Bedürfnisaufschub

    Manch einer, der vor der Versuchung flieht,
    hofft doch heimlich, dass sie ihn einholt.
    Giovanni Guareschi

    Nicht die Zukunft ist die Zeit der Liebe.
    Was der Mensch wirklich will, will er jetzt.
    Octavio Paz

    Im Laufe des Lebens bilden sich aus den Motivationen Motive heraus, wobei die Steuerung von Handlungen zunehmend von äußeren Gefühlsauslösern in das Selbst hineinverlegt wird, doch bleiben über die Triebdynamik direkte, unreflektierte Beziehungen zwischen Gefühl und Handlung bestehen. Je kürzer die Strecke zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung ist, desto größer ist die Wiederholungstendenz. Daher ist die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub (Belohnungsaufschub, delay of gratification) eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben in der menschlichen Sozialisation, denn sie bedeutet die willentliche Regulation von Emotionen und damit auch die bewusste Steuerung von Handlungen.
    Hand in Hand geht damit Fähigkeit, das Ausbleiben der Erfüllung von Wünschen oder von erwartetem Erfolg zu ertragen bzw. Bedürfnisaufschub auszuhalten, was man auch als Frustrationstoleranz bezeichnet, die individuell unterschiedlich ausgebildet ist. Diese kann durch Selbsterziehung oder Übungsangebote von außen gestärkt werden, wobei Bedürfnisaufschub in Konsumgesellschaften nach Meinung mancher zwar wenig beliebt ist, die Fähigkeit aber zur persönlichen Autonomie entscheidend beiträgt. Untersuchungen bei Kindern haben gezeigt, dass die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub etwa auch in Verbindung zu moralischem Verhalten steht.
    Erst diese Fähigkeit macht eingehende Beschäftigung mit einem Inhalt möglich, wobei eine interessante Tätigkeit die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub fördern kann. Voraussetzung für die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub ist das Zeitverständnis als kognitive Leistung und die Fähigkeit, die eigenen Intention und die des Gegenübers nebeneinander zu repräsentieren. Dies gelingt durch willkürliche Aufmerksamkeitslenkung, durch willkürliche Beeinflussung von Emotionssymptomen (z.B. Selbstanweisungen) und durch Umdeutung des Emotionsanlasses, also in der Interaktion mit Bezugspersonen.

    Im alltäglichen Leben stehen Menschen häufig vor der Entscheidung, ob sie etwas jetzt oder erst in der Zukunft konsumieren, wobei es sich um eherbanale Dinge wie eine Flasche Champagner oder um weitreichende Fragen wie Altersvorsorge handeln kann. Die in traditionellen Wirtschaftslehren oft vertretene Anschauung, dass Menschen grundsätzlich zeitnahen Konsum bevorzugen, hat daher wenig mit der Realität zu tun, denn Menschen sind trotz ihrer starken Bedürfnisse in der Lage, etwas erst in der Zukunft zu konsumieren, indem sie etwa eine Flasche Champagner für einen besonderen Anlass aufbewahren. Zwar spielen Emotionen beim Konsum eine große Rolle, doch diese schwanken über die Zeit hinweg, wobei es es Zeitfenster gibt, in denen Verbraucher emotional besonders anfällig für sofortigen Konsum sind, etwa in der Weihnachtszeit oder um den Jahreswechsel.

    Übrigen hatten Kinder, die in einem Experiment der Versuchung widerstehen konnten, eine Süßigkeit zu essen, während die Versuchsleiterin nicht im Raum war,  Jahre später in der Schule bessere Noten als Kinder, die nicht in der Lage waren, dieser Versuchung zu widerstehen. Kinder mit Selbstbeherrschung schnitten auch bei späteren Konzentrations- und Logiktests besser ab. Außerdem scheinen sie in der Adoleszenz besser zur Stressbewältigung und zum Umgang mit bestimmten sozialen Situationen in der Lage zu sein. Die Studien deuten darauf hin, dass die früh erlernte Fähigkeit, die eigenen Impulse zu kontrolieren, später eine wichtige Rolle für den Schulerfolg und die soziale Kompetenz spielt.

