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subjektive Wahrnehmung

Die menschliche Wahrnehmung ist durch ihre Sinnesorgane beschränkt, wobei durch die Verarbeitung der Informationen im Gehirn der Objektivitätsanspruch menschlicher Wahrnehmung immer fraglich ist. Um das Ziel zu erreichen, Informationen über die Umwelt zu gewinnen, sich in seiner Umwelt erfolgreich zu verhalten und von der Vielzahl der Informationen nicht überfordert zu werden, greift das Gehirn zum Mittel der Selektion bzw. Filterung, d. h., Wahrnehmung ist ein Selektions- und Organisationsprozess bzw. letztlich ein aktiver Konstruktionsvorgang. Zwar besitzen alle Menschen die selben Sinnesorgane und auch die Reizaufnahme ist bei allen Menschen annähernd gleich, doch ist die Wahrnehmung subjektiven Interpretationen ausgesetzt, die auch entscheiden, was diese wahrnehmen, wie sie es interpretieren, welche Bedeutung sie dem Wahrgenommenen beimessen und welche Reaktion sie darauf zeigen. Was Menschen wahrnehmen, ist in hohem Maße auch kontextabhängig, denn das menschliche Gehirn versucht sich stets der Umgebung und ihren Herausforderungen anzupassen.

Die Verarbeitung und Bewertung von Reizen ist von zahlreichen äußeren und inneren Faktoren abhängig und somit subjektiv, d.h., jeder Mensch nimmt seine Umwelt in seiner ganz spezifischen, individuellen Art und Weise wahr. In besonderer Weise gilt das etwa für den Bereich der sozialen Wahrnehmung, wobei Wahrnehmungsverzerrungen, unterschiedliche Interpretationen und persönliche Bewertungen zu erheblichen Missverständnissen führen können. Wie Menschen die Lebensumstände, die Mitmenschen und ihre Umwelt wahrnehmen, hat entscheidenden Einfluss auf ihr Selbstbild, ihr Wohlbefinden, ihr Kommunikationsverhalten, ihre zwischenmenschliche Beziehungen und ihren Erfolg, wobei diese Faktoren ihrerseits auch wiederum die aktuellen und zukünftigen Wahrnehmungsmuster beeinflussen.

Ein wesentliches Grundprinzip der subjektiven Wahrnehmung ist auch, dass fehlende Informationen im Gehirn vervollständigt werden, wobei diese vervollständigte Wahrnehmung oft vertrauenswürdiger erscheint als die Wirklichkeit. Zwar weiß man recht gut, dass die Wahrnehmung häufig nicht einer objektiven Realität entspricht, doch konnte von Ehinger et al. (2017) experimentell gezeigt werden, dass man dieses Faktum nicht nur unterbewusst hinnimmt, sondern diese subjektive Wahrnehmung im Vergleich zu verlässlichen Informationen sogar bevorzugt. Um im alltäglichen Leben zurechtzukommen, müssen Menschen ständig mehrere Sinneseindrücke nach ihrer Verlässlichkeit