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Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit ist der Meißel des Gedächtnisses.
Pierre-Marc-Gaston de Lévis

Kurzdefinition: Die Aufmerksamkeit dient dem Menschen als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen, indem mentale Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentriert werden. Während einige Stimuli automatisch die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, werden andere bei bestimmten Aktivitäten kontrolliert ausgewählt, wobei das Gehirn gleichzeitig auch jene Reize oft unbewusst verarbeitet, die gerade nicht im Fokus der Aufmerksamkeit stehen.

Aufmerksamkeit bezeichnet demnach die Konzentration der Wahrnehmung auf bestimmte Reize unserer Umwelt, wobei es dabei zu einer Auswahl von Informationen (Selektion) kommt, um sie dem Bewusstsein zugänglich zu machen und das Denken und Handeln zu steuern. In jeder Situation sind Menschen von einer Vielzahl von Objekten und Ereignissen umgeben, und zwar stets mehr, als sie zeitgleich wahrnehmen können, d. h., es sind in jeder Situation viel mehr Gedächtnisinhalte verfügbar als abgerufen werden können, aber es sind auch mehr Aktivitäten möglich, als tatsächlich ausgeführt werden können. Es sind daher Aufmerksamkeitsprozesse notwendig, die in jedem Augenblick immer wieder aufs Neue auswählen müssen, was wahrgenommen wird, welche Gedächtnisinhalte aktiviert werden und was getan werden soll. Im Gehirn sind daher Wettbewerb, Auswahl und Prioritätskontrolle Kernmerkmale von Aufmerksamkeitsprozessen, die für Wahrnehmung, Gedächtnis und Handlungssteuerung bedeutsam sind. Ursache dieses Mechanismus ist natürlich auch die Beschränkung der menschlichen Kapazität für die Verarbeitung von Reizen.

Nach Ansicht der Neurowissenschaftlerin Sabine Kastner in einem Zeit-Interview ist die Vorstellung der meisten Menschen von Aufmerksamkeit eine große Illusion, denn sie ist bei Weitem nicht so beständig, wie man manchmal glaubt. Auch beim Lesen dieses Textes wechselt das Gehirn mehrmals pro Sekunde seinen Fokus, ohne dass man es merkt, d. h., alle 125 bis 250 Millisekunden schwankt dabei die Aufmerksamkeit von hochfokussiert zu unfokussiert und wieder zurück. Dieser Aufmerksamkeitsrhythmus hat dabei nichts Aufmerksamkeitsspanne zu tun, die klassischerweise die Konzentration über einen längeren Zeitraum beschreibt. Der Aufmerksamkeit liegen dabei automatische Prozesse zugrunde, wobei man davon im Alltag in der Regel nichts merkt. Schon Hermann von Helmholtz hat die Frage diskutiert, ob die menschliche Wahrnehmung kontinuierlich oder diskontinuierlich ist, also sich Aufmerksamkeit über die Zeit statisch oder dynamisch verhält. Liest man etwa ein spannendes Buch, so konzentrieren man sich manchmal über lange Zeit hinweg, schweift aber sicherlich auch einmal ab, hat aber trotzdem haben den Eindruck, dass man sich lange fokussieren kann. Jeder kennt vermutlich das Phänomen, dass man beim Lesen eines Buches am Ende eines Absatzes oder einer Seite feststellt, sich nicht mehr daran zu erinnern, was man gerade gelesen hat, denn man war mit seinen Gedanken ganz wo anders. Übrigens zeigen sich dieselben Aufmerksamkeitsrhythmen auch bei Altweltaffen, d. h., es handelt sich um einen alten Mechanismus, der den Menschen evolutionär erhalten geblieben ist. Vermutlich hatte dieser ständige Fokuswechsel einen evolutionären Vorteil, denn wenn die Aufmerksamkeit auf dem Höhepunkt ist, lenkt den Menschen die Umgebung nicht so leicht ab. Wir können aber sehr gut sensorische Informationen wie Gerüche oder Geräusche wahrnehmen, die motorischen Kanäle, mit denen die Augenbewegungen oder die Beinmuskulatur gesteuert werden, sind zu diesem Zeitpunkt unterdrückt. Da aber die Intervalle zwischen den Fokuswechseln so kurz sind, kann man das aber schnell ändern, was in einer bedrohlichen Umwelt extrem wichtig gewesen sein dürfte.
Es gibt dabei möglicherweise auch einen Zusammenhang mit der Aufmerksamkeitsdefizitstörung, denn Kinder mit dieser Diagnose lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Die einen können sich nicht lange konzentrieren, die anderen hingegen sehr gut. Die erste Gruppe lässt sich sehr leicht ablenken, kann sich dadurch immer schnell einer neuen Situation etwa im Schulunterricht anpassen, aber nicht auf Inhalte über längere Zeit konzentrieren. Die anderen Kinder können sich lange auf eine Aufgabe konzentrieren, aber sobald eine neue kommt, können sie ihren Fokus nicht so leicht ändern. In beiden Fällen fehlen möglicherweise die rhythmischen Oszillationen, d. h., die erforderliche Flexibilität ist nicht vorhanden, wodurch im Alltag Probleme entstehen können.

