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Adoptionsstudien


Zur Abschätzung von Anlage- und Umweltanteilen bei der Vererbung von verschiedenen Merkmalen bieten sich im Humanbereich neben der Zwillingsmethode Adoptionsstudien bzw. Adoptivstudien an. Dabei wird aus den Unterschieden zwischen den biologischen Eltern und den nicht verwandten Adoptiveltern auf das Ausmaß der Erblichkeit eines Merkmals geschlossen. Durch den Vergleich der Ähnlichkeit zwischen leiblichen Eltern bzw. Geschwistern und Untersuchungskind auf der einen Seite mit der zwischen Adoptiveltern bzw. -geschwistern und Untersuchungskind auf der anderen Seite ist es möglich, die Erblichkeit von Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmalen abzuschätzen. So verweist eine höhere statistische Korrelation zwischen durch Adoption getrennten Geschwistern gegenüber durch Adoption getrennten Eltern und Kindern auf die Dominanz von genetischen Merkmalen. Die Erblichkeit wird jedoch meist überschätzt, da die Varianz der Familienumwelten auch dadurch eingeschränkt wird, dass eine positive Auswahl der Familienumwelten (selektive Plazierung) bei der Adoption stattfindet. Hochgradig schädliche Familienumwelten treten aber in der Gruppe der Adoptivfamilien sehr selten auf, sodass Adoptionsstudien deshalb tendenziell die Bedeutung der gemeinsamen Umwelt unterschätzen. Untersuchungen zeigen übrigens auch, dass Kinder in ihren Persönlichkeitsmerkmalen ihrer leiblichen Familie ähnlicher sind und zum Teil sogar mit zunehmendem Alter ähnlicher werden als ihrer Adoptivfamilie.

Die Adoptionsstudienmethode verfolgt etwa die Häufigkeit von Störungen bei adoptierten Nachkommen psychisch gestörter und nicht gestörter Menschen. Durch solche Adoptionsstudien lässt sich etwa die Erblichkeit von Erkrankungen wie der Schizophrenie bestätigen, denn das Risiko, an Schizophrenie zu erkranken, war davon unabhängig, ob die Nachkommen betroffener Menschen bei ihren betroffenen Eltern aufwuchsen oder nicht.

Bei Adoptionsstudien über die Entwicklung der Intelligenz stellte sich übrigens heraus, dass leibliche Geschwister untereinander ähnlicher sind als Geschwister und ihre Adoptivgeschwister.

Christian Kandler, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Bremen, führt aktuell (2020) mit seinem Team eine Zwillingsstudie mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen durch, um den Einfluss von verborgenen, psychologisch relevanten Merkmale zu untersuchen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden alle zwei Jahre gebeten, einen Fragebogen mit Angaben zu Lebensereignissen, ihren Einstellungen, Wertvorstellungen und ihrem typischen Verhalten und Erleben im Alltag auszufüllen, um Informationen darüber zu bekommen, inwieweit die Entwicklung der typischen Denk-, Erlebens- und Verhaltensmuster im Laufe des Lebens auf Erfahrung zurückzuführen ist, und auf welche Weise sich das genetisches Potenzial entfaltet, wobei auch festgehalten wird, ob demografische Merkmale dabei eine Rolle spielen, etwa der Berufsweg oder die Familiensituation.  Erste Daten über den Einfluss der Gene auf die Partnerwahl zeigen, dass die Partner der eineiigen Zwillinge in ihrer Persönlichkeit ähnlicher sind als die Partner von zweieiigen Zwillingen, und zwar in Merkmalen wie Toleranz, Offenheit und Religiosität. Man vermutet letztlich, dass die Rolle des genetischen Anteils mit der Zeit sinkt, d. h., dass genetisch identische Zwillinge im Laufe ihres Lebens in Bezug auf ihre Persönlichkeit unterschiedlicher werden, denn am Anfang leben diese Geschwister im selben Haushalt, haben  dasselbe soziale Umfeld, doch je älter sie werden, desto eher gehen sie ihre eigenen Wege, und werden immer mehr von individuellen Erfahrungen geprägt. So können etwa bei der Studienplatzwahl kleine Unterschiede langfristige große Auswirkungen haben.

Literatur

Bell, E., Kandler, C., & Riemann, R. (2018). Genetic and environmental influences on socio-political attitudes: Addressing some gaps in the new paradigm. Politics and the Life Sciences, 37, 236-249.
Hufer, A., Kornadt, A. E., Kandler, C., & Riemann, R. (2020). Genetic and environmental variation in political orientation in adolescence and early adulthood: a nuclear twin family analysis. Journal of Personality and Social Psychology, 118, 762-776.
Kandler, C., Penner, A., Richter, J., & Zapko-Willmes, A. (2019). The Study of Personality Architecture and Dynamics (SPeADy): A longitudinal and extended twin family study. Twin Research and Human Genetics, 22, 548-553.
Weinschenk, A., Dawes, C., Kandler, C., Bell, E., & Riemann, R. (2019). New evidence on the link between genes, psychological traits, and political engagement. Politics and the Life Sciences, 38, 1-13.


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