Verdrängung

Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis.
Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich.
Endlich gibt das Gedächtnis nach.
Friedrich Nietzsche

In der psychoanalytischen Theorie gilt Verdrängung als wichtigster Abwehrmechanismus, mit dessen Hilfe Gedanken, Gefühle und Erinnerungen, die Angst auslösen, aus dem Bewusstsein gedrängt werden, wobei alle anderen Formen der Abwehr  mehr oder minder auf diesem Mechanismus beruhen. In Freuds Verständnis ermöglicht die Verdrängung, unangenehme oder schmerzliche Erfahrungen ins Unbewusste zu verschieben, so dass man sich nicht mehr mit ihnen beschäftigen muss. Somit ist die Verdrängung ein grundlegender psychischer Schutzmechanismus, der Menschen das seelische Überleben ermöglicht, indem er bedrohliche oder tabuisierte Vorstellungen aus dem Bewusstsein fernhält.

Bei einer Verdrängung handelt es sich also um die unbewusste Unterdrückung eines Triebbedürfnisses (z. B. Sexualtrieb, Aggressionstrieb) oder eines irgendwie belastenden Impulses aus dem Es (z. B. Minderwertigkeits-, Schuld-, Scham- oder Angstgefühle). Eine Verdrängung steht folglich im Gegensatz zu einem entschlossenen, bewussten Triebverzicht und ermöglicht dadurch das Ausweichen vor einer bewussten Entscheidung.

Beispiel: Ein junger Mann, der kurz vor der Heirat steht, befreundet sich mit einem andern Burschen, der in ihm homoerotische Impulse auslöst. In der Regel wird ein solcher Impuls schon im Ansatz wieder zurückgewiesen, kommt also dem betroffenen Menschen gar nicht zum Bewusstsein. Würde er nämlich den homoerotischen Impuls in voller Stärke bw erleben, so löste er in dieser Situation grosse Ängste aus. Der Mann in unserem Beispiel geht folglich ruhig seines Weges und heiratet, unbehelligt von Ängsten und Zweifeln. So sehr man es ihm gönnen mag, kann man sich doch der Erkenntnis nicht entziehen, dass seine von keinerlei Zweifeln begleiteten Handlungen auf einer Selbsttäuschung beruhen.

Das Konzept der Verdrängung ist übrigens eines der wenigen Theorien Freuds, die Wissenschaftler später auf empirischer Basis überprüft haben und bestätigen konnten.

1. Definition
„Abschiebung seel. Inhalte (nach S. Freud bes. von Triebwünschen) ins Unbewußte (sic!), um deren Forderungen auszuweichen. Als unbewältigte Kräfte wirken sie unkontrolliert weiter und beeinflussen störend den Gesamtablauf seel. Geschehens; […]“ (o.A., 1968, S. 372).

2. Definition

„Verdrängung […], in der Psychoanalyse Bezeichnung für eine als neurotisch gewertete Form der psychischen Abwehr. Sie besteht darin, einen als […] Konflikt zwischen den Ansprüchen antagonistischer Triebe (z. B. Libido und Aggression) oder zwischen Es und Über-Ich ins Unterbewußtsein (sic!) zu verschieben bzw. ihn in Fällen, in denen der Konflikt selbst unbewußt (sic!) ist, am Eintritt in das Bewußtsein (sic!) zu hindern. V. ist somit ein motiviertes Vergessen. Motiviert wird es unter anderem durch Angst, die jene Konflikte hervorrufen. V. läßt (sic!) sich als der […] Versuch der Angst- und Konfliktabwehr zum Zwecke der Erhaltung […] psychischen Gleichgewichts […]verstehen. […]“ (Wimmer, 1996, S. 504).

3. Definition
„ein zentraler Begriff aus der PSYCHOANALYSE, der eng mit dem Begriff des UNBEWUSSTEN zusammenhängt. Nach Freud werden Triebrepräsentationen während der kindlichen Entwicklung ins Unbewußte (sic!) verdrängt. Das Verdrängte wirkt jedoch weiter auf das Verhalten, ohne dabei als Verhaltensmotiv erkannt zu werden. […]“ (Ulfig, 1993, S. 454).

4. Definition
„Im eigentlichen Sinne: Operation, wodurch das Subjekt versucht, mit einem Trieb zusammenhängende Vorstellungen […] in das Unbewußte (sic!) zurückzustoßen oder dort festzuhalten. Die Verdrängung geschieht in den Fällen, in denen die Befriedigung eines Triebes […] im Hinblick auf andere Forderungen Gefahr läuft, Unlust hervorzurufen“ (Laplanche & Pontalis, 1972, S. 582).

5. Definition
„Die Verdrängungslehre: […]: Die Neurosen sind der Ausdruck von Konflikten zwischen dem Ich und solchen Sexualstrebungen, die dem Ich als unverträglich mit seiner Integrität oder seinen ethischen Ansprüchen erscheinen. Das Ich hat diese nicht ichgerechten Strebungen verdrängt […]. Wenn man […] versucht, diese verdrängenden Regungen bewußt (sic!) zu machen, bekommt man die […] Kräfte als Widerstand zu spüren“ (Freud, 1920, S. 222).

Verwendete Literatur

Fellner, Richard L. (2004). Die Psychoanalyse Sigmund Freuds.
WWW: http://www.psychotherapiepraxis.at/artikel/psychoanalyse/psychoanalyse.phtml (09-05-21)
Freud, Sigmund (1920). „Psychoanalyse“ und „Libidotheorie“. In Freud, A., Bibiring, E., Hoffer, E., Kris, E. & Isakower, O. (Hrsg.), Sigm. Freud. Gesammelte Werke XIII. (S. 222). Frankfurt/Main: Fischer Verlag.
Laplanche, J. & Pontalis, J.-B. (1972). Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfur/Maint: Suhrkamp.
Lexikonredaktion des Bibliographischen Instituts (1968). Das Große DUDEN-LEXIKON in acht Bänden. Achter Band T – Z Ergänzungen und Nachträge. Speyer: Klambt-Druck GmbH
Mittelstraß, Jürgen u. a. (1996). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 4: SP – Z. Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler.
Ulfig, Alexander (1993). Lexikon der philosophischen Begriffe. Eltville: Bechtermünz.




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