Testosteron

Testosteron ist das wichtigste Männlichkeitshormon, das in den Hoden aus Cholesterin gebildet wird, und über das Blut in die verschiedenen menschlichen Organe wie Gehirn, Hoden, Prostata, Haarwurzeln, Muskeln und Knochen gelangt, wo es in den einzelnen Zellen an die Testosteronrezeptoren andocken und seine spezifischen Wirkungen entfalten kann.
Zu Beginn der Pubertät etwa im Alter von acht Jahren wird  im Hypothalamus, dem Bereich des Zwischenhirns, in dem die vegetativen Funktionen des Körpers gesteuert werden, das luteinisierende Hormon (LH) produziert, das die Hirnanhangdrüse zur Hormonausschüttung stimuliert. Diese Hormone gelangen dann in den Blutkreislauf und lösen die unterschiedlichsten körperlichen Veränderungen aus, insbesondere in den Keimdrüsen, wodurch bei Knaben  Samenzellen produziert werden und die Produktion des Sexualhormons Testosteron beginnt. Es gibt tageszeitliche Schwankungen des Testosteronwertes im Blut, außerdem kann durch Stress oder Sport eine vorübergehende Erniedrigung des Testosteronwertes auftreten.

Nach neueren Untersuchungen („T-Senior Study: The effects of testosterone in older women“ der Monash University Melbourne) steigert Testosteron auch die verbale Lern- und Gedächtnisfähigkeit von Frauen in den Wechseljahren. Eine Studie zu den Wirkungen von Testosteron auf die Gedächtnisleistungen von Frauen in der Postmenopause, wurden 92 Frauen ein halbes Jahr täglich ein Gel auf den Oberarm gestrichen – der Versuchsgruppe ein Testosteron-Gel, der Kontrollgruppe ein Placebogel. Während und nach der Behandlung wurden die kognitiven Fähigkeiten der Frauen mittels eines computerbasierten Tests überprüft, bei dem Wörterlisten wiederholt werden mussten. Bei den Frauen mit dem Testosteronbehandlung konnte eine deutliche Verbesserung der Testleistung festgestellt werden.

Zu wenig Testosteron bei Männern – wie zu wenig Östrogen bei Frauen – fördert die Ausbildung einer Depression.

Testosteron verstärkt die Wirkung von Antidepressiva

Es ist bekannt, dass weibliche Geschlechtshormone einen starken Einfluss auf die Psyche haben, was sich etwa in Phänomenen wie dem „Baby-Blues“ nach der Geburt eines Kindes oder durch immer wiederkehrende Stimmungsschwankungen vor der Menstruation bemerkbar macht, aber auch das männliche Geschlechtshormon Testosteron hat Einfluss auf die Stimmung und das Gefühlsleben bis hin zur Libido. Bekanntlich leiden Männer in höherem Alter, wenn die Ausschüttung dieses Geschlechtshormons abnimmt, häufiger an Depressionen und einige Studien konnten bereits einen positiven Effekt einer Testosterongabe auf die Stimmung der Betroffenen nachweisen. Nun konnte nachgewiesen werden, warum, denn Testosteron erhöht die Anzahl von Serotonintransportern im menschlichen Gehirn, die bei der Gabe von Antidepressiva von Bedeutung ist. Am Beispiel einer Hormontherapie von Transsexuellen (Kranz et al., 2014), also Menschen, die das Gefühl haben, im falschen Körper zu leben und deshalb eine gegengeschlechtliche Hormontherapie erhalten, um ihr Erscheinungsbild an das jeweils andere Geschlecht anzupassen, konnte man nachweisen, dass der Serotonintransporter im Gehirn bereits nach vierwöchiger Testosterontherapie signifikant erhöht ist und dann weiter ansteigt. Auch konnte ein Zusammenhang zwischen Testosteron im Blut und der Serotonintransporterdichte nachgewiesen werden. Mit der Gabe von Testosteron kann man daher die möglichen Bindungsstellen für Antidepressiva im Gehirn erhöhen.

