Mitnahmesuizid

Man spricht von einem Mitnahmesuizid oder Homozid-Suizid bzw. Murder-Suizid, wenn bei einem Suizid mehr oder minder fremde Menschen mit in den Tod genommen werden, wobei die Beteiligten willkürlich gewählt werden und keine Beziehung zum Suizidenten aufweisen. Am häufigsten findet man diese Form eines Mitnahmesuizids in unerklärbaren Verkehrsunfällen, bei denen der Suizident nicht gegen eine Mauer oder in einen Abgrund fährt, sondern den Wagen in den Gegenverkehr steuert. Allerdings ist bei einem Mitnahmesuizid das Ziel, sich selbst zu schaden, in den meisten Fällen dennoch größer ist als das Ziel, anderen Schaden zuzufügen, vor allem wenn die Folgen des Suizid für andere nicht eingeschätzt werden können. Die Feindseligkeit sich selbst gegenüber ist so stark, dass die Selbsttötung im Zentrum steht, wobei die Motivation zur Tötung anderer feindselig bis krankhaft paranoid gefärbt sein kann. Rache spielt  beim Mitnahmesuizid eine große Rolle.

Eine solche Täterin oder ein solcher Täter wurde in der Regel massiv gekränkt und ist an seinem Umfeld und an der Welt verbittert, sodass die Tat manchmal einen Racheakt an der Gesellschaft darstellt und eine Form der Anklage an diese als Botschaft enthält, womit gleichzeitig die Schuldfrage abgewehrt wird. Die mit in den Tod gerissenen Menschen gelten stellvertretend als Sündenböcke der Gesellschaft. Wer auf diese Art des Suizid Unbeteiligte mit in den Tod nimmt, will meist bewusst, dass die Umwelt seinen Schmerz, sein Leid teilt, wobei solche Menschen sich selbst als sehr bedeutend empfinden. Man vermutet daher, dass in solchen Fällen starke narzisstische Persönlichkeitszüge im Vordergrund stehen dürften, um noch posthum Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Ein Mitnahmesuizid kann aus einer akuten Situation heraus passieren, in der Regel geht dem Ereignis aber eine unterschiedlich lange Entwicklung voraus, wobei die bzw. der Betroffene sich in einer verzweifelten Situation befindet und darüber nachdenkt, wie die ihn belastende bis quälende Situation beendet werden kann. Während dieser Vorlaufzeit werden manchmal verschiedene Möglichkeiten abgewogen und es kann dann in einer konreten Situation spontan zu einem starken inneren Impuls kommen, nicht mehr leben zu wollen. In vielen Fällen bleiben aber die genauen Motive im Dunkeln, wobei Rache oder psychotische Paranoia vermutet werden können. Die Aggression bei einer Depression richtet sich gegen den Depressiven selbst und nicht gegen andere Menschen. Einen Mitnahmesuizid als Folge einer Depression bzw. depressiven Verstimmung zu bewerten, ist eher abwegig, denn Depressive haben vielmehr das Bedürfnis, ihrer Umgebung nicht zu schaden, und begehen Selbstmord und Mord nur aus dem Motiv heraus, ihre Nächsten nicht in dem von ihnen empfundenen Unglück zurückzulassen, d. h., sie begehen in der Regel nur dann einen erweiterten Suizid, wenn es um ihnen nahestehende Menschen geht.  Die Aggression bei einer Depression richtet sich stets gegen den Depressiven selbst und nicht gegen andere Menschen.

Üblicherweise gibt es daher bei einem erweiterten Suizid irgend eine Beziehung zwischen den Menschen, meist stehen sie einander sogar sehr nahe, etwa wie Eltern und Kinder oder Paare in Beziehungskrisen, doch auch bei älteren Paaren gibt es immer wieder Fälle eines erweiterten Suizids, z. B. bei unheilbaren Krankheiten oder einer aussichtslosen finanziellen Lage. Bei dieser Form eines Suizid sind häufig altruistische bzw. pseudoaltruistische Motive vorhanden, die in der Vorstellung gipfeln, nahestehende Menschen vor einer vermeintlich unentrinnbaren unglücklichen Zukunft zu bewahren. Bei den meisten Fällen eines Doppelsuizid besteht zumindest eine vermutete innere Übereinkunft über die Selbsttötung, was aber im Nachhinein in der Regel kaum beweisbar ist. Der Mitnahmesuizid ist daher eine sehr untypische Form des erweiterten Suizids.

Vom Mitnahmesuizid unterscheidet man den Massensuizid, bei dem der Suizid nach der Tötung anderer erfolgt, sowie den Amoklauf, wo das primäre Ziel die Tötung anderer ist, man aber in Kauf nimmt, selbst getötet zu werden.





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