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kognitive Reserve

    Das Konzept der kognitiven Reserve schreibt dem menschlichen Gehirn die Fähigkeit zu, verschiedene Schädigungen, die etwa durch Erkrankungen oder durch die natürliche Alterung entstanden sind, bewältigen zu können und so wesentliche Funktionen erhalten zu können. Man versucht mit diesem Modell zu erklären, warum einige Menschen im gleichen Alter mit ähnlichen neuronalen Schäden nicht die gleichen Symptome oder die gleichen kognitiven Beeinträchtigungen zeigen. Es gibt dabei Faktoren, die die kognitive Reserve des Gehirns zu beeinflussen scheinen, wie etwa das Gehirnvolumen, die Verbindungen zwischen Neuronen, die Gehirnaktivität, die Menschen im Laufe ihres Lebens gezeigt haben. So hat man etwa gefunden, dass ältere Menschen, die Freizeitaktivitäten nachgehen und mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbringen, ein um ein Drittel geringeres Risiko für die Entwicklung einer Demenz aufweisen.

    Der Begriff der kognitiven Reserve wurde Anfang der 90er Jahre eingeführt (Baltes & Kliegl, 1992) entwickelt, denn man hatte festgestellt, dass einige kognitiv gesunde ältere Menschen deutlich besser von einem kognitiven Trainingsprogramm profitierten als Menschen mit einem erhöhten Demenzrisiko. Dieses Ergebnis kann als Beleg für eine signifikant höhere kognitive Plastizität und Reservekapazität dieser älterenMenschen interpretiert werden. Die Theorie der kognitiven Reserve leitet sich aus Studien zur Alzheimer-Demenz ab, bei der bekanntlich ein degenerativer Prozess stattfindet, der besonders früh im Hippocampus und Parahippocampus beginnt, und bereits bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung beobachtbar ist, wobei sich der Degenerationsprozess im Verlauf der Erkrankung beschleunigt, wobei das Ausmaß der Ausfälle mit der Ausprägung der Symptomatik korreliert. Jedoch konnten erhebliche interindividuelle Unterschiede festgestellt werden, wobei eine starke Degeneration in der Pathologie der Gehirne auch bei Menschen nachgewiesen werden konnte, die zu Lebzeiten keine kognitiven Auffälligkeiten gezeigt hatten. In diesen Fällen war es trotz manifester Schädigungen nicht zu einer klinischen Manifestation gekommen. Man vermutet daher eine unterschiedliche Kompensationsfähigkeit des Gehirns, was für eine kognitiven Reserve des menschlichen Gehirns bei diesen Menschen spricht. Es wurden dabei verschiedene Modelle zur Erklärung entwickelt, wobei der Hauptunterschied zwischen diesen darin besteht, ob man die Kompensationsfähigkeit des Gehirns eher als aktiven oder eher als passiven Prozess auffasst. Bekanntlich hofft man ja bei Menschen durch gezieltes Gehirntraining den mentalen Verfall im Alter oder Krankheiten wie Alzheimer oder anderer Demenzformen minimieren können, wobei Menschen mit einer größeren kognitive Reserve eventuell die auftretenden Schäden im Gehirn etwa durch die Verwendung von alternativen neuronalen Netzwerken ausgleichen können, was diesen ermöglicht, dass ihr Gehirn trotz des erlittenen Schadens oder der Degenerierung normal funktioniert.

    Im Rahmen der HUNT4 70+ Studie haben Edwin et al. (2024) mit Hilfe eines Kohortendesigns der Zusammenhang zwischen beruflichen kognitiven Anforderungen im Alter von 30 bis 65 Jahren und klinisch diagnostizierten kognitiven Beeinträchtigungen und Demenz bei den Teilnehmern untersucht. Auf der Grundlage von Längsschnittdaten für 305 einzelne Berufe wurden vier Gruppen identifiziert: von wenig herausfordernden manuellen Tätigkeiten in der Fabrik, die Geschwindigkeit und sich wiederholende Bewegungen erfordern, bis hin zu herausfordernden Tätigkeiten, die die Analyse und Interpretation von Informationen oder kreatives Denken erfordern. Auch soziale Aufgaben wie Coaching und Öffentlichkeitsarbeit, bei denen es auf den Aufbau und die Pflege persönlicher Beziehungen ankommt, wurden als Beispiele für geistig anspruchsvolle Tätigkeiten genannt. Es zeigte sich, dass Menschen, die eine kognitiv stimulierende Tätigkeit ausübten, ein geringeres Risiko hatten, im Alter von über 70 Jahren an kognitiven Störungen und Demenz zu erkranken. Die Gruppe mit den niedrigsten kognitiven Anforderungen bei der früheren Arbeit hatte ein um 66 Prozent höheres Risiko für eine leichte kognitive Beeinträchtigung als die Gruppe mit den höchsten kognitiven Anforderungen. Dies unterstreicht die Bedeutung beruflicher kognitiver Stimulation in der Lebensmitte für den Erhalt kognitiver Funktionen im Alter.

    Anmerkung: Lange Zeit nahm man ja generell an, dass Schäden am Gehirn irreversibel seien, doch inzwischen ist deutlich geworden, dass das Gehirn sehr wohl gewisse Verletzungen reparieren oder die verloren gegangenen Funktionen zumindest teilweise ausgleichen kann. Kurze Zeit nach einer Schädigung etwa durch einem Schlaganfall wird das Hirngewebe um die Läsion herum besonders flexibel, wobei neue Zellausläufer die Bereiche mit intakten Regionen verbinden und dafür sorgen, dass diese neue Aufgaben übernehmen können. Allerdings geschieht das nur, wenn dieser Prozess nicht durch zu frühe Rehabilitationsmaßnahmen gestört wird, d. h., das Gehirn muss sich erst eine Weile ungehindert regenerieren können, bevor man die neuen Netzwerke mit einer gezielten Therapie stabilisiert.

    Literatur

    Baltes, P. B. & Kliegl, R. (1992). Further testing of limits of cognitive plasticity: Negative age differences in a mnemonic skill are robust. Developmental Psychology, 28, 121-125.
    Edwin, Trine H., Håberg, Asta K., Zotcheva, Ekaterina, Bratsberg, Bernt, Jugessur, Astanand, Engdahl, Bo, Bowen, Catherine, Selbæk, Geir, Kohler, Hans-Peter, Harris, Jennifer R., Tom, Sarah E., Krokstad, Steinar, Mekonnen, Teferi, Stern, Yaakov, Skirbekk, Vegard F. & Strand, Bjørn H. (2024). Trajectories of Occupational Cognitive Demands and Risk of Mild Cognitive Impairment and Dementia in Later Life. Neurology, 102, doi:10.1212/WNL.0000000000209353.


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    Ein Gedanke zu „kognitive Reserve“

    1. Heidelbeeren

      Vorläufige Studien deuten darauf hin, dass eine Nahrungsergänzung mit Heidelbeeren die kognitiven Leistungen verbessern und den Stoffwechsel und die Gehirnfunktion beeinflussen kann und daher eine Rolle bei der frühzeitigen Intervention zur Verhinderung der Neurodegeneration spielen könnte. Öffenbar eine kontinuierliche Nahrungsergänzung mit Heidelbeeren zum Schutz vor kognitivem Verfall beitragen kann, wenn sie bei Risikopersonen frühzeitig eingesetzt wird.
      Literatur
      Stangl, W. (2022, 13. Mai). Schützen Heidelbeeren vor kognitivem Verfall?

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