Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit ist der Meißel des Gedächtnisses.
Pierre-Marc-Gaston de Lévis

Kurzdefinition: Die Aufmerksamkeit dient dem Menschen als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen, indem mentale Ressourcen auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentriert werden. Während einige Stimuli automatisch die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, werden andere bei bestimmten Aktivitäten kontrolliert ausgewählt, wobei das Gehirn gleichzeitig auch jene Reize oft unbewusst verarbeitet, die gerade nicht im Fokus der Aufmerksamkeit stehen.

Aufmerksamkeit bezeichnet demnach die Konzentration der Wahrnehmung auf bestimmte Reize unserer Umwelt, wobei es dabei zu einer Auswahl von Informationen (Selektion) kommt, um sie dem Bewusstsein zugänglich zu machen und das Denken und Handeln zu steuern. In jeder Situation sind Menschen von einer Vielzahl von Objekten und Ereignissen umgeben, und zwar stets mehr, als sie zeitgleich wahrnehmen können, d. h., es sind in jeder Situation viel mehr Gedächtnisinhalte verfügbar als abgerufen werden können, aber es sind auch mehr Aktivitäten möglich, als tatsächlich ausgeführt werden können. Es sind daher Aufmerksamkeitsprozesse notwendig, die in jedem Augenblick immer wieder aufs Neue auswählen müssen, was wahrgenommen wird, welche Gedächtnisinhalte aktiviert werden und was getan werden soll. Im Gehirn sind daher Wettbewerb, Auswahl und Prioritätskontrolle Kernmerkmale von Aufmerksamkeitsprozessen, die für Wahrnehmung, Gedächtnis und Handlungssteuerung bedeutsam sind. Ursache dieses Mechanismus ist natürlich auch die Beschränkung der menschlichen Kapazität für die Verarbeitung von Reizen.

Babys reagieren von Geburt an auf bewegte Reize mit Aufmerksamkeitszuwendung, aber auch wenn ein Kind ein plötzliches Geräusch hört, dreht es seinen Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Mit etwa 1-2 Monaten folgt die Phase des obligatorischen Schauens, die dokumentiert, dass ein Kind nicht nur lernen muss, sich einem Reiz zuzuwenden, sondern auch, sich wieder von ihm abzuwenden. Erst wenn dies gelingt, kann man von willentlich gesteuerter visueller Aufmerksamkeit sprechen. Diese willentlich gesteuerte Aufmerksamkeit ist an Gehirnprozesse gebunden, die den Thalamus, das anteriore Cingulum sowie die frontalen Augenfelder einschließen. Der Aufmerksamkeitszustand eines Kindes variiert zwischen einfachem „looking“ (schauen) und „examining“ (examinieren), wobei der letztgenannte Zustand mit einer Verlangsamung des Herzschlages zusammenfällt, was als Hinweis auf eine kortikale Beteiligung gewertet wird. Kortikal vermittelte Prozesse ermöglichen es dem Kind auch, antizipatorische, fließende Blickbewegungen auszuführen. In Versuchen mit Babys spielt die visuelle Aufmerksamkeit und die Blickpräferenz als Maß des Interesses an einem Gegenstand eine zentrale Rolle, denn sie wird als Indikator für höhere Denkprozesse unter Beteiligung des Großhirns gewertet (vgl. Johnson, 2006).

Aufmerksamkeit ist daher die Zuweisung von Bewusstseinsressourcen auf Bewusstseinsinhalte, etwa auf Wahrnehmungen der Umwelt oder des eigenen Verhaltens, sowie Gedanken und Gefühle. Als Maß für die Intensität und Dauer der Aufmerksamkeit gilt in der Psychologie die Konzentration. Der Prozess der Aufmerksamkeitszuwendung ist dabei durch Zuwendung (Orientierung) und Auswahl (Selektivität) der Gegenstände und der damit verbundenen Unaufmerksamkeit gegenüber anderen Gegenständen gekennzeichnet. Eine solche Zuwendung ist durch eine gesteigerte Wachheit und Aktivierung charakterisiert, während die Selektivität die Funktion eines Filters hat, um wichtige und unwichtige Informationen voneinander zu trennen. Die Aufmerksamkeit besitzt systematisch betrachtet daher im Alltag zahlreiche wichtige Funktionen  (vgl. Stoffer, 2008):

  • Selektion: Instanz, die darüber entscheidet, welche Inhalte beachtet bzw. welche Informationen verarbeitet werden.
  • Mobilisierung: Regelung des Grades der Aktivierung oder Mobilisierung unspezifischer psychischer Ressourcen für die Informationsverarbeitung.
  • Integration: Stiftung von Zusammenhang zwischen einzelnen Inhalten oder Prozessen.
  • Handlungssteuerung: Regelung, was in welcher Reihenfolge mit welchem Ziel getan wird.
  • Handlungskontrolle: Überprüfung der Informationsverarbeitung / Handlung dahingehend, ob sie zum Ziel führt oder nicht.

Das Gegenteil von Aufmerksamkeit lässt sich am besten mit Zerstreutheit beschreiben.

Alles zur psychologischen Bedeutung von Aufmerksamkeit findet sich im Arbeitsblatt Aufmerksamkeit.

Amüsantes zum Thema Aufmerksamkeit: Christof Koch, Biophysiker und wissenschaftlicher Direktor des Allen Institute for Brain Science in Seattle, das Hirnforschung im industriellen Stil betreibt, antwortet auf die Frage des ZEITmagazins „Herr Koch, können wir zugleich reden und bewusst unser Essen genießen?“ folgendermaßen: „Wahrscheinlich nicht. Bewusstsein setzt normalerweise Aufmerksamkeit voraus. Und seine Aufmerksamkeit kann man in der Regel nur einer einzigen Sache zuwenden. Alles andere blendet die Aufmerksamkeit aus. Wenn Sie einer angeregten Unterhaltung folgen, mag das Essen die Geschmacksknospen Ihrer Zunge reizen, trotzdem schmecken Sie wenig.“ Insofern hatte die frühere Tischsitte, beim Essen nicht zu reden, auch aus diesem Grund seine Berechtigung 😉

Quellen
http://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeit (11-11-21)
http://www.lifepr.de/attachment/413696/PM_155_2012_ZiF-Forschungsgruppe+Geist+und+Gehirn.pdf (12-10-05)
Johnson, M. (2006). Developmental cognitive neuroscience. Malden, MA: Blackwell.
Pauen, Sabina & Vonderlin, Eva (2007). Entwicklungsdiagnostik in den ersten drei Lebensjahren. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.
Stoffer, T. (2008): Aufmerksamkeit. Online Enzyklopädie MSN Encarta.
http://www.zeit.de/2013/44/christof-koch-bewusstsein-hirnforschung (13-10-25)




Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017