Feldtheorie

Die Feldtheorie stellt ein von Kurt Lewin konzipiertes, dynamisches Modell zur Analyse individuellen und sozialen Verhaltens dar und verbindet Grundbegriffe der Gestaltpsychologie mit den physikalischen Begriffen wie Feld und Kraft und ist topologisch darstellbar. Lewin geht davon aus, dass menschliches Verhalten zielgerichtet und eine Funktion des für das Individuum zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebenen Lebensraumes ist. Der Lebensraum umfasst dabei sowohl die Person selbst als auch ihre Umgebung, wobei sich der Lebensraum in einzelne Regionen gliedert, die einen je unterschiedlichen Aufforderungscharakter für die Person besitzen (Valenzen) und die durch unterschiedlich starke Barrieren voneinander abgegrenzt sind. Das konkrete Verhalten (Lokomotion) ist als eine Resultierende aus den anziehenden und abstoßenden Feldkräften, die auf das Individuum einwirken, vektorpsychologisch darstellbar. Lewin versuchte also, psychische Gegebenheiten mathematisch zu formulieren, betonte aber, dass der Lebensraum nicht mit objektiven, physikalischen Begriffen zu beschreiben sei, sondern immer nur so, wie er für das jeweilige Individuum existiert. So ist etwa der Lebensraum eines Erwachsenen wesentlich differenzierter und vielschichtiger als der eines Kleinkindes.
Indem Lewin bereits zu Zeiten des Behaviorismus die Bedeutung der Situationswahrnehmung und Situationsbewertung durch das Individuum hervorgehoben hat, gilt er ein wichtiger Wegbereiter der kognitiven Psychologie. Die Feldtheorie wird heute eher als allgemeine Rahmentheorie aufgefasst, mit deren Hilfe handlungs- und motivationspsychologische Fragestellungen ebenso bearbeitet werden können wie etwa arbeits- und sozialpsychologische Fragestellungen. Lewin begründete die Aktionsforschung und die ökologische Psychologie und trug u.a. wichtige Erkenntnisse zur Gruppenpsychologie, zur Leistungsmotivations- und zur Führungsstilforschung bei.

Verhalten ist eine Funktion von Person- und Umweltfaktoren

Lewins universelle Verhaltensgleichung V = f(P,U) bzw. f(Lr). besagt, dass Verhalten eine Funktion von Person und Umwelt bzw. des Lebensraums ist.  Für Lewin kann nur die gegenwärtige Situation Verhalten beeinflussen, denn Vergangenheit und Zukunft haben nur insofern Erklärungs- und Prognosewert, als sie unmittelbaren Einfluss auf die Gegenwart haben. Mit bestimmten Feldern sind passende Verhaltenstraditionen verknüpft, die Menschen von den Eltern und anderen Vorbildern gelernt haben, denn auf dem Schulhof darf gelärmt, auf dem Sportplatz gebrüllt werden, im Zimmer des Schuldirektors oder in einem Krankenhaus hingegen nicht. Menschen bewegen sich bei einem Begräbnis anders als in einem Faschingsumzug, anders in einem belebten Urlaubsort als in einer Kirche. Sobald ein Mensch durch das Portal einer Kirche tritt, verändert sich üblicherweise sein Verhalten: Die Schritte werden gemessener, die Bewegungen feierlicher, der Blick richtet sich beeindruckt nach oben, und wenn der Kirchenbesucher nicht alleine ist, wird zwischen ihm und den Begleitern nicht mehr gesprochen, sondern geflüstert, selbst in einer sonst leeren Kirche.  Dieses Verhalten verweist auf die Lewinsche Formel V = f(P,U), dass ein konkretes menschliches Verhalten immer eine Funktion von persönlichen Merkmalen wie Erfahrungen oder früheren Lernprozessen und der jeweiligen Umgebung ist, dass sich also das Verhalten ändert, wenn Menschen in eine andere Umwelt überwechseln, also von der Straße in eine Kathedrale, von einem belebten Marktplatz in ein  Restaurant mit festlich gedeckten Tischen.

Literatur
Lück, Helmut E. (1996). Die Feldtheorie und Kurt Lewin. Eine Einführung. Weinheim: Psychologie Verlags Union.




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