Scham

Scham gehört nach Ansicht des Psychologen Carroll E. Izard zu jenen zehn Grundgefühlen, die auf der ganzen Welt und in jeder Kultur vorkommen, und zwar neben Interesse, Leid, Widerwillen, Freude, Zorn, Überraschung, Furcht, Verachtung und Schuldgefühl. Bei der Scham driften Ich und Ich-Ideal auseinander, es entsteht eine Kluft zwischen der jeweiligen Person und ihren Ansprüchen an sich selbst, wobei Schuld und Scham oft nicht weit auseinanderliegen. Scham kann von manchen Menschen als sehr schmerzhaft erlebt werden, denn durch absichtliches Beschämen, Anprangern oder Demütigen nutzen manche bei anderen die Wirkung der Scham aus, um sie zu bestimmten Verhaltensweisen zu bringen bzw. diese zu beherrschen.

Bei manchen psychischen Erkrankungen sind es häufig eher Scham- als Schuldgefühle, die mit ihnen einhergehen, denn Menschen, die sich schnell schämen, neigen zu Depressionen und anderen psychischen Störungen. Während sich das Gefühl der Schuld aber auf eine meist konkrete Handlung bezieht, richtet sich die Scham häufig sehr unspezifisch auf die eigene Person. Scham kann dabei chronisch als Grundgefühl ohne greifbaren Anlass auftreten, etwa wenn sich jemand  generell minderwertig fühlt. Scham als Selbstwahrnehmungsstörung führt manchmal im Extremfall zu psychosomatischen Erkrankungen, wobei hier der Zusammenhang zwischen körperlichen Symptomen und der Psyche auch für den Experten oft nur schwer zu erkennen ist, denn die psychosomatischen Symptome sind charakteristisch auch für andere Gefühle, so etwa Herzrasen, Schweißausbruch und Zittern bei Angst oder Kopfschmerzen und Bluthochdruck bei Ärger und Wut. Die Betroffenen erleben sich dabei selbst bzw. ihren Körper als etwas Fremdes, für das ihnen das Verständnis fehlt und das wie ein Gebrauchsgegenstand repariert werden muss. Natürliche Gefühlssignale interpretieren Betroffene dabei manchmal auch als körperliche Erkrankungen und können ihre Gefühle nicht wahrnehmen oder zu beschreiben.

Scham ist dabei eine Emotion, die sich auf die ganze Person bezieht, denn die Betroffenen haben den Eindruck, dass sie als Ganzes irgendwie nicht in Ordnung sind und irgendwelchen mehr oder minder berechtigten Anforderungen nicht entsprechen. Während man im Falle einer Schuld etwas tun kann, etwa dass man Reue zeigt und Buße tut, da Schuld letztlich immer durch eigenes Verhalten entsteht, das kontrolliert werden kann und deshalb veränderbar ist, sind bei der Scham andere Menschen involviert, denn man schämt sich immer vor anderen Menschen oder Gruppen, letztlich schämt man sich aber auch vor sich selbst. Dieses Schamgefühl gegenüber anderen bedeutsamen Menschen wird verinnerlicht, d. h., man schämt sich dann gewissermaßen vor einem verinnerlichten Beobachter.

Da sich Scham eben auf die ganze Person bezieht, ist sie deshalb vergleichsweise schwierig loszuwerden, wobei Scham so unerträglich werden kann, dass Menschen beginnen sich selber zu hassen. Es gibt dabei eine Vielzahl von Strategien, mit denen Menschen versuchen, Scham abzuwehren, wobei dies meist unbewusst geschieht, wenn Menschen mit geringem Selbstwertgefühl arrogant sind und ihre Mitmenschen abwerten. Andere treten betont bescheiden auf und beugen so jeglicher Beschämung vor, andere werden perfektionistisch und kompensieren so ihre gefühlte Minderwertigkeit. Hinter einer Schamneigung stehen in der Regel Selbstwertprobleme, die auch bei einer Vielzahl von Störungen eine wesentliche Rolle spielen, etwa bei Abhängigkeiten, bei Depressionen, bei Essstörungen und sozialen Phobien.

Aktuelles: Scham betrifft nach Ansicht von Experten das menschliche Selbst und damit eine besonders empfindliche Stelle jedes Menschen. Scham gehört zu den sozialen Gefühlen wie etwa der Stolz oder Schuld, und entwickelt sich damit stets unter den Augen anderer, ist also ein sozial konditioniertes Gefühl, das Menschen auf einem richtigen Weg halten soll. In einer individualistischen und narzisstischer werdenden Kultur sind einerseits manche Menschen so unverschämt, dass sie ohne Hemmungen die Normen und Grenzen ihrer Mitmenschen verletzen, während andererseits manche Menschen an nahezu lähmender Scham leiden, weil sie sich angesichts solcher Vorbilder nicht schön, talentiert oder wohlhabend genug fühlen. Auch das öffentliche Beschämen anderer nimmt oft ungeahnte Ausmaße ein, wobei vor allem die Massenmedien Spielräume bieten, die es erlauben, sich der sozialen Kon­trolle durch Beschämung zu entziehen: Topmodel-Shows oder Dschungelcamps etwa lassen den Zuschauer öffentlich und hautnah an beschämenden Gefühlen der Akteure teilnehmen. Damit rückt das Phänomen des Fremdschämens und damit das Empfinden eines beschämenden Gefühls, wenn man jemanden anderen dabei beobachtet, wie er oder sie eine Norm verletzt, in den Mittelpunkt. Auch Fremdschämen zählt zu den sozialen Emotionen, wobei es unter diesen eine Sonderstellung einnimmt, denn man kann sich nicht stellvertretend für andere eifersüchtig fühlen oder für jemand anderen schuldig fühlen. Menschen mit hohem Einfühlungsvermögen sind anfälliger für Peinlichkeiten der Mitmenschen und tritt bei Frauen häufiger auf, was vermutlich an deren ausgeprägteren Fähigkeit zur Empathie liegt und daran, dass sich Frauen generell stärker mit Menschen identifizieren können.

