Habituation

Die Habituation  beschreibt im Rahmen der Lernpsychologie die Abnahme der Reaktionsbereitschaft bei wiederholter Stimulusdarbietung. Der Begriff Habituation geht auf William Thorpe zurück und charakterisiert eine Verhaltensunterdrückung, bei der gelernt wurde, keine Reaktion auf bestimmte Reize zu zeigen, wodurch diese Reizmuster ausgeblendet und mögliche negative Reaktionen vermieden werden. Bei der Habituation oder auch Habituierung handelt es sich also um eine frühe Form des Lernens, denn schon Säuglinge zeigen am Anfang ihrer Entwicklung eine Gewöhnung an Reize und lassen damit erkennen, dass sie diese wiedererkennen, d.h., die Aufmerksamkeit, die auf einen wiederholt dargebotenen Reiz gerichtet wird, nimmt im Laufe der Zeit ab. Ein Beispiel ist etwa ein Kleinkind, der durch wiederholte Darbietung mit einem visuellen Stimulus (z.B. einem Spielzeug) allmählich damit vertraut wird, sodass sein Interesse an dem Gegenstand schwindet, d.h., er fixiert diesen Stimulus immer kürzer und wendet früher den Blick ab. Mit dem Habituations-Dishabituations-Paradigma kann also in entwicklungspsychologischen Experimenten geprüft werden, ob ein Säugling Reize voneinander unterscheiden kann. Folgt nach der Gewöhnung an eine Reihe gleichartiger Reize ein neuer Reiz und der Säugling dishabituiert, folgt daraus, dass er den neuen Reiz als abweichend wahrgenommen hat. Habituation hat nichts mit Ermüdung zu tun, denn wenn ein Organismus müde ist, so treten Reaktionen generell in verminderter Stärke auf, während bei einer Habituation die Reaktion nur im Zusammenhang mit einem bestimmten Reiz auftritt. Bei anderer Reizen reagiert der Organismus hingegen unvermindert stark.

Eric Kandel untersuchte bei der Meeresschnecke Aplysia, dass nach wiederholter Berührung des Siphons der Kiemenrückzugsreflex immer schwächer wird. Der daran beteiligte Reflexbogen besteht bei diesem Tier nur aus zwei Nervenzellen, einer Sinnesnervenzelle und einer motorischen Nervenzelle. Nach wiederholtem Feuern der präsynaptoschen Sinnesnervenzelle wird ihre Botenstoffausschüttung immer weiter reduziert, wodurch die motorische postsynaptische Nervenzelle immer weniger gereizt wird. Der Reflex wird schwächer. Verantwortlich für diesen Effekt ist eine Inaktivierung der Calcium-Kanäle in der Präsynpase, die dazu führt, dass weniger Calcium in die Synapse einströmt, das die Ausschüttung von Botenstoffen herbeiführen kann. Zunächst ist dieser Effekt nur kurzfristig (Kurzzeithabituation). Wird das Experiment über längere Zeit immer wieder durchgeführt, wird irgendwann der synaptische Kontakt selbst geringer (Langzeithabituation).

Habituation sorgt also dafür, dass das Gehirn dauerhafte Reize mit der Zeit ausblendet, sodass man etwa den tickenden Wecker normalerweise nicht hört, wobei es verschiedene Theorien gibt, die zu erklären versuchen, wie diese Gewöhnung im Gehirn funktioniert. Man vermutet einerseits, dass Nervenleitungen bei mehrmaliger gleicher Anregung mit der Zeit weniger empfindlich reagieren, oder auch, dass ein häufiger Stimulus im Gehirn ein Muster kodiert, denn es ist für das Bild von der Welt eines Lebewesens nur wichtig ist, wenn ein neu eintreffender Reiz sich von einem bereits abgelegten Muster unterscheidet. D. h., erkennt das Gehirn ein schon vorhandenes Muster, wird der Reiz mit der Zeit ignoriert. Experimente zeigen, dass Neuronen auf wiederholte Reize tatsächlich schwächer reagieren, jedoch wirkt dieser Vorgang nur kurzfristig, sodass für Gewöhnungseffekte eher ein Gegenreiz verantwortlich sein sollte, der den bekannten Ursprungsreiz so weit löscht, dass das Gehirn nur ein deutlich schwächeres Signal erhält. Ramaswami (2014) schlägt auf Grund von Untersuchungen mit klassischen Nachbildern ein Negativbild-Modell vor, denn betrachtet man länger auf ein farbiges Negativbild und wechselt dieses gegen ein Schwarz-Weiß-Foto desselben Motivs aus, scheint sich das Farbnegativ kurz in ein Farbpositiv zu verwandeln, bis sich das Gehirn wieder an die neue Vorlage gewöhnt. Die von einem Dauerreiz wie dem Negativbild beeinflussten Neuronen senken mit der Zeit ihre Basislinie ab und bilden so einen Filter, wodurch der Reiz im Gehirn schwächer wirkt. Trifft nun ein neuer Reiz auf dieselben Neuronen, ist der bisherige Filter noch wirksam und passt nicht zu dem neuen Reiz, der an ganz anderen Stellen Maxima und Minima besitzt, sodass sich ein Schwarz-Weiß-Bild scheinbar in ein Farbpositiv verwandelt. Ramaswamis Negativbild-Modell erklärt damit, warum andauernde Reiz-Bombardierung die Empfindlichkeit nicht grundsätzlich senkt.