Testosteron beeinflusst das menschliche Entscheidungsverhalten

Testosteron stimuliert nicht nur männliche Sexualfunktionen, aggressives Verhalten und Ehrgeiz, sondern wirkt sich auch auf bestimmte Denkleistungen aus und beeinflusst Entscheidungsprozesse. So lösen Männer nach einer einmaligen Testosteronbehandlung Denkaufgaben eher schnell und impulsiv und zeigen dabei eine höhere Fehlerquote als eine Placebogruppe (Nave et al., 2018). Offenbar bewirkt der erhöhte Hormonspiegel, dass eine einmal getroffene spontane Entscheidung nicht mehr in Zweifel gezogen wird, weil die vermehrte Freisetzung von Testosteron offenbar in kritischen Situationen das Selbstvertrauen stärkt und damit auch die Überzeugung, richtig entschieden und gehandelt zu haben. Es bieten sich zwei Erklärungen an: Entweder hemmt Testosteron den Prozess, die Entscheidung nochmals zu überdenken, oder es stärkt das Gefühl des Rechthabens. Vielleicht handelt es sich um eine sinnvolle biologische Anpassung, wenn unter dem Einfluss eines erhöhten Testosteronspiegels schnelle intuitive Entscheidungen bevorzugt werden, auch wenn unklar ist, welche neurologischen Prozesse dabei ablaufen. Es gibt im präfrontalen Cortex Rezeptoren für Testosteron, sodass das Hormon daran andocken und die Hirnaktivitäten dadurch verändern könnte, die das Verhalten beeinflussen.

Testosteron im Jugendalter

Studien (Laube et al., 2017) zeigen übrigens, dass das impulsive Entscheidungsverhalten bzw. die generell erhöhte Impulsivität von Jugendlichen auf ein Ungleichgewicht in der Reifung des subcortikalen affektiven Netzwerkes und des cortikalen kognitiven Kontrollnetzwerks im Gehirn sowie ihrer Verbindungen zurückzuführen ist. Das affektive Netzwerk, insbesondere das Striatum, das an der Wahrnehmung und Bewertung von Belohnungen beteiligt ist, reift schneller als das Kontrollnetzwerk und seine Verbindungen, und erst mit zunehmendem Alter wird die Verbindung zum Kontrollnetzwerk stärker und Jugendliche lernen, sich zu gedulden und zukünftige Belohnungen wertzuschätzen. Man vermutet nach diesen Studien auch, dass Testosteron innerhalb dieser Netzwerke dieses Ungleichgewicht beeinflusst und somit die Anfälligkeit von Jugendlichen für impulsive Entscheidungen erklären könnte.

Kurioses zum Testosteron

Dieses Sexualhormon beeinflusst die Reaktion einer bestimmten Gruppe von Genen, die  auch mit der Immunantwort des menschlichen Körpers zu tun hat. In einer Studie zeigte sich, dass Männer mit erhöhtem Testosteronspiegel eine schwächere Immunantwort haben, sodass Männer stärker an Erkältungskrankheiten leiden als Frauen. In verschiedenen Untersuchungen konnten Psychologen übrigens auch zeigen, dass der Umgang mit hohen Geldsummen den Testosteronwert ebenfalls steigen lässt.

Literatur & Quellen

Kranz, Georg S., Wadsak, Wolfgang, Kaufmann, Ulrike, Savli, Markus, Baldinger, Pia Gryglewski, Gregor, Haeusler, Daniela, Spies, Marie, Mitterhauser, Markus, Kasper, Siegfried 6 Lanzenberger, Rupert (2014). High-Dose Testosterone Treatment Increases Serotonin Transporter Binding in Transgender People. Biological Psychiatry, doi: 10.1016/j.biopsych.2014.09.010.
Laube, C., Suleiman, A., Johnson, M., Dahl, R. E., & van den Bos, W. (2017). Dissociable effects of age and testosterone on adolescent impatience. Psychoneuroendocrinology, 80, 162-169.
Nave, Gideon, Nadler, Amos,  Zava, David & Camerer, Colin (2018). Single dose testosterone administration impairs cognitive reflection in men. Psychological Science.
WWW: https://www.researchgate.net/publication/316001989_Single_dose_testosterone_administration_impairs_cognitive_reflection_in_men (17-05-02)
http://www.wissenschaft-aktuell.de/artikel/Testosteron_blockiert_Denkprozesse1771015590364.html (17-05-02)





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