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soziale Distanz


Die soziale Distanz beschreibt in der Psychologie die subjektiv erlebte Entfernung zu einer Person oder Gruppe. Emory Stephen Bogardus entwickelte dafür eine Skala der sozialen Distanz (Bogardus-Skala), indem er die ProbandInnen fragte, wie enge soziale Beziehungen sie zu einem typischen Mitglied einer bestimmte Gruppe einzugehen bereit wären, d.h., ob sie Mitglieder einer bestimmten Gruppe als Mitbürger, als Nachbarn, im selben Wohnhaus oder als Mitglieder im gleichen Verein akzeptieren würden. Diese Skala wird vor allem zur Messung von Einstellungen gegenüber sozialen, insbesondere nationalen Gruppen verendet. Hier reichen die zur Auswahl vorgegebenen Grade der Intimität von der Billigung einer Einheirat in die eigene Familie bis hin zum Wunsch nach Ausweisung aus dem eigenen Land. Der Begriff wurde später von Edward T. Hall für eine bestimmte räumliche Distanz zwischen miteinander sprechenden Personen verwendet, wobei die soziale Distanz dabei jene interpersonelle Entfernung ist, die bei der Kommunikation zwischen diesen im Durchschnitt eingehalten wird. Siehe dazu Proxemik.

Menschen tendieren bekanntlich dazu, gegenüber ihnen Vertrauten großzügiger zu sein als gegenüber Fremden, , d. h., steht ein Mensch besonders nahe, ist man meist deutlich freigiebiger, als wenn es sich um einen Unbekannten handelt, wobei für eine funktionierende Gesellschaft die Fähigkeit, zu teilen, aber eine wichtige Voraussetzung bildet. In einer Untersuchung (Strombach et al., 2015) hat man untersucht, wie die soziale Distanz mit der Fähigkeit, zu teilen, zusammenhängt und welche Gehirnareale dabei eine Rolle spielen. Es zeigte sich erwartungsgemäß, dass die Probanden eher bereit waren, ihren Egoismus zu überwinden und zu teilen, wenn es sich bei einer fiktiven Person um einen emotional nahestehenden Menschen handelt. Bei der Entscheidungsfindung befanden sich zwei Bereiche im Gehirn im Widerstreit, wobei der der ventromediale präfrontale Cortex, zum Belohnungssystem gehört, den Egoismus kontrolliert, und das zweite Areal dabei die temporoparietale junction im hinteren Bereich des Gehirns war, die mit Empathiefähigkeit in Verbindung gebracht und ist für die Unterscheidung von selbst und fremd wichtig ist. Offensichtlich tarieren diese beiden Gehirnregionen gemeinsam aus, wie egoistisch oder grosszügig man sich in Abhängigkeit von der sozialen Distanz verhält.

Auch Großzügigkeit beim Schenken oder bei Hilfeleistungen ist eine Frage der sozialen Distanz, was sich daran zeigt, dass Menschen anderen gerne Geschenke machen, beim Umzug helfen oder die Blumen gießen, wenn jemand im Urlaub ist. Allerdings behandelt man nicht alle Menschen in seinem sozialen Umfeld gleich, denn je näher einem dieser Mensch steht, desto großzügiger verhält man sich ihm oder ihr gegenüber. Offensichtlich nimmt die Bereitschaft, andere zu unterstützen, mit der gefühlten zwischenmenschlichen Distanz ab, denn Familienangehörigen ist man eher bereit zu helfen als Menschen, die einem nicht so nahe stehen wie entfernten Bekannten oder Menschen, die man überhaupt nicht kennt, wie etwa Fremde auf der Straße. Dieses Verhalten bezeichnet man als soziales Diskontierungsverhalten, womit gemeint ist, dass die Großzügigkeit abnimmt, je ferner eine andere Person steht. Dabei spielen nach neueren Untersuchungen auch Oxytocin und Empathie eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, wem gegenüber man sich großzügig verhält (Strang et al., 2017).

