Selbsterfahrung

Selbsterfahrungen stehen in enger Beziehung mit Ereignissen aus der Vergangenheit. Schon bereits im zarten Kindesalter ist der Mensch ständig Situationen ausgesetzt und beginnt dadurch seine ersten Erfahrungen während seiner Entdeckungsreise zu machen. Als Kind ist man oft noch nicht in der Lage Einflüsse richtig abzuschätzen und eigene Entscheidungen nachhaltig zu treffen. Durch erzieherische Maßnahmen der Eltern kommt es dabei meist zur Prägung des jungen Individuums. Werner Seifert spricht dabei von einer Prägung durch die Primärgruppe (Eltern, Geschwister). Es entsteht dabei eine bipersonale Beziehung (z.B. Mutter-Kind). (vgl. Seifert, 1975) Resultierend daraus entsteht dir Frage, ob vergleichbare Einflüsse positiven oder negative Auswirkungen auf den Entwicklungsprozess des Kindes haben und ab wann bzw. ob der Mensch in der Lage ist seine eigenen Erfahrungen zu sammeln, ohne dabei von äußeren Einflüssen (z.B. gesellschaftliche Einflüsse) gesteuert zu werden. Jean Jacques Rousseau entwickelte in der Zeit der Aufklärung in Frankreich eine durchaus diskutierbare Definition für die Positionierung des Menschen. Er stufte dabei jeden Menschen so ein, dass er grundsätzlich von Natur aus gut sei, jedoch von der Gesellschaft verdorben bzw. gesteuert werde. Der bekannte Logotherapeut Viktor Erwin Frankl ging von einer objektiven Welt aus, deren Wirklichkeit wie durch ein Fernglas hindurch zumindest ausschnittsweise entdeckbar und erkundbar sei. (vgl. Lukas, 2005). Wenn wir die Aussagen Frankl’s der Rousseaus’s gegenüberstellen, können wir klare unterschiedliche Auffassungen erkennen.
„Schöpferisches Handeln beflügelt den Menschen, zieht ihn aus dem Sumpf der Trägheit, beschenkt ihn mit Selbstsicherheit und Zuversicht, stattet ihn mit neuen Kenntnissen und Erfahrungen aus.“ (Lukas, 2001, S. 95)
Ich beziehe mich sehr gerne auf das Zitat von Elisabeth Lukas, da ich ihre Formulierung im Bezug auf die Folgen schöpferischen Handels als sehr treffend empfinde.
Meiner Ansicht nach ist jedes Individuum bis zu einer gewissen Entwicklungsstufe von äußeren Prägungen abhängig, um danach in der Lage zu sein von seinem eigenständigen schöpferischen Handeln profitieren zu können. Oft kann man die ersten Schritte der Identitätsfindung zum Beispiel in der Pubertät beobachten, wenn Jugendliche den Versuch wagen sich von der Primärgruppe abzuspalten. Man wird meiner Meinung nach nie Spuren hinterlassen können, wenn man in die Fußstapfen jemand anderes tritt. Gegenteiliges würde meiner Meinung nach zu Zielkonflikten führen, was sich in Form von Sinnkrisen bemerkbar machen kann.
Sinnkrisen stehen oft in enger Beziehung mit dem Versagen im Bereich der Wahrnehmung und Selbstfindung der eigenen Identität. Lösungsvorschläge zur Bewältigung dieser Problematiken tauchen oft in Form von Psychotherapien oder Selbsterfahrungsgruppen auf, wie sie beispielsweise Wolfgang Schmidbauer in seinen Arbeiten sehr gut beschreibt. (vgl. Schmidbauer, 1977) Die ersten Selbsterfahrungsgruppen die auch als solche bezeichnet wurden, entstanden im Rahmen der Frauenbewegung in den 70er Jahren. Es wurde dabei in Diskussionen in der Gruppe eine Veränderung der Perspektiven und Bewusstseinserweiterung angestrebt, die jedem einzelnen Teilnehmer eine Hilfestellung zur eigenen Identitätsfindungen bieten sollte. Die einzelnen Schritte der Selbsterfahrungsgruppe lassen sich dabei in vier Teilbereiche untergliedern. (vgl. Kolk, 1994)
1.    Sich selbst darstellen
2.    Erfahrungen teilen
3.    Analysieren
4.    Abstrahieren (Kolk, 1994, S 35)
Im pädagogischen Bereich wird der Selbsterfahrung eine aufklärerische Funktion zugordnet. Jedoch sind wir oft mit der Problematik konfrontiert, dass die Lehrperson die Selbsterfahrung unbewusst als Steuerungsinstrument einsetzt. Um diesen Zusammenhang näher zu erklären habe ich zwei Zitate ausgewählt, die meiner Meinung nach dieses Problem verständlicher machen.

„Die Einstellung des Erziehers und die dadurch resultierende Bewertung des Schülerverhaltens können die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler negativ beeinflussen, so dass sich folglich beim Schüler Verhaltensstörungen entwickeln bzw. bestehende Störungen verstärken können.“ (Sienknecht zit. nach Bärsch, 1976, S. 7)

„In einigen Fällen ist es Lehrern sicherlich möglich, ihre frühkindlichen Konflikte, die ebenfalls manchmal im Interaktionssystem der Schule aktualisiert werden, zu erkennen und mit ihren entsprechend umzugehen. Dazu müssen sie aber eine „stabile“ und zugleich flexible Identitätsbalance erreicht haben.“ (Sienknecht zit. nach Wellendorf, 1976, S. 7)

Hier tauchen für den Lehrenden Schwierigkeiten in der Unterrichtsgestaltung auf. Einerseits soll er den Schülern eine Hilfestellung zur Identitätsfindung geben und andererseits kann sein Verhalten und Umgang mit den Schülern zu Verhaltensänderungen führen und somit den Schülern zur Last fallen. Gleichzeitig ist auch die soziale Chancenverteilung nach der Lehrer handelt eine wesentliche Einflussgröße auf den Selbstfindungsweg der Schüler. (vgl. Sienknecht, 1976) Jens Sienknecht sieht dafür eine gleichmäßige Verteilung von Lob und Kritik für schlechte und gute Schüler vor, um so Ungerechtigkeiten und negative Einflüsse auf dem Entwicklungsprozess der Jugendlichen zu vermeiden.

Wir sehen daher, dass Einflüsse mit denen wir in unserem täglichen Leben konfrontiert sind, sehr rasch negative sowie positive Auswirkung auf unsere Selbsterfahrung und unser subjektives Empfinden haben können. Nur durch eigenes schöpferisches Handeln und gedanklicher Auseinandersetzung mit alltäglichen Situationen, kann man sein Bewusstsein erweitern und zielführende Schritte in Richtung der eigenen Identitätsfindung schaffen.
Verwendete Literatur

Kolk, S. (1994). Von der Selbsterfahrung über die Selbsterkenntnis zur Einsicht. Bielefeld: Kleine Verlag.
Lukas, E. (2001). Auf den Stufen des Lebens. Gütersloh: Quell/Gütersloher Verlagshaus.
Lukas, E. (2005b). Der Seele Heimat ist der Sinn. Logotherapie in Gleichnissen von Viktor E. Frankl. München: Kösel-Verlag.
Schmidbauer, W. (1977). Selbsterfahrung in der Gruppe. München: Paul List Verlag.
Seifert, W. (1975). Gruppendynamik – Veränderung durch Selbsterfahrung. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Sienknecht, J. (1976). Selbsterfahrung im Lehrerstudium. München-Berlin-Wien: Urban & Schwarzenberg.



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