    In einer  Studie fand man heraus, dass der Bedürfnisaufschub von Jugendlichen sowohl mit einer Veränderung von Gehirnstrukturen als auch deren Funktionen einhergeht, denn in einer Studie ließ man Probanden im Alter zwischen 8 und 25 Jahren eine Entscheidungsaufgabe lösen. Dabei mussten sie sich entscheiden, ob sie schnell einen kleineren Geldbetrag erhalten oder aber auf einen größeren Betrag länger warten wollten, wobei während dieser Entscheidungsaufgabe die Aktivität der bei Entscheidungen aktiven Gehirnregionen sowie deren strukturelle Verbindungen untereinander mittels Magnetresonanztomographie gemessen wurden. Es zeigte sich, dass es den Jugendlichen schwer fiel, auf den größeren Betrag zu warten, wobei die beiden Areale im Gehirn, die bei Entscheidungen aktiv werden, bei Jugendlichen noch nicht so stark miteinander verbunden waren, wie es bei Erwachsenen der Fall ist. Daher erscheinen Jugendlichen größere Belohnungen, die in der Zukunft liegen, für Jugendliche weniger attraktiv. Erst mit zunehmendem Alter wird die Verbindung zwischen den Gehirnbereichen stärker ausgeprägt, sodass auch Zukunftsziele bei Entscheidungen wichtig werden.

    Bedürfnisaufschub auch bei Tintenfischen

    Schnell et al. (2021) haben in einer interessanten Untersuchung gezeigt, dass der Versuch zur Impulskontrolle auch bei Tintenfischen funktioniert. Die in zweigeteilten Wasserbehältern sitzenden Tiere hatten die Wahl, entweder ein Weichtier, das sie nicht so gerne fressen, sofort zu bekommen, oder ihre Lieblingsspeise später. Die Tintenfische bewiesen dabei Geduld und warteten 50 bis 130 Sekunden lang, um an den begehrten Leckerbissen zu kommen. Bei dieser Studie wurde auch deren Lernfähigkeit erforscht, denn sie wurden vor die Wahl gestellt, zu einer weißen oder grauen Boje zu schwimmen, wobei nur an einer der Bojen eine Belohnung in Form einer Krabbe wartete. Sobald ein Tintenfisch gelernt hatte, an welcher Boje es die Belohnung gibt, wurde das Belohnungssystem umgekehrt, so dass er nun zur Boje mit der anderen Farbe schwimmen musste. Dabei zeigte sich, dass die Tintenfische, die am schnellsten lernten, auch bei dem Experiment zum Bedürfnisaufschub am längsten auf die begehrte Belohnung warten konnten. Offenbar hängt der Bedürfnisaufschub bei Tintenfischen auch mit deren Lernfähigkeit zusammen.

    Siehe auch Umgang mit Geld erlernen – Taschengeld

    Literatur

    Blakemore,  Sarah-Jayne & Frith,  Uta (2006). Wie wir lernen. Was die Hirnforschung darüber weiß. München: DVA.
    Oerter, R. & Montada, L. (Hrsg.). (2002). Entwicklungspsychologie. Weinheim, Basel, Berlin.
    Schnell, Alexandra K., Boeckle, Markus, Rivera, Micaela, Clayton, Nicola S. & Hanlon, Roger T. (2021). Cuttlefish exert self-control in a delay of gratification task. Proceedings of the Royal Society, doi:10.1098/rspb.2020.3161.
    Weißenböck, Verena (2006). Entwicklungspsychologische Hintergründe zum Umgang mit neuen Medien.
    WWW: http://www.therapie-weissenboeck.at/fachartikel/neue_medien.php (09-11-21)


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