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Eine der wichtigsten Methoden, durch die PsychologInnen Erkenntnisse erlangen, ist das Experiment, wobei praktisch kein Zweig in dieser Disziplin ohne Paradigmen auskommt, die helfen, systematisch bestimmte Aspekte des menschlichen Verhaltens und seiner Steuerung durch kognitive, emotionale und motivationale Prozesse zu beleuchten und zu verstehen. Paradigmen sind dabei bereits zuvor entworfene Musterversuchsanordnungen, die für das jeweilige Experiment entsprechend adaptiert, kombiniert und weiterentwickelt werden. Man könnte diese experimentellen Paradigmen als so etwas wie ein Fenster zur menschlichen Seele bezeichnen, auch wenn der Seelenbegriff in der Psychologie schon seit langem vermieden wird. Experimente sind vor allem elementar für die psychologische Grundlagenforschung, mit diesen versucht man, die Grundfunktionen des Menschen zu verstehen und zu erklären, indem man innerhalb von solchen Versuchen unterschiedliche Bedingungen herstellt und überprüft, welche Konsequenzen diese auf das menschliche Handeln haben. Da Psychologinnen während eines Experimente manipulativ eingreifen, können sie sicher sein, dass sie Grundlegendes im menschlichen Verhalten kausal erklären und es nicht durch bestimmte Vorbedingungen beeinflusst wird. Die Allgemeine Psychologie mit der Gedächtnis-, Emotions-, Motivations-, Aufmerksamkeits-, Wahrnehmungs- und Lernforschung wäre ohne solche systematischen Experimente nicht denkbar.

Das Experiment ist ganz allgemein betrachtet eine Forschungsstrategie, bei der durch systematisch herbeigeführte Variation der unabhängigen Variablen deren Einfluss auf die abhängigen Variablen untersucht wird, wobei die übrigen Variablen konstant gehalten bzw. kontrolliert werden.

Das Experiment ist die klassische naturwissenschaftlich orientierte Forschungsmethode der Psychologie, bei der die Forscherin bzw. der Forscher einen oder mehrere Faktoren (unabhängige Variablen) manipuliert, um die Auswirkung auf eine Verhaltensweise oder einen mentalen Prozess (abhängige Variable) zu beobachten. Durch Zufallszuweisung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu verschiedenen Gruppen (randomisierte Gruppen) können andere wichtige Faktoren kontrolliert werden. Im Unterschied zum Experiment in den Naturwissenschaften ist das psychologische Experiment eine soziale Situation mit verschiedenen Fehlerquellen. Fehlerquellen beim Experimentator sind persönliche Merkmale (Alter, Geschlecht, Ängstlichkeit, etc.), das Nichtbefolgen schriftlicher Anweisungen, falsche Aufzeichnungen,  Täuschung oder Fälschung von Daten, Erwartungseffekt (Rosenthal), erzwingen daher die Forderung nach Blind- bzw. Doppel-Blind-Versuchen. Fehlerquellen bei den Probanden und Probandinnen sind – da auch diese hypothesengeleitet sind – u. a.: wollen Erwartungen des Forschers bestätigen, wollen ehrliche Resultate produzieren oder in günstigem Licht erscheinen.

Damit die Aussagekraft eines Experimentes gewährleistet ist, müssen zahlreiche Bedingungen eingehalten werden, wobei die wichtigste die Kontrolle der Variablen darstellt. Die unabhängigen Variablen sind dabei dasjenige Element eines Versuches, das aktiv und bewusst beeinflusst wird, um eine Veränderung beobachten zu können. Die Auswirkungen dieser Veränderungen betreffen die abhängigen Variablen, deren Beeinflussung durch das Experiment überprüft werden soll. Als Störvariablen bezeichnet man alle übrigen Elemente innerhalb des Versuchsaufbaus, die die abhängigen Variablen beeinflussen und so das Ergebnis des Experiments verfälschen können. Je besser die Störvariablen eines Experiments kontrolliert werden können, desto höher ist die Aussagekraft bezüglich der Wirkung der unabhängigen Variable auf die abhängige Variable.

Siehe dazu ausführlich den Hypertext Das Experiment in der Psychologie.

