Reizdarmsyndrom

In der Medizin bezeichnet der Begriff Reizdarmsyndrom eine Gruppe funktioneller Darmerkrankungen, die eine hohe Krankheitshäufigkeit in der Bevölkerung aufweisen. Typische Symptome des Reizdarmsyndroms sind Schmerzen oder Unwohlsein im Bauchraum zusammen mit einer Veränderung in den Stuhlgewohnheiten unter Ausschluss einer strukturellen oder biochemischen Ursache. Dass der Bauch auf Emotionen reagiert, ist seit langem mpirisch abgesichertes Wissen, aber die Forschung beschäftigt sich erst seit einigen Jahrzehnten intensiver mit dem Reizdarmsyndrom bzw. der Darmflora und ihrem Gleichgewicht, wobei man heute im Magen-Darm-Trakt die Ursache vieler psychischer Erkrankungen vermutet.

Medizinisch betrachtet sind bei einem Reizdarmsyndrom die Darmbewegungen (Peristaltik) verändert, und das Verdauungsorgan ist besonders schmerzempfindlich. Angst, Wut oder Kummer können die Beschwerden auslösen oder verstärken. Zu den Symptomen zählen chronische Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall, wobei man durch die Behandlung einzelner Beschwerden mit Schmerzmitteln oder krampflösenden Präparaten versucht, den Reizdarm in den Griff zu bekommen. Probiotika, eine Psychotherapie oder Entspannungsmethoden wie Autogenes Training können ebenfalls Linderung bringen.

Viele Menschen leiden unter Schmerzen und einem unbestimmten Unwohlsein, obwohl es keine erkennbaren organischen Ursachen gibt. Heute nimmt man solche psychosomatischen Störungen ernst, denn es ist bekannt, dass Serotonin im Darm Rezeptoren besitzt, wobei hier manche Psychopharmaka wie Antidepressiva ansetzen und wirken. Die Zusammensetzung der Darmflora ist übrigens bei allen Menschen zwar sehr ähnlich ausgeprägt, kann aber dennoch individuell verschieden sein.

Dass der Bauch durch Emotionen überhaupt belastet werden kann, hat auch anatomische Gründe, denn es gibt lange Nervenfasern, die den Magen-Darm-Trakt mit dem Gehirn verbinden, was darauf schließen lässt, dass auch der Darm und sein Innenleben auf das Gehirn wirken. Kopf- und Bauchgehirn stehen dabei im ständigen Kontakt, werden doch 90 Prozent der Informationen zum Gehirn geschickt werden, aber nur zehn Prozent in die andere Richtung, etwa wenn das Bauchgehirn Gifte meldet, denn dann veranlasst das Gehirn, dass das enterische Nervensystem motorische Reflexe auslöst und der Mensch erbricht. Von den Informationen, die das Bauchgehirn tagtäglich zum Gehirn schickt, nehmen gesunde Menschen nur die wenige davon bewusst wahr, während Menschen mit Reizmagen oder Reizdarm, die an chronischen Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung leiden viel empfindlicher auf die Informationen reagieren. Diese erhöhte Sensibilität schlägt sich auch in anderen Bereichen nieder, indem Patienten mit Reizmagen oder -darm überdurchschnittlich oft an Migräne, Depressionen, Schlafstörungen oder Angst leiden.

So treten Depressionen und Angstzustände auch nicht selten als Folge von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa und sogar im Zusammenhang mit Salmonellenvergiftungen auf. Ein ökologisches Gleichgewicht im Verdauungstrakt ist jedenfalls die Voraussetzung für einen gesunden Darm, der die Psyche nicht belastet, denn nach Schätzungen leben etwa hundert Billionen Mikroben, wobei Darmflora und Schleimhaut miteinander auskommen müssen.
Die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn erfolgt über Zytokine, also Proteine, die bei Entzündungen im gesamten Körper, also nicht alleine im Darm, ausgeschüttet werden,  in der Blutbahn zirkulieren und  das limbische System im Gehirn belasten, wo die menschlichen Emotionen gesteuert werden. Eine Ursache für einen höheren Zytokin-Gehalt im Blut kann auch Stress sein, d. h., die Darmschleimhaut wird für Mikroben durchlässiger, das Immunsystem reagiert mit der Ausschüttung dieser Proteine. Im Darm befinden sich aber zahlreiche Hormone, und diese beeinflussen durch Signale an das Gehirn wieder das Verhalten.

Siehe dazu im Detail Das Bauchhirn – das enterische Nervensystem

Literatur & Quellen
Illetschko, Peter (2013). Im Bauch der Gefühlswelt. DER STANDARD vom 27.02.2013.
Stangl, W. (2012). Das Bauchhirn das enterische Nervensystem.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/Bauchhirn.shtml (12-03-21)
http://de.wikipedia.org/wiki/Reizdarmsyndrom




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