Aggression

    Derjenige, der zum ersten Mal an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte,
    war der Begründer der Zivilsation.
    Sigmund Freud

    Aggression (aggression) bezeichnet in der Psychologie jedes körperliche oder verbale Verhalten, das mit der Absicht (Intention) ausgeführt wird und in vielen Fällen in der Absicht geschieht, jemanden zu verletzen oder zu schädigen. Das Wort entstand im 18. Jahrhundert aus dem lateinischen »aggressio«. »Aggressio« setzt sich aus »gressio« (Schreiten, Schritt, Gehen) und der Vorsilbe »ad« (heran) zusammen und bedeutete »Angriff« gewaltsamer Art, wurde aber auch im übertragenen Sinne als »Angriff durch Rede« verwendet; in der Diskussion hieß es »Schlussfolgerung«; das dazugehörige Verb »aggredior« (ad-gredior) stand sowohl dafür, sich friedlich als auch sich feindlich zu nähern (einem Menschen oder einer Sache). Im lateinischen Wortursprung bedeutet “aggredi” also einmal nur herangehen, sich nähern, auf jemanden zugehen und im aktiveren Sinne etwas ein- bzw. herausfordern. Aggression ist daher immer auch ein Ausdruck der Fähigkeit zur Selbstbehauptung und  eine wesentliche Voraussetzung für ein intaktes Selbstwertgefühl.

    Weitere Definitionen
    Von lateinisch aggredi = angreifen. Viele verschiedene Verhaltensweisen die mit der Absicht ausgeführt werden, ein Individuum direkt oder indirekt zu schädigen. Die Aggression tritt oft als Reaktion auf eine wirklich oder auch nur scheinbar drohende Minderung der eigentlichen Macht in Erscheinung. Sie richtet sich primär gegen andere Personen und Gegenstände, kann sich aber nach Ansicht mancher Aggressionsforscher auch sekundär gegen die eigene Person zurückwenden, wenn sie durch äußere Widerstände gehemmt bzw. auf Grund der Forderungen der Gesellschaft und zum Zwecke der sozialen Anpassung verdrängt wird (Selbsthass, Selbstschädigung, Selbstmord) (vgl. Dorsch & Becker-Carus, 1976, S. 11f).
    Aggression ist die Bezeichnung für jene Verhaltensweise, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meistens eines Artgenossen, intendiert wird. Als Steigerungsform der Aggression kann die Destruktion angesehen werden; Aggression ist auf Schädigung, Unterdrückung oder Ablehnung der Eigentätigkeit oder Eigenart des anderen, Destruktion auf Vernichtung und Zertrümmerung gerichtet (vgl. Dietrich & Walter, 1972, S. 18).
    Jedes Angriffsverhalten, das die Steigerung der Macht des Angreifers und die Minderung der Macht des Angegriffenen zum Ziele hat. Die Aggression tritt jeweils als Reaktion auf eine wirklich oder auch nur scheinbar drohende Minderung der eigenen Macht in Erscheinung. Sie kommt darum an allen vitalen Brennpunkten zum Vorschein, vor allem im Rahmen der sozialen Beziehungen, und zwar als Kampf, Eroberung, Bemächtigung, Unterdrückung und Vernichtung, sodann aber auch im Rahmen der sexuellen Beziehungen, und zwar als Lust an der Grausamkeit, als Lust an der Zufügung von Schmerz (Sadismus) (vgl. Dorsch & Traxel, 1963, S. 7).
    Als Aggression wird in der Umgangssprache die Verhaltensweise eines Individuums bezeichnet, die von der Absicht getragen ist, zerstörend, schädigend oder verletzend auf andere einzuwirken. Sie kann tätlich sein, sie kann aber auch verbal erfolgen oder in Intrigen, Verleumdungen usw. bestehen. Das gruppendynamische Verständnis der Aggressivität geht von der Annahme aus, dass es ich bei ihr um ein zunächst ungerichtetes Energiepotential handelt, das zur Entladung drängt (vgl. Köck & Ott, 1994, S. 16).
    Affektbedingtes Angriffsverhalten. Aggressionen können sich gegen andere Menschen, gegen Institutionen (Schulen, Staat, Kirche u.a.) und gegen das eigene Ich entladen (vgl. Brockhaus, 1966, S. 191).

