Zorn

Zorn bezeichnet eine reaktive Emotion, die auf Kränkung, Enttäuschung oder Versagung zurückzuführen ist. Der Zorn ist dabei ein elementarer Zustand starker emotionaler Erregung mit unterschiedlich aggressiver Tendenz, der zum Teil mit vegetativen Begleiterscheinungen verknüpft ist. Die Emotion Zorn ist ist in der Regel auch für Außenstehende sichtbar, denn bei einem Menschen, der wütend ist, ist die Haut gerötet, die Stimme zittert, der Atem geht schneller, die Augen verfinstern sich, die Nasenflügel sind gebläht, die Lippen zusammengepresst. Menschen, die ihren Zorn zeigen, gelten schnell als ungehobelt und primitiv. Jedoch: Negative Emotionen Zorn und Wut sind nicht von vornherein schlecht, denn durch sie haben Menschen auch gelernt zu überleben, Gefahren zu erkennen und diesen auszuweichen. Die Psychologie grenzt manchmal die Wut von Zorn und Ärger ab, indem sie von einem höheren Erregungsniveau und stärkerer Intensität spricht, wobei der Zorn in der Regel als distanzierter definiert wird als die Wut.
Bereits im 2. Lebensjahr zeigt ein Kleinkind die meisten Grundemotionen, darunter eben auch Zorn, Wut oder Widerwillen, wobei ein Kind, wenn eigene Impulse nicht nach außen gerichtet werden können, diese gegen das eigene Selbst gerichtet werden, etwa in Form von Autoaggression: Ein Kind empfindet Zorn gegen jemanden, schlägt aber sich selbst, weil es nicht wagt, diesen Zorn der eigentlichen Zielperson gegenüber zu zeigen. Es identifiziert sich mit der Zielperson: „Ich bin er – und so werde ich ihn schlagen“! Siehe dazu Temper tantrum. Bei Kindern gehören Wutanfälle in einer bestimmten Phase zur normalen psychischen Entwicklung.

Aus der Sicht der Psychologie ist Zorn zunächst neutral zu bewerten, denn durch ihn werden anderen Menschen klare Grenzen vermittelt, Warnsignale gesetzt, dabei sie selber von einer inneren Spannung befreit, die manche zu präzisen Einsichten in eigene Schwachstellen führen und zu Veränderungen auffordern können. Zorn wirkt letztlich bei Unterdrückung auf Körper und Geist destruktiv, wobei aufgestaute Wut zu krankhafter Schwermut führen kann.

Auch biologisch ist die Zorn eine sinnvolle Regung, denn sie setzt wie Wut eine Kaskade physiologischer Reaktionen in Gang: Stresshormone wie Kortisol, Noradrenalin und Adrenalin zirkulieren verstärkt durch den Organismus, lassen unter anderem den Blutzuckerspiegel und den Blutdruck steigen. Herz, Lunge, Gehirn und Muskeln werden mit zusätzlichem Blut aus dem Gewebe versorgt. Der Puls schnellt in die Höhe, plötzlich ist man hellwach, voller Energie, bereit, um auf ein Ärgernis, Stress oder Gefahren zu reagieren, auch um zu kämpfen oder zu fliehen. Forscher nehmen an, dass sichtbarer Zorn ein Gegenüber derart einschüchtern kann, dass es erst gar nicht zu einer Auseinandersetzung kommt und so indirekt ein Konflikt vermieden werden kann. Manche Menschen – vor allem auch Kinder – neigen jedoch dazu, ihren Zorn auf sich selber zu projizieren, was sich auf die seelische Balance auswirken kann, denn so lässt sich die Ursache vieler Depressionen in verinnerlichtem Zorn finden.

Historisches: Seneca widmete dem Zorn das Buch „De Ira“, in dem er diese impulsive Regung als etwas Schädliches, Ungesundes, Auszumerzendes beschrieb, denn Zorn sei eine kurze Geisteskrankheit die der Vernünftige vermeiden müsse: „Machen wir uns frei von diesem Übel! Reinigen wir unseren Geist! Rotten wir aus, was selbst aus noch so zarten Trieben überall da wieder emporschießt, wo es Wurzeln treiben kann!“ Von Jesus heißt es in der Bibel, dass er die Pharisäer, die ihn genau beobachteten, ob sie ihn anklagen könnten, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz angeschaut hat (Markus 3,5). Sein Zorn soll eine Distanz ausdrücken, aber nicht den Abbruch der Beziehung. Buddha meint: „An Zorn festhalten ist wie Gift trinken und erwarten, dass der Andere dadurch stirbt.“ Francis Bacon beschrieb sie im 17. Jahrhundert als typische Emotion von Schwachen, vornehmlich von Kindern, Frauen, Alten und Kranken. Im Buddhismus etwa gilt Zorn als Hindernis auf dem Pfad der Erleuchtung, und buddhistische Mönche versuchen, sich von  Gefühlswallungen durch Meditation zu befreien. Muslime glauben, dass er von Satan herrührt, und im Christentum zählte er ab dem Frühmittelalter zu den sieben Todsünden.

Literatur

Kienle, D. & Witte, S. (2016). Warum es gesund ist, die Wut rauszulassen. GEO Kompakt Nr. 49 – Das Böse.
http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/EMOTION/ (12-11-21)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/EmotionEntwicklung.shtml (12-11-21)
http://psychologie-news.stangl.eu/159/angstabwehrmechanismen (12-11-21)
https://de.wikipedia.org/wiki/Zorn (14-11-01)




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