Politische Psychologie

    Politische Psychologie ist ein 1860 von Adolf Bastian eingeführter Begriff, der die Erforschung der politischen Verhaltensbereitschaft von Einzelpersonen, Gruppen, Völkern und Institutionen zu Machtausübung und Herrschaft bezeichnet. Politische Psychologie befasst sich mit Zusammenhängen zwischen Macht und Herrschaft einerseits, der menschlichen Subjektivität andererseits, also mit Gefühlen, Vorstellungen, Überzeugungen und Verhalten in Politik und Gesellschaft: zwischen Nachbarn, Völkern, Minderheiten, Gruppen, aber auch Kollegen, Vorgesetzten und Untergebenen. Als wissenschaftliche Disziplin beschäftigt sie sich demnach mit dem Zusammenspiel von subjektiven Orientierungen, Motivationen, Handlungsbereitschaften und gesellschaftlichen Herrschafts- und Machtverhältnissen (Hilgers 2007, S. 4).  Um diese Fragen zu klären, beobachten Politische Psychologen die Medien, Parteien, Organisationen und gesellschaftliche Mentalitäten, erforschen die Entstehung, Verankerung und Weitergabe von politischen Haltungen, Einstellungen und Entwürfen. Die Methoden und Ansätze sind dabei äußerst vielseitig.

    Politische Psychologie widmet sich im Allgemeinen daher den komplexen Zusammenhängen von psychologischen, sozialen und politischen Prozessen. Als wissenschaftliche Disziplin untersucht sie das Zusammenspiel von subjektiven Orientierungen, Motivationen, Handlungsbereitschaften und gesellschaftlichen Herrschafts- und Machtverhältnissen. Die politische Psychologie ist somit auch eine Teildisziplin der Sozialpsychologie und befasst sich mit Fragen politischen Handelns, also z.B. mit der Frage, wie treffen PolitikerInnen Entscheidungen und welche Fehler passieren dabei? Wie lässt sich das Verhalten von WählerInnen erklären? Wie funktionieren Politik und gesellschaftliches Zusammenleben? Warum sind Menschen einer Gesellschaft mit Gewalt und Konflikten konfrontiert? Wie können Menschen möglichst konstruktiv mit Konflikten umgehen? Inwiefern können Menschen an gesellschaftlichen und politischen Prozessen teilnehmen? Wie können Menschen gestalterisch auf solche Prozesse einwirken? Welche Rolle spielen dabei individuelle sowie gesellschaftlich verankerte Werte, Normen und Einstellungen? Warum ist das Verhalten von Menschen einerseits geprägt durch Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein gegenüber Mitmenschen, während es andererseits Personen ausgrenzt und stigmatisiert? Wie kommt es zu Macht- und Ungleichheitsstrukturen, zu ungerechten Entscheidungen in Politik und Gesellschaft und warum werden diese aufrechterhalten? Wie begegnen sich Mitglieder unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, zum Beispiel Angehörige mit unterschiedlichen nationalen Identitäten? Wichtige Themen der politischen Psychologie sind aber auch Migration und Fremdenfeindlichkeit, denn die politische Psychologie ist vorwiegend eine Forschungsrichtung, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Missständen auseinandersetzt.

    Nahezu jeder Bereich gesellschaftlicher Prozesse kann somit auch zum Forschungsgegenstand Politischer Psychologie werden, wobei mithilfe gängiger Methoden der Psychologie, jedoch vorwiegend mit dem Anspruch auf Interdisziplinarität, werden wechselseitige Abhängigkeiten und Wirkungsprozesse von individuellen Einstellungen, Gefühlen, Werten, Normen und Verhaltensweisen einerseits sowie dem sozialen und politischen Umfeld andererseits untersucht. Da aber alles Handeln in gesellschaftliche und politische Bezüge eingebettet ist, ist ein solcher Gegenstandsbereich schwer abzugrenzen, denn fast jedes Erleben und Verhalten hat Bezüge zu Politischer Psychologie. Politische Psychologie als integrative Sozialwissenschaft tritt mit dem Anspruch auf, unter gleichzeitiger und zugleich wechselwirkungs-gerichteter Berücksichtigung der sozialwissenschaftlichen Trias: subjektiv-individuelle, sozial-gesellschaftliche und gesellschafts-politische Betrachtungsebene, mit den wissenschaftlichen Hilfsmitteln der Sozialwissenschaften die für politische Geschehensabläufe bestimmenden menschlichen Bedürfnisse und Verhaltensweisen zu erforschen, um damit Erkenntnismittel bereitzustellen, die für die Erlangung menschlicher Selbstverwirklichung hilfreich sein können. Sie ist pluralistisch im Sinne des Umgreifens verschiedener, jeweils in sich möglichst geschlossener, konkurrierender erkenntnistheoretischer Ansätze.

    Politische Psychologie kann somit der politischen Bildung Einblicke in psychologische Hintergründe politischen und sozialen Verhaltens liefern, die für eine nachhaltige Wirkung politischer Bildung entscheidend sein können. So liefert die Politische Psychologie etwa durch ihre Auseinandersetzung mit den Grundlagen und Einflussfaktoren von Einstellungen, Handlungen und Verhalten wichtige Erkenntnisse, die die Arbeit politischer Bildung im Bereich der Förderung demokratischen, politischen und zivilgesellschaftlichen Engagements sowie zivilcouragierten Verhaltens im schulischen und außerschulischen Bereich fördern können. In der Politische Psychologie ist etwa eine Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten wie Gerechtigkeit, Macht oder „Konflikt notwendig, insbesondere nach den Zusammenhängen zwischen den gesellschaftlichen Strukturen und den sich darin befindenden Individuen, deren Einstellungen, Emotionen, Handlungs- und Verhaltensweisen.

    Link: International Society of Political Psychology

    Literatur

    Hilgers, M. (2007). Psychologistischer Filter oder innovative Politik? Aus Politik und Zeitgeschichte, 11, 6-12.
    Moser, H. (1979). Ansätze und inhaltliche Struktur einer Politischen Psychologie. In H. Moser, (Hrsg.), Politische Psychologie. Politik im Spiegel der Sozialwissenschaften. Weinheim: Beltz, 19-52.
    Moser, H. (1998). Politische Psychologie (S. 426-429). In S. Grubitzsch & K. Weber (Hrsg.), Psychologische Grundbegriffe. Ein Handbuch. Reinbek: Rowohlt.
    Stangl, W. (2011). Berufliche Tätigkeitsfelder von PsychologInnen.
    WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/WISSENSCHAFTPSYCHOLOGIE/PsychologieTaetigkeit.shtml (11-11-17)


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