnregionen widerspiegelt und nachweisbar ist. Das Gehirn ist bekanntlich für Denken, Fühlen und Handeln verantwortlich, sodass man (Kranz et al., 2014) davon ausgegangen ist, dass auch die Geschlechtsidentität im Gehirn in irgendeiner Form repräsentiert sein muss. Man fand dabei neuronale Korrelate für das Geschlechtsempfinden in der Vernetzung des Gehirns. In einer Studie mit weiblichen und männlichen Personen als auch Transgenderpersonen fanden sich signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Mikrostruktur der Gehirnverbindungen, wobei Transgenderpersonen eine Mittelstellung zwischen den beiden Geschlechtern einnahmen. Man vermutet, dass eine ungleiche Anzahl, eine unterschiedliche Dicke oder Dichte von Nervenfasern oder auch eine unterschiedlich dicke Isolationsschicht für die Unterschiede verantwortlich sein könnten. Da sich die Geschlechtsidentität in der Struktur von Hirnnetzwerken widerspiegelt liegt vermutlich auch daran, dass sich diese unter dem modulierenden Einfluss von Geschlechtshormonen im Nervensystem entwickeln. Bekanntlich kommt es bei einem männlichen Fötus während der Schwangerschaft zu zwei Anstiegen des Testosteronspiegels, während bei weiblichen Föten diese Anstiege ausbleiben. Der erste Testosteronanstieg ist für die Anlage der männlichen Geschlechtsorgane verantwortlich, der zweite später erfolgende sorgt für die Vermännlichung des Gehirns. Stimmen diese beiden Prozesse nicht überein, kann es zur Ausbildung von Transidentität kommen.


Anmerkung: Das Trevor Project ist eine US-amerikanische non-profit Organisation und Betreiber der einzigen US-weiten rund-um-die-Uhr Krisen- und Suizid-Telefonseelsorge (The Trevor Helpline) für jugendliche Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender.


Literatur

Kranz, G. S., Hahn, A., Kaufmann, U., Küblböck, M., Hummer, A., Ganger, S., Seiger, R., Winkler, D., Swaab, D. F., Windischberger, C., Kasper., S. & Lanzenberger, R. (2014). White matter microstructure in transsexuals and controls investigated by diffusion tensor imaging. Journal of Neuroscience, 34, 15466-75; doi: 10.1523/JNEUROSCI.2488-14.2014.
http://de.wikipedia.org/wiki/Transidentit%C3%A4t (11-08-17)
Spizzirri, Giancarlo, Duran, Fábio Luis Souza, Chaim-Avancini, Tiffany Moukbel, Serpa, Mauricio Henriques, Cavallet, Mikael, Pereira, Carla Maria Abreu, Santos, Pedro Paim, Squarzoni, Paula, da Costa, Naomi Antunes, Busatto, Geraldo F. & Abdo, Carmita Helena Najjar (2018). Grey and white matter volumes either in treatment-naïve or hormone-treated transgender women: a voxel-based morphometry study, Scientific Reports, doi:10.1038/s41598-017-17563-z.
http://www.voepp.at/patienten/transidentitaet/ (13-05-01)
https://de.wikipedia.org/wiki/Trevor_Project (18-03-03)



Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

Werbung



You must be logged in to post a comment.



Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2018