Die Grenzen des Experiments

Das Experiment gilt als Grundmethode der auf das physikalischen Vorbild ausgerichteten Psychologie. Analog zur Physik wird eine feste kausale Beziehung zwischen Messwert und Erscheinung angenommen bzw. vorausgesetzt. Dem gegenüber betonen Kritiker, dass psychische Erscheinungen eine grundsätzliche Inhaltsmehrdeutigkeit (Ambiguität) aufweisen, die man mit der Experimentalanordnung kategorial verfehlen kann. Das Experiment in der Psychologie ist daher in der epistemologischen Diskussion nach wie vor umstritten. In der Psychologie und auch in den anderen Sozialwissenschaften gibt es daher Grenzen für diese Methode, denn es kann etwa schon die Versuchssituation eine solch künstliche Atmosphäre erzeugen, dass die gefundenen Daten kaum auf Alltagssituationen übertragen werden können. Auch gibt es in den Humanwissenschaften moralisch-ethische Grenzen, denn jedes Experiment wird dann kritisch, wenn die Versuchspersonen dadurch beeinträchtigt oder geschädigt werden können, aber auch, wenn die Probanden und Probandinnen bezüglich der Ziele der Untersuchung getäuscht werden (siehe dazu das Milgram-Experiment). Es widerspricht auch den ethischen Richtlinien der Psychologie, wenn die Fähigkeiten der Probanden und Probandinnen etwa durch den Versuchsaufbau manipuliert werden sollen. Einem Versuchsleiter kommt daher beim Experiment eine verantwortungsvolle Aufgabe zu, was sowohl den Umgang mit allen an der Untersuchung beteiligten Personen betrifft, als auch auch hinsichtlich der Validität der erhobenen Daten (Stichwort Datenschutz).

Historisches zum Experiment

Was heute gemeinhin als die Geburtsstunde der Psychologie bezeichnet wird, begann im Jahr 1879 in Leipzig mit Gründung des ersten experimental-psychologischen Laboratoriums durch Wilhelm Wundt. Sein zunächst mit der eigenen Sammlung an Instrumentarien und Apparaten ausgestattetes Labor diente Wundt zur Erforschung allgemeiner Gesetze der menschlichen Wahrnehmung. Und das mit einigem Erfolg. Damals trat nicht nur die Psychologie ihren Siegeszug als eigenständige Wissenschaft an. Auch das Experiment etablierte sich als prototypische, unverzichtbare Methode der Psychologie. Seine Grundidee: Unter standardisierten, wiederholbaren Bedingungen werden einzelne Variablen im Versuchsaufbau systematisch variiert und anschließend ihr Einfluss aufeinander quantifiziert.

So alt wie das Laborexperiment selbst ist allerdings auch die Kritik daran: „Von Katzen, die man in einen engen Käfig sperrt“ könne man doch auch „nicht erwarten, dass sie sich natürlich verhalten“ wurde etwa dem einflussreichen Wegbereiter des Behaviorismus, Edward Thorndike, schon 1899 entgegnet. Bis heute beklagen gleichlautende Einwände, der Versuchsaufbau eines Experiments sei artifiziell, dessen Bedingungen lebensfern und die Befunde daher wenig brauchbar, um ‚echtes‘ Verhalten unter ‚realen‘ Bedingungen abzubilden. Unbestritten ist, dass der Kontext einer Untersuchung das Resultat beeinflussen kann und somit in Interpretation und Diskussion der Ergebnisse berücksichtigt werden sollte.

Menschliches Verhalten, Gedanken oder Gefühle entstehen in ständigem Zusammenspiel mit der Umwelt, deren Komplexität sich im Experiment nur bedingt simulieren lässt. Hier setzen alltagsbegleitende Studien etwa mit der Experience-Sampling Methode an: Statt unter möglichst gleichbleibenden Laborbedingungen untersuchen sie Menschen in ihrem natürlichen Habitat, der für jede und jeden unterschiedliche und nie gänzlich wiederholbare Versuchsaufbau ist der individuelle Alltag und das Handy das zentrale Messinstrument.

Literatur

https://www.uni-jena.de/Veranstaltungen/ 62_+Tagung+experimentell+arbeitender+Psychologen-p-27070.html (20-03-08)
https://testexperiment.stangl-taller.at/experimentdefinition.html (98-12-12)
https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/vom-labor-ins-echte-leben-den-alltag-vermessen/ (22-05-12)



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