Biblisches: In den Abrahamitische Religionen Judentum, Christentum und Islam führt das Bewusstsein, gegen göttliches Gebot verstoßen zu haben, zu Scham, denn Adam und Eva empfanden nach dem Sündenfall ihre Nacktheit plötzlich als unangemessen: Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. (Gen 3,7 EU). Scham beginnt daher oft mit einer Erfahrung von Schwäche, einer Versuchung nicht standzuhalten oder bestimmten Idealen nicht zu entsprechen. Scham ist darum auch ein Gefühl, das mit Selbsterkenntnis, Selbstbeobachtung, Selbstbewusstsein und Selbstgefühl zu tun hat, mit Scham verbundene Prozesse erzeugen somit auch Individualität und fördern das Gefühl eigener Identität.

Kurioses: Rotman et al. (2016) haben den Zusammenhang zwischen Emotionen und subjektivem Temperaturempfinden untersucht, denn man hatte in früheren Versuchen herausgefunden, dass Scham mit einem Gefühl erhöhter Wärme zusammenhängt, denn Scham geht meist mit Erröten einher, also einer Erhöhung der Blutmenge in der Haut von Gesicht und Hals. In einem Experiment bat man nun Probanden, sich an ein beschämendes Erlebnis zu erinnern und bot ihnen anschließend Kaffee, Kakao, Limonade und Eiskaffee an. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe griffen die schamerfüllten Probanden häufiger zu kühlen Getränken. Offenbar setzt jemand, der von Reue oder Scham erfüllt ist, auf eine Abkühlung dieses Gefühls.

Scham als Affekt findet man wie Angst vermutlich auch bei Tieren, denn wenn ein im Kampf unterlegenes Tier seinen Schwanz einzieht und gesenkten Hauptes davonschleicht, erinnert dies offensichtlich an menschliches Verhalten, wobei stets berücksichtigt werden muss, dass hier auch Anthropomorphismus eine Rolle spielen dürfte.

Philosophisches: Jacques Derridas Anknüpfungspunkt für die Beschäftigung mit dem Tier nimmt seinen Ausgang in der Begegnung mit seiner eigenen Katze:  „L‘animal nous regarde, et nous sommes nus devant lui. Et penser commence peutêtre là“. In der plötzlichen Blickbegegnung – seine Katze “ertappt” ihn, als er aus der Dusche kommt – bricht ein Moment der Anerkennung auf, der im Moment des Wechselspiels des ausgetauschten Blicks zwischen Tier und Mensch seinen Anfang nimmt. Derrida beschreibt seine Begegnung zunächst als ein Moment der Scham, eine vom fiktionalen oder realen Blick ausgelöste Reaktion gefühlter Blöße und des ungewollten Ausgeliefertseins. Diese intuitive Scham ist abhängig vom Gegenüber und dessen Einschätzung; einem als gleichgültig eingeschätztem Objekt gegenüber kann nur schwerlich Scham empfunden werden. Scham wertet das oder den Gegenüber vielmehr auf, sie setzt Achtung voraus und wirkt zwischen mindestens hierarchisch Gleichgeordneten. Der schamerzeugende Blick setzt voraus, dass man vom Blick tatsächlich getroffen wird, er muss als Einbruch in die eigene Erfahrungswirklichkeit wahrgenommen werden, kann nicht kontrolliert oder nach eigenem Belieben gesteuert werden; er versetzt dem Empfänger in einen Status erzwungener Passivität.

Literatur

Rotman, Jeff D., Lee, Seung Hwan & Perkins, Andrew W. (2016). The Warmth of our Regrets: Managing Regret through Physiological Regulation and Consumption. Journal of Consumer Psychology, doi.org/10.1016/j.jcps.2016.08.008.
Stangl, W. (2007). Die Entwicklung von Emotionen.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/EmotionEntwicklung.shtml (07-04-01)
http://www.wn.de/WN-Aktion/2776003-Alex-Talk-EOS-Klinikchef-referiert-zur-Psychologie-des-Schaemens-Auf-dem-Pfad-der-Tugend (17-04-20)
https://tierphilosophie.wordpress.com/2013/10/23/7-das-tier-als-wort-bei-jacques-derrida-das-lanimot/ (15-11-21)




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