Babys reagieren von Geburt an auf bewegte Reize mit Aufmerksamkeitszuwendung, aber auch wenn ein Kind ein plötzliches Geräusch hört, dreht es seinen Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Mit etwa 1-2 Monaten folgt die Phase des obligatorischen Schauens, die dokumentiert, dass ein Kind nicht nur lernen muss, sich einem Reiz zuzuwenden, sondern auch, sich wieder von ihm abzuwenden. Erst wenn dies gelingt, kann man von willentlich gesteuerter visueller Aufmerksamkeit sprechen. Diese willentlich gesteuerte Aufmerksamkeit ist an Gehirnprozesse gebunden, die den Thalamus, das anteriore Cingulum sowie die frontalen Augenfelder einschließen. Der Aufmerksamkeitszustand eines Kindes variiert zwischen einfachem „looking“ (schauen) und „examining“ (examinieren), wobei der letztgenannte Zustand mit einer Verlangsamung des Herzschlages zusammenfällt, was als Hinweis auf eine kortikale Beteiligung gewertet wird. Kortikal vermittelte Prozesse ermöglichen es dem Kind auch, antizipatorische, fließende Blickbewegungen auszuführen. In Versuchen mit Babys spielt die visuelle Aufmerksamkeit und die Blickpräferenz als Maß des Interesses an einem Gegenstand eine zentrale Rolle, denn sie wird als Indikator für höhere Denkprozesse unter Beteiligung des Großhirns gewertet (vgl. Johnson, 2006).

Aufmerksamkeit ist daher die Zuweisung von Bewusstseinsressourcen auf Bewusstseinsinhalte, etwa auf Wahrnehmungen der Umwelt oder des eigenen Verhaltens, sowie Gedanken und Gefühle. Als Maß für die Intensität und Dauer der Aufmerksamkeit gilt in der Psychologie die Konzentration. Der Prozess der Aufmerksamkeitszuwendung ist dabei durch Zuwendung (Orientierung) und Auswahl (Selektivität) der Gegenstände und der damit verbundenen Unaufmerksamkeit gegenüber anderen Gegenständen gekennzeichnet. Eine solche Zuwendung ist durch eine gesteigerte Wachheit und Aktivierung charakterisiert, während die Selektivität die Funktion eines Filters hat, um wichtige und unwichtige Informationen voneinander zu trennen. Die Aufmerksamkeit besitzt systematisch betrachtet daher im Alltag zahlreiche wichtige Funktionen  (vgl. Stoffer, 2008):

  • Selektion: Instanz, die darüber entscheidet, welche Inhalte beachtet bzw. welche Informationen verarbeitet werden.
  • Mobilisierung: Regelung des Grades der Aktivierung oder Mobilisierung unspezifischer psychischer Ressourcen für die Informationsverarbeitung.
  • Integration: Stiftung von Zusammenhang zwischen einzelnen Inhalten oder Prozessen.
  • Handlungssteuerung: Regelung, was in welcher Reihenfolge mit welchem Ziel getan wird.
  • Handlungskontrolle: Überprüfung der Informationsverarbeitung / Handlung dahingehend, ob sie zum Ziel führt oder nicht.

Das Gegenteil von Aufmerksamkeit lässt sich am besten mit Zerstreutheit beschreiben.

Alles zur psychologischen Bedeutung von Aufmerksamkeit findet sich im Arbeitsblatt Aufmerksamkeit.


Georg Franck meinte in seinem Buch „Ökonomie der Aufmerksamkeit„, dass Aufmerksamkeit metaphorisch gesprochen inzwischen zur Währung der Mediengesellschaft geworden ist, wobei er sich vor allem auf das Fernsehen bezog. Allerdings ist diese Aussage im Internetzeitalter wohl noch berechtigter, denn mit der Entwicklung zum Massenmedium geht es vorrangig darum, die Aufmerksamkeit eines konkreten Zielpublikums zu erhalten.


Amüsantes zum Thema Aufmerksamkeit: Christof Koch, Biophysiker und wissenschaftlicher Direktor des Allen Institute for Brain Science in Seattle, das Hirnforschung im industriellen Stil betreibt, antwortet auf die Frage des ZEITmagazins „Herr Koch, können wir zugleich reden und bewusst unser Essen genießen?“ folgendermaßen: „Wahrscheinlich nicht. Bewusstsein setzt normalerweise Aufmerksamkeit voraus. Und seine Aufmerksamkeit kann man in der Regel nur einer einzigen Sache zuwenden. Alles andere blendet die Aufmerksamkeit aus. Wenn Sie einer angeregten Unterhaltung folgen, mag das Essen die Geschmacksknospen Ihrer Zunge reizen, trotzdem schmecken Sie wenig.“ Insofern hatte die frühere Tischsitte, beim Essen nicht zu reden, auch aus diesem Grund seine Berechtigung 😉


Literatur

http://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeit (11-11-21)
http://www.lifepr.de/attachment/413696/PM_155_2012_ZiF-Forschungsgruppe+Geist+und+Gehirn.pdf (12-10-05)
Franck, G. (1998). Ökonomie der Aufmerksamkeit. München: Hanser.
Johnson, M. (2006). Developmental cognitive neuroscience. Malden, MA: Blackwell.
Pauen, Sabina & Vonderlin, Eva (2007). Entwicklungsdiagnostik in den ersten drei Lebensjahren. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.
Stoffer, T. (2008): Aufmerksamkeit. Online Enzyklopädie MSN Encarta.
http://www.zeit.de/2013/44/christof-koch-bewusstsein-hirnforschung (13-10-25)
https://www.zeit.de/digital/internet/2018-10/sabine-kastner-psychologie-aufmerksamkeit-konzentration-smartphone-gehirn/komplettansicht (18-10-17)



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