Traumatisierung

Zu einer Traumatisierung kommt es, wenn ein Ereignis (Trauma) die Belastungsgrenzen eines Menschen übersteigt und dieses Ereignis nicht oder nicht richtig verarbeitet werden kann.  Solche Ereignisse können sein z. B. Missbrauch, Gewalt, lebensbedrohliche Situationen usw., wobei sich diese Folgen oft erst nach Monaten oder sogar nach Jahren bemerkbar machen. Möglicherweise verbirgt sich dahinter der Schutzmechanismus der Verdrängung, die das Erlebte für einen gewissen Zeitraum vor dem Bewusstsein verbirgt. Doch durch eine ähnliche Situation kann werden dann die Erinnerung bzw. das traumatische Erlebnis wieder aktiviert, was sich in plötzlichen unerklärlichen Ängsten, Panikattacken oder Phobien äußern kann.

Die meisten Menschen, die bedrohliche Ereignisse wie Unfälle, Katastrophen oder Überfälle erleben, verarbeiten sie relativ gut, und es ist auch normal, wenn etwa Unfallzeugen bis zu zwei Monate lang Flashbacks und Alpträume haben, da Gehirn und Psyche Zeit brauchen, um die Erlebnisse einzuordnen und zu verarbeiten. Es können bei einigen wenigen Menschen aber auch lebenslange Schäden wie massive Ängste, dauerhafte Arbeitsunfähigkeit, Depressionen und Hilflosigkeitsgefühle auftreten, wobei langfristige Anzeichen für ein Trauma Alpträume, Schlafstörungen, häufige ungewollte Erinnerungen an das Ereignis oder auch eine Zunahme des Tabak-, Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenkonsums sein können.  Unmittelbar nach einem traumatischen Erlebnis ist meist nicht klar einzuschätzen, ob etwa ein Augenzeuge eines Unfalls später Hilfe von Spezialisten brauchen wird oder nicht, denn der Adrenalinspiegel ist hoch, er ist aufgeregt und möchte meist nach der Rettungsaktion so schnell wie möglich nach Hause. Dort ist der Unfallzeuge dann oft allein mit seinen Erinnerungen. PsychologInnen empfehlen daher, in den Tagen und Wochen nach einem traumatischen Erlebnis gezielt Ablenkung zu suchen, wobei es wichtig ist, sich als Betroffener etwas Gutes zu tun, wenn man das Bedürfnis danach hat. Auch körperliche Betätigung kann dabei helfen, denn wer z.B. im Anschluss an ein traumatisches Ereignis unter Schlaflosigkeit leidet, kann Sport betreiben, denn wer körperlich erschöpft ist, schläft bekanntlich leichter ein. Für manche Zeugen von traumatischen Ereignissen ist es jedoch besser, sich in eine Therapie zu begeben, in der das Erlebte unter Anleitung aufgearbeitet werden kann. Wie gut und schnell ein Mensch die Situation nach einem Unfallerlebnis bewältigt, hängt auch von dessen sozialem Umfeld ab.

Traumatisierung definiert sich als Folge eines vitales Diskrepanzerlebnisses zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das zu Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe führt. Diese Hilflosigkeit entsteht aus Kompetenzverlust, in dem aufgrund traumatischer Desillusionierung einem selbst das Versagen zugeschrieben wird und dadurch kann es zu einer dauerhaften Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis kommen. Hierbei „entgleist“ der Verarbeitungsprozess dieses Erlebnisses wodurch der ursprüngliche traumatische Erlebniszustand als Panikzustand fortbesteht oder es zu sogenannten eingefrorenen Erlebniszuständen mit psychosomatischen und psychovegativen Reaktionen kommt (vgl. Fischer & Riedesser, 2009, S. 142f).
„Traumatisierung kann am besten als Situation beschrieben werden, in der das Subjekt von automatischer Angst überwältigt und hilflos zurückgelassen wird und in der wichtige Ich-Funktionen gehemmt oder ausgeschaltet werden. Kampf-Flucht-Reaktionen sind in der Regel unmöglich; stattdessen dominieren psychische Reaktionen, die an das so genannte Einfrieren (freeze) mit den dafür charakteristischen Phänomenen wie Betäubung der Gefühle, eingeschränkter Sinneswahrnehmung und motorischer Lähmung erinnern“ (Varvin & Beenen, 2006, S. 198).
Eine Traumatisierung erfolgt aufgrund eines Erlebnisses, das nicht verarbeitet werden kann und daher aus dem Bewusstsein des Betroffenen gedrängt wird. Aus dem Unterbewusstsein heraus entfaltet dieses Ereignis jedoch eine psychische Wirkung auf den Betroffenen, als würde er ständig mit diesem traumatischen Erlebnis konfrontiert werden. Der Terminus Traumatisierung wird meist analog dem Begriff des psychischen Traumas verwendet, hebt jedoch zusätzlich den Prozess der Einwirkung hervor (vgl. Peters, 2007, S. 563f).
„Unter einem psychischem Trauma wird ein intensives Bedrohungserlebnis verstanden, dessen Qualität deutlich außerhalb des typischen menschlichen Erlebens liegt und dessen Intensität die durchschnittlich verfügbaren psychischen Verarbeitungsgrenzen überschreitet“ (Wöller & Kruse, 2004, S 237).
Laut Terr definiert man den Begriff Traumatisierung je nach Zeitdauer auf zwei unterschiedliche Arten. Im ersten Fall erfolgt durch ein einzelnes, kurzes Ereignis wie einen Unfall, einen Überfall, Vergewaltigung oder eine Naturkatastrophe eine Traumatisierung. Dieser Vorfall prägt sich oft bis zur kleinsten Einzelheit in das Gedächtnis der Betroffenen ein und kann zu psychischen Störungen führen. Zur zweiten Kategorie der Traumatisierung kommt es aufgrund mehrmaliger, sich wiederholender oder länger andauernder Erlebnisse wie Krieg, Geiselhaft, wiederholter körperlicher oder sexueller Gewalt und Missbrauch. Hierbei kommt es nach und nach zu einem Anpassungsprozess um die traumatischen Ereignisse gedanklich und emotionell erträglicher zu machen (vgl. Terr zit. nach Hausmann, 2006, S. 43).

Literatur

Fischer, G. & Riedesser, P. (2009). Lehrbuch der Psychotraumatologie. München: Ernst Reinhardt Verlag.
Hausmann, C. (2006). Einführung in die Psychotraumatologie. Wien: Facultas Universitätsverlag.
Peters, U. (2007). Lexikon. Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. München: Urban & Fischer Verlag.
Varvin, S. & Beenen, F. (2006). Trauma und Dissoziation. Manifestation in der Übertragung und Gegenübertragung. In M. Leuzinger-Bohleber, R. Haubl & M. Brumlik (Hrsg.), Bindung, Trauma und soziale Gewalt. Psychoanalyse, Sozial- und Neurowissenschaften im Dialog (S. 197-220). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Wöller, W. & Kruse, J. (2004). Traumatisierte Patientinnen und Patienten. In W. Tress, J. Kruse & J. Ott (Hrsg.), Psychosomatische Grundversorgung. Kompendium der interpersonellen Medizin (S. 237-247). Stuttgart: Schattauer.

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