    Aggressives Verhalten beruht nach der Lerntheorie wie alles sozialesVerhalten überwiegend auf Lernvorgängen, wozu das Lernen am Modell (Beobachtungs- oder Imitationslernen), Lernen am Effekt oder instrumentelles Lernen (Lernen durch Erfolg und Misserfolg), kognitives Lernen (gedankliche Prozesse, Problemlösen) oder Signallernen (klassische Konditionierung) zählen. Besonders bei Kindern kann man Modell-Lernen sehr häufig beobachten, wobei die Beeinflussung durch erwachsene Vorbilder und Medien sehr groß ist. Der lernpsychologische Ansatz kann als optimistische Variante der Erklärung von Aggression betrachtet werden, da er davon ausgeht, dass Verhaltensweisen wie Aggression durch Lernen erworben werden und damit prinzipiell auch veränderbar, also verlernbar sind, etwa durch Selbstkontrolle und Veränderung der Bedingungen. Daraus kann eine Vielzahl von pädagogischen Konsequenzen, Präventions- und Interventionsstrategien abgeleitet werden, die sich schwerpunktmäßig auf Alter, Entwicklungsstand, Ressourcen oder das Umfeld abstimmen lassen.

    Es gibt daher auch Situationen, in denen Menschen die Anwenung von Gewalt als moralisch für gerechfertigt halten. Menschen werden bekanntlich durch gemeinsame soziale Werte motiviert, die, wenn sie mit entsprechender moralischer Überzeugung vertreten werden, als zwingender Auftrag dienen können, ideologisch motivierte Gewalt auszuüben. Obwohl also die meisten Menschen jede Form von Gewalt ablehnen, gibt es dennoch Situationen, in denen diese befürwortet wird. Innerhalb einer Gruppe kann z. B. die gemeinsame Ablehnung anderer für einen starken Zusammenhalt sorgen, denn gemeinsame Feindschaft verbindet. Workman et al. (2020) haben nun in einer Studie diese dunkle Seite der Moral untersucht, indem sie spezifische kognitive und neuronale Mechanismen identifizieren konnten, die mit Überzeugungen über die Angemessenheit von gesellschaftspolitischer Gewalt verbunden sind, und haben festgestellt, inwieweit das Engagement dieser Mechanismen durch moralische Überzeugungen vorhersagbar ist. Man zeigte dazu Probanden Bilder, die politische Gewalt in Form von körperlichen Angriffen darstellen und maßen dabei ihre Gehirnaktivität. War auf den Bilder zu sehen, dass sich die Gewalt gegen eine Person gerichtet hat, deren politischer Haltung sie ablehnten, wurde das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Aufgrund ihrer moralische Überzeugung konnten sie daher den Einsatz von Gewalt in diesen Fällen demnach gut nachvollziehen. Das bedeutet, ob Menschen Gewalt gut finden, hängt von ihrem eigenen Standpunkt ab und von der Frage, gegen wen sich die Gewalt richtet. Offenbar erhöhen geteilte moralische Überzeugungen zu gesellschaftspolitischen Themen ihren subjektiven Wert und überlagern die natürliche Abneigung gegen Gewalt. Allerdings lässt sich durch diese Studienergebnisse nicht darauf schließen, dass die Probanden selbst gewalttätig werden würden, sondern ihre Reaktion weist eher auf die duldende Rolle eines Beobachters von Gewalt hin.

    Literatur

    Dorsch, F. &  Becker-Carus, C. (1976). Psychologisches Wörterbuch. Bern Stuttgart Wien: Verlag Hans Huber.
    Dietrich, G. & Walter, H. (1972). Grundbegriffe der psychologischen Fachsprache. München: Ehrenwirth Verlag.
    Dorsch, F. & Traxel, W. (1963). Psychologisches Wörterbuch. Hamburg: Richard Meiner. Bern: Hans Huber.
    Köck, P. & Ott, H. (1994). Wörterbuch für Erziehung und Unterricht. Donauwörth: Verlag Ludwig Auer.
    Brockhaus Enzyklopädie (1966). Wiesbaden: F.A. Brockhaus.
    Workman, Clifford I., Yoder, Keith J. & Decety, Jean (2020). The Dark Side of Morality – Neural Mechanisms Underpinning Moral Convictions and Support for Violence. JOB Neuroscience, 11, 269-284.
    http://www.gestalttherapie-lexikon.de/aggression.htm (11-03-21))


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