systemische Psychologie

Die systemische Psychologie entspringt dem Weltbild des Konstruktivismus und geht davon aus, dass die psychische Gefasstheit der Menschen durch Strukturen der zwischenmenschlichen Beziehungen bestimmt ist und sich in geschlossenen und offenen Systemen grundlegend unterscheidet. Die systematische Psychologie beschäftigt sich insbesondere mit komplexen Systeme, die sich durch Selbstorganisation strukturieren und selbst steuern können. Sie versucht, das komplexe menschliche Verhalten, Wahrnehmen, Denken und Fühlen zu verstehen und methodische Ansätze zu finden, um Interaktionsprozesse zwischen Menschen zu beschreiben und zu analysieren. In diesem Sinne verstehen man systemische Psychologie als einen Zugang zum bio-psycho-sozialen System Mensch, der intra- und interindividuelle Prozesse der Struktur- und Musterbildung modelliert und analysiert. Das Adjektiv „systemisch“ steht dabei für einen diziplinübergreifenden methodischen Ansatz, der als Alternative zu linearen, mechanistischen, aber auch kybernetischen Modellen dargestellt wird. Ohne Beachtung der Theorien komplexer dynamischer Systeme bleibt psychologisches Wissen fragmentarisch und unverbunden.

Die Systemtheorien bzw. das systematische Denken insbesondere in der Psychotherapie setzten sich seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch. Die systemische Psychotherapie, die systemische Beratung und die systemische Supervision bauen auf solchen Konzepten systemtheoretischer Wissenschaft auf, die auch Eingang in andere Disziplinen der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften gefunden haben. Systematische Ansätze ermöglichen es, komplexe Phänomene, die menschliches Leben und Zusammenleben charakterisieren, komplexitätsgerecht aufzufassen und eine passende Methodik zu ihrer Behandlung zu entwickeln. Nach systemischem Verständnis ist der Mensch immer zugleich als biologisches und als soziales Wesen zu betrachten, wobei die systemische Perspektive die dynamische Wechselwirkung zwischen den biologischen und psychischen Eigenschaften einerseits und den sozialen Bedingungen des Lebens andererseits ins Zentrum der Betrachtung rückt, um das Individuum und seine psychischen Bedingungen angemessen verstehen zu können. Psychische Krankheiten werden daher als Störung der Systemumweltpassung definiert, wobei die systemische Therapie und insbesondere Familientherapie spezifische Methoden zur Erklärung und Behandlung psychischer Störungen entwickelt haben.

Die systemische Psychologie unterscheidet drei Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen:

  • Symmetrische Beziehungen: beide Partner dürfen das gleiche Verhalten zeigen, z.B. vorschlagen, Ratschläge erteilen, kritisieren, berühren, Initiative ergreifen, etc.
  • Komplementäre Beziehungen: die Verhaltensweisen sind verschieden, ergänzen einander: einer fragt, einer antwortet, einer ergreift Initiative, einer wartet ab, etc.
  • Metakomplementäre Beziehungen: Ein Partner bringt den anderen dazu, ihm zu helfen, über ihn zu verfügen, ihn zu lenken (eine Klientin bringt einen Therapeuten dazu, sie zu lenken und zu bevormunden, behält aber gleichzeitig die Kontrolle, weil sie die Situation ja herbeigeführt hat).

Literatur
http://www.dgsf.org/themen/was-heisst-systemisch (11-12-14)
Stangl, W. (1989). Die Psychologie im Diskurs des Radikalen Konstruktivismus.Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn.





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