Aktualgenese

Definition 1:
Der Begriff Aktualgenese beruht auf den Erkenntnissen der Ganzheits- und Gestaltpsycholgoie. Bei der Aktualgenese nimmt man an, dass ein Rezipient bei der Wahrnehmungsaufnahme ein komplexes Reizmaterial bzw. ein Objekt nicht sofort erfasst. Die Wahrnehmung baut sich erst danach in ganz kurzen Schritten auf, die man jedoch bewusst nicht realisiert. Den Prozess der Aktualgenese kann man daher nur mit Hilfe experimenteller Methoden analysieren (vgl. Berekoven, Eckert & Ellenrieder, 2006, S. 181).

Definition 2:
„Aktualgenese (Gestaltentwicklung): Entwicklung der augenblicklichen Gestaltqualitäten aus ganzheitlichen Vorgestalten in einem überschaubaren Erlebniszusammenhang“ (Schröder, 2001,  S. 120).

Definition 3:
Friedrich Sander (1889 – 1971) war Gestaltpsychologe der Zweiten Leipziger Schule und begründete den Begriff Aktualgenese. Mit diesem Begriff wird die Entstehung von konkreten Gestalterlebnissen aus diffusen Vorgestalten bezeichnet. Diese diffusen Vorgestalten werden auch „Gestaltkeime“ genannt. Um diesen Prozess zu begünstigen, kann man sich zum Beispiel dem Objekt stärker zuwenden. Die Aktualgenese wird im Bereich des produktiven Denkens angewendet (vgl. Lück, 2009, S.81)

Definition 4:
„Aktualgenese“ bezeichnet einen Wahrnehmungsprozess der aus der Gestaltpsychologie stammt. Der Begriff ähnelt in seinem Prozess dem lexikalischen und grammatischen Aufgliederungs- und Perspektivierungsprozess bei der Bildung von Syntagmen und Sätzen. Bei der Aktualgenese werden Wahrnehmungsprozesse als strukturgebende Gestaltbildungsprozesse mit einer Prägnanztendenz bestimmt. Der Prozess der Aktualgenese wird als Wechselwirkungsprozess von analytischen und synthetischen Denkoperationen bezeichnet. Bei diesem Prozess werden aus grob wahrgenommenen Vorgestalten zunächst Zwischengestalten hergestellt, die anschließend in prägnante Endgestalten umgewandelt werden. Im Endprozess unterscheiden sich die Endgestalten gegenüber den Vorgestalten durch einen höheren Grad an Strukturiertheit, aspektueller Klarheit und Sinnträchtigkeit (vgl. Köller, 2004, S. 376).

Definition 5:
Als Aktualgenese wird der Verlauf der Gestaltwerdung beschrieben. Die Leipziger Schule der Gestaltpsycholgoie hat die gesetzmäßigen qualitativ unterschiedlichen Stadien der Aktualgenese verschiedener mentaler Modailäten untersucht und kam zu folgendem Ergebnis:  Wenn man eine Gestalt wahrgenommen hat, erscheint diese nicht unmittelbar danach, sondern zuerst muss der Wahrnehmungsprozess mehrere Stadien durchlaufen. Der Prozess beginnt mit dem Rohmaterial, einem sogenannten „Gestaltgerüst“. Dieses „Gestaltgerüst“ entwickelt sich dann zu einer groben „Vorgestalt“. Am Ende dieses Prozesses wird die Gestalt zu einer „stabilen“ Gestalt modifiziert (vgl. Wiest, 2009, S.89).

Modellvorstellungen für die Erklärung von Entwicklung Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Entwicklungsmodelle.shtml © [werner stangl]s arbeitsblätter

Modellvorstellungen für die Erklärung von Entwicklung
Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Entwicklungsmodelle.shtml
© [werner stangl]s arbeitsblätter


Literatur
Berekoven, L., Eckert, W. & Ellenrieder, P. (2006). Marktforschung. Methodische Grundlagen und praktische Anwendung (11. Aufl.). Wiesbaden: Verlag Gabler.
Köller, W. (2004). Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. Berlin: de Gruyter.
Lück, H. E. (2009). Geschichte der Psychologie. Strömungen, Schulen, Entwicklungen (4., überarb. & erw. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
Schröder, H. (2001). Didaktisches Wörterbuch. Hand- und Lehrbücher der Pädagogik (3. Aufl.). München: Oldenbourg Verlag.
Wiest, G. (2009). Hierarchien in Gehirn, Geist und Verhalten. Ein Prinzip neuraler und mentaler Funktion. Wien: Springer Verlag.



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