Menschen hatten entwicklungsgeschichtlich betrachtet allein keine große Überlebenschancen und schlossen sich deshaleb anderen Menschen an. Das Leben in Gruppen und die besonderen Formen der Kommunikation und der Kooperation, die sich beim Zusammenleben der Menschen entwickelten, waren die Grundbedingung für das erfolgreiche Überleben, die als Einzelne Raubtieren und auch ihren Beutetieren an Muskelkraft und Geschwindigkeit erheblich unterlegen waren (Elias, 1987).

Misshandlung im Kindesalter beeinflusst das spätere Distanzverhalten

Die Misshandlung von Kindern ist bekanntlich ein Risikofaktor für die Psychopathologie im Erwachsenenalter, wobei Maier et al. (2019) in einer Untersuchung zeigen, dass durch Misshandlungen in der Kindheit das Risiko für dysfunktionales Verhalten in sozialen Interaktionen übertragen wird, indem sie die Präferenz für zwischenmenschliche Distanz und die Verarbeitung von sozialer Berührung verändern. Berührungen sind dabei von zentraler Bedeutung, da sie die Gehirnentwicklung beeinflussen, ein Gefühl für den eigenen Körper vermitteln und als Stressregulator dienen. Darüber hinaus untersuchte man die soziale Distanz, wobei die Probanden gebeten wurden, auf einen ihnen unbekannten Menschen zuzugehen und stehen zu bleiben, wenn die Distanz gerade noch als angenehm empfunden wurde. Die WissenschaftlerInnen befragten insgesamt 92 Probanden zu ihren Gewalterfahrungen und Begleiterkrankungen, wobei diese Probanden weder unter neurologischen Erkrankungen litten noch Medikamente einnahmen, was die Ergebnisse beeinflusst hätte. Die sensorische Wahrnehmung wurde überprüft, indem man mit einer Hand entweder in einer schnellen oder einer langsameren Bewegung über die nackte Haut der Schienbeine strich. Es zeigte sich, dass bei stärker traumatisierten Menschen die Distanz im Schnitt um zwölf Zentimeter größer war. Auf neuronaler Ebene zeigten Teilnehmer mit schwerer Misshandlung im Kindesalter übertriebene Reaktionen auf schnelle Berührungen im rechten somatosensorischen und hinteren insularen Cortex. Schwere Misshandlungen im Kindesalter waren mit einer verminderten Aktivierung im rechten Hippocampus als Reaktion auf langsame Berührung verbunden. Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass exteme Mißhandlungen im Kindesalter mit Überempfindlichkeit verbunden sind, die durch eine Präferenz für größere zwischenmenschliche Distanz und Unbehagen bei schneller Berührung gekennzeichnet ist.

Literatur

Ayline Maier, Caroline Gieling, Luca Heinen-Ludwig, Vlad Stefan, Johannes Schultz, Onur Güntürkün, Benjamin Becker, René Hurlemann and Dirk Scheele: Association of Childhood Maltreatment With Interpersonal Distance and Social Touch Preferences in Adulthood, The American Journal of Psychiatry, DOI: 10.1176/appi.ajp.2019.19020212.
Elias, N. (1987). On Human Beings and their Emotions: A Process-Sociological Essay. Theory, Culture & Society, 4, 339–361.
Emory S. Bogardus (1933). A Social Distance Scale. Sociology and Social Research, 17, 265-271.
Strang, S., Gerhardt, H., Marsh, N., Oroz Artigas, S., Hu,Y., Hurlemann, R. & Park, S.Q. (2017). A matter of distance – The effect of oxytocin on social discounting is empathy-dependent. Psychoneuroendocrinology, doi.org/10.1016/j.psyneuen.2017.01.031.
Strombach, T., Weber, B., Hangebrauk, Z., Kenning, P., Karipidis, I. I., Tobler, P. M. & Kalenscher, T. (2015). Social discounting involves modulation of neural value signals by temporo-parietal junction. PNAS, DOI: 10.1073/pnas.1414715112.


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