Hypermnesie – hyperthymestisches Syndrom

Hypermnesie bzw. hyperthymestische Syndrom (highly superior autobiographical memory) ist in der Gedächtnispsychologie die Bezeichnung für eine übermäßiges Maß an Erinnerungen, wie sie manchmal in hypnotischen Sitzungen auftreten. Auch im Alltag erleben manche Menschen, dass sie in besonderem Maße von Erinnerungen aus der Vergangenheit bedrängt werden.  In Experimenten konnte auch gezeigt werden, dass Menschen sich zu einem späteren Zeitpunkt an mehr erinnern als zu einem früheren, wenn also etwa Zeugen mehrmals zu einem Unfall befragt werden, kann es sein, dass sie bei der dritten Befragung mehr korrekte Erinnerungen wiedergeben können als bei der ersten. Meist tritt dieses Phänomen dann auf, wenn wiederholte Erinnerungsaufforderungen innerhalb kurzer Zeit erfolgen, wobei es vermutlich im Gehirn zu einer Aktualisierung von Verknüpfungen kommt.

Anders als viele andere Gedächtnisphänomene ist dieses spezielle Erinnerungsvermögen bis heute wenig untersucht worden, was auch daran liegt, dass bisher so wenige Menschen mit diesem Syndrom gefunden worden sind. Zumindest besteht aber kein Zusammenhang mit Intelligenz, denn die Betroffenen schneiden nur in wenigen Tests besser ab als die Kontrollpersonen, bzw. bewältigten die meisten Aufgaben eher durchschnittlich. Menschen mit mit dieser Form von Erinnerung schneiden daher auch in Prüfungen nicht besser als andere Menschen ab, denn ihre Fähigkeit äußert sich ausschließlich darin, bestimmte Erinnerungen abrufen zu können, die in Bezug zu ihrem Leben und bestimmten Erfahrungen stehen. Bei Gehirnscans zeigte sich, dass bei Menschen mit Hypermnesie die Verbindung frontaler Hirnbereiche mit den temporalen Arealen besonders stark ausgeprägt ist, was für den Abruf aus dem autobiografischen Gedächtnis besonders wichtig sein dürfte. Eine Hypothese lautet daher, dass für diese Menschen episodische Erinnerungen, also bestimmte kontextuelle Erinnerungen autobiografischer Ereignisse in gewisser Hinsicht zu harten Fakten werden, sodass diese Menschen ihre semantischen Fähigkeiten, also ihre Fähigkeit Ideen und Konzepte zu verarbeiten, die nicht von einer persönlichen Erfahrung abgeleitet sind, dafür zusätzlich ausnutzen und als Ergebnis davon ein detailreiches episodisches Gedächtnis entwickeln. Dabei wird ein bestimmtes Datum  mit einer Reihe von Ereignissen assoziiert, die sehr eng miteinander verbunden sind und sofort als Reaktion zu dem Datum wieder hervorgeholt werden können, dass also Cluster oder umfangreiche Chunks aktiviert werden.

Unklar in diesem Zusammenhang ist natürlich, ob die beobachteten Veränderungen im Gehirn die Ursache für das gesteigerte Erinnerungsvermögen darstellen, oder ob sich das Gehirn erst auf Grund der außergewöhnlichen Gedächtnisleistung und der regelmäßigen Nutzung dieser Fähigkeit verändert hat. Es ist bislang auch unbekannt, ob Menschen mit dem Syndrom geboren werden oder diese Fähigkeit erst in ihren frühen Lebensjahren entwickeln.

In der Psychoanalyse versteht man unter hypermnestischen Träumen das Phänomen, dass dem Träumenden Personen, Ereignisse oder Gegebenheiten erscheinen, die sie bewusst noch nie gesehen haben. Es stellte sich jedoch häufig heraus, dass in diesen Träumen manchmal Ereignisse in das Bewusstsein geraten, die im Unbewussten gespeichert waren.

Literatur
LePort, A. K. R. et al. (2012). Beha­vioral and Neuroanatomical Investigation of Highly Superior Autobiographical Memory (HSAM). Neurobiology of Learning and Memory, 98, 78–92,.
Parker, E. S. et al. (2006). A Case of Unusual Autobiographical Remembering. Neurocase, 12, 35–49.



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