Transidentität

Die meist synonym verwendeten Begriffe Transidentität, Transsexualität bzw. Transgender beschreiben das Phänomen, dass die Geschlechtsidentität eines Menschen vom biologischen Geburtsgeschlecht abweicht, wobei die Geschlechterrolle sich nicht allein durch die Sexualität sondern durch die gesamte Persönlichkeit definiert. Ob Menschen sich als Frau oder Mann sehen, wird durch die Geschlechtschromosomen (zwei X-Chromosomen bei den Frauen, ein X- und ein Y-Chromosom bei den Männern) und die Geschlechtsorgane bestimmt. Gleichzeitig ist die Geschlechtsidentität, also ob man sich in seinem Körper als Frau oder als Mann fühlt, bedeutsam, denn liegt keine Übereinstimmung zwischen dem körperlichen Geschlecht und der persönlichen Geschlechtsidentität vor, kann man sich als Mann in einem weiblichen Körper oder umgekehrt fühlen.

Die Transidentität äußert sich zwar häufig in der Empfindung der Menschen, die falschen Sexualorgane zu besitzen, jedoch ist die Transidentität kein Problem im Sinne sexueller Handlungen, sexueller Präferenzen oder sexueller Orientierung. Transidente wollen vielmehr sozial als Angehörige des jeweils körperlich anderen Geschlechts anerkannt werden und streben folglich eine Angleichung von Körper (Fremdwahrnehmung) und Selbstwahrnehmung an. Der von Experten bevorzugte Begriff Transidentität soll die Assoziation mit Sexualität und damit Missverständnisse vermeiden, die durchaus praktische Auswirkungen auf das Leben von Transidenten haben. Diese sind nicht nur allgemeiner Natur, sondern auch zum Beispiel in den Begutachtungen, die für die medizinische Behandlung und für die Namens- und Personenstandsänderung notwendig sind.

Vor allem bei der Diagnose bzw. nach einer Geschlechtsumwandlung ist Psychotherapie häufig angebracht, wobei im Zuge des Therapieprozesses die Entwicklung der Geschlechtsidentität, die psychosexuelle (transidente) Entwicklung, die aktuelle Lebenssituation sowie die eigenen Persönlichkeit bewusst gemacht werden. Ein ebenso wichtiger Aspekt bezieht auch das soziale Umfeld wie Familie, Partner, Beruf, etc. mit ein. Psychotherapie beginnt in diesem Fall also schon vor der eigentlichen medizinischen hormonellen Behandlung und sollte auch ab dieser weitergeführt werden, um die betroffenen Personen zu unterstützen und zu begleiten. Die psychotherapeutische Behandlung ist häufig auch nach erfolgten operativen Maßnahmen erforderlich, um die oft schwierige soziale und gesellschaftliche Integration zu sichern.

Transsexualität ist im übrigen kein Phänomen von Erwachsenen, denn schon Kinder merken, wenn sie im falschen Körper stecken, was sich meist schon im Grundschulalter, spätestens aber in der Pubertät bewusst äußert.

Nach der Internationalen Klassifizierung der Weltgesundheitsorganisation zählte Transsexualismus bis 2015 als Störung der Geschlechtsidentität zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, im Neuentwurf der Klassifizierung ICD-11, der 2015 vorgestellt wurde, wird Transsexualismus jedoch nur noch als ein medizinischer Zustand, als ‚gender incongruence‚ bezeichnet, und ist damit keine Persönlichkeits- oder Verhaltensstörung bzw. psychische Störung mehr.

Transidentität im menschlichen Gehirn

Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich die ganz persönliche Geschlechtsidentität jedes Menschen auch in der Vernetzung zwischen Gehirnregionen widerspiegelt und nachweisbar ist. Das Gehirn ist bekanntlich für Denken, Fühlen und Handeln verantwortlich, sodass man (Kranz et al., 2014) davon ausgegangen ist, dass auch die Geschlechtsidentität im Gehirn in irgendeiner Form repräsentiert sein muss. Man fand dabei neuronale Korrelate für das Geschlechtsempfinden in der Vernetzung des Gehirns. In einer Studie mit weiblichen und männlichen Personen als auch Transgenderpersonen fanden sich signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Mikrostruktur der Gehirnverbindungen, wobei Transgenderpersonen eine Mittelstellung zwischen den beiden Geschlechtern einnahmen. Man vermutet, dass eine ungleiche Anzahl, eine unterschiedliche Dicke oder Dichte von Nervenfasern oder auch eine unterschiedlich dicke Isolationsschicht für die Unterschiede verantwortlich sein könnten. Da sich die Geschlechtsidentität in der Struktur von Hirnnetzwerken widerspiegelt liegt vermutlich auch daran, dass sich diese unter dem modulierenden Einfluss von Geschlechtshormonen im Nervensystem entwickeln. Bekanntlich kommt es bei einem männlichen Fötus während der Schwangerschaft zu zwei Anstiegen des Testosteronspiegels, während bei weiblichen Föten diese Anstiege ausbleiben. Der erste Testosteronanstieg ist für die Anlage der männlichen Geschlechtsorgane verantwortlich, der zweite später erfolgende sorgt für die Vermännlichung des Gehirns. Stimmen diese beiden Prozesse nicht überein, kann es zur Ausbildung von Transidentität kommen.

Literatur & Quellen

Kranz, G. S., Hahn, A., Kaufmann, U., Küblböck, M., Hummer, A., Ganger, S., Seiger, R., Winkler, D., Swaab, D. F., Windischberger, C., Kasper., S. & Lanzenberger, R. (2014). White matter microstructure in transsexuals and controls investigated by diffusion tensor imaging. Journal of Neuroscience, 34, 15466-75; doi: 10.1523/JNEUROSCI.2488-14.2014.
http://de.wikipedia.org/wiki/Transidentit%C3%A4t (11-08-17)
http://www.voepp.at/patienten/transidentitaet/ (13-05-01)





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