In der Verhaltenstherapie ist die Habituation ein wichtiges Prinzip bei der Behandlung von Angststörungen, denn eine Angstreaktion kann nur über eine bestimmte Zeitspanne aufrechterhalten werden. Bleiben Betroffene also so lange in einer solchen Situation, bis die Angst automatisch nachlässt, können sie erleben, dass die Situation als solche nicht gefährlich für sie ist. Dieses Lernprinzip nutzt etwa die Konfrontationstherapie.

In der Werbepsychologie bedeutet Habituation etwa einen Prozess der Vereinfachung des Konsumentenverhaltens durch Einüben und zugleich Entlasten von Informationsprozessen. Mit zunehmender Konsumerfahrung wird die Notwendigkeit, für die Entscheidung Informationen zu beschaffen, immer geringer. Schließlich wird das Kaufverhalten völlig „kognitiv entlastet“, denn ein Kaufreiz löst den Wiederholungskauf aus bzw. früheres Kaufverhalten bedingt gegenwärtiges Kaufverhalten (Stangl, 2012).

1. Definition
Um Habituation verständlich erklären zu können, ist es ratsam erst grundsätzlich über menschliche Verhaltensweisen zu sprechen. Diese werden durch Veränderungen der Umwelt, also Reize oder Stimuli, beeinflusst. Die zugrunde liegende Literatur unterscheidet zwei Varianten der Reaktion, nämlich erlerntes Verhalten und reflexartiges Verhalten. Letzteres ist für Habituation relevant. Reflexe sind angeboren und müssen nicht erlernt werden, sie werden von Sinnesorganen wahrgenommen und über das zentrale Nervensystem zum Beispiel zu einem Muskel geleitet und führen zu einer schnellen Reaktion. Nimmt nun das Ausmaß der Reaktion ab, je öfter der Reiz auftritt, dann spricht man von Habituation, nimmt die Reaktion zu, dann spricht man von Sensitivierung. Abschließend soll auch das Verhältnis von Habituation zu anderen Phänomenen abgegrenzt werden. Habituation soll nicht verwechselt werden mit Adaption beziehungsweise Ermüdung. Adaptionen betreffen mehrere Reize, während Habituation nur jeweils einen Reiz betrifft. Ermüdung ist im Unterschied zu Habituation dauerhaft. Bei Habituation stellt sich daher die ursprüngliche Reaktion wieder ein, wenn ein Reizwechsel durchgeführt wird (vgl. Tewes & Wildgrube, 1992, S. 162f).

2. Definition
Habituation stellt eine abnehmende Bereitschaft dar, auf einen Reiz zu reagieren, der wiederholt dargeboten wird. Bei Habituation handelt es sich nicht um eine Ermüdung der Muskulatur und auch nicht um eine Abstumpfung der Sinnesorgane, sondern tatsächlich um eine Gewöhnung an zentral-nervöser Stelle (vgl. Gudemann, 1995).

3. Definition
„Gewöhnung, die dann Eintritt, wenn ein Reiz wiederholt dargeboten wird […] Diese besteht in einer Abschwächung bis zum völligen Verschwinden der Reaktion nach einer zentralen Verarbeitung des ankommenden Reizes […]“  (Städtler, 2003, S. 147).

4. Definition
Habituation tritt auf, wenn unbedingte Reize unter gleichen Bedingungen wiederholt ausgelöst werden. Es kommt zu einer Gewöhnung an den Reiz und die angeborene Reaktion nimmt immer weiter ab, bis sie schließlich ganz ausbleibt. Habituation kann keine neuen Reaktionen aufbauen, sie führt ausschließlich zum Nachlassen instinktiver Antwortreaktionen. Habituation ist bei allen Organismen nachzuweisen. Die verwendete Literatur führt das Beispiel einer jungen Katze an, welche durch das auf Tonband aufgezeichnete  Piepsen einer Maus in Jagdstimmung versetzt werden kann. Der oben angeführten Theorie folgend nimmt die Reaktion der Katze immer weiter ab, je öfter man ihr das Tonband vorspielt (vgl. Clauß, 1976, S. 220).

5. Definition
„Eine Habituation  (Gewöhnung)  der Orientierungsreaktion findet statt, wenn ein spezifischer Reiz wiederholt dargeboten und dadurch bekannt wird“ (Margraf, 1996, S. 92).

Literatur
Clauß, G. (1976). Wörterbuch der Psychologie. Köln: Verlag Pahl-Rugenstein.
Gudemann, W. (1995). Lexikon der Psychologie. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag.
Margraf, J. (1996). Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Berlin: Verlag Springer.
Ramaswami, Mani (2014). Network Plasticity in Adaptive Filtering and Behavioral Habituation. Neuron, 82, 1216-1229.
Städtler, T. (2003). Lexikon der Psychologie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.
Stangl, W. (2012). Was ist Lernen? [werner  stangl]s arbeitsblätter.
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/Lernen.shtml (12-02-03)
Tewes, U. & Wildgrube, K. (1992). Psychologie-Lexikon, München:  R. Oldenbourg Verlag.
http://www.lebenshilfe-abc.de/habituation-gewoehnung.html (12-08-21)
http://www.gehirnlernen.de/lernen/grundlagen-des-lernens/einfache-formen-des-lernens-habituierung-sensitivierung-co/  (11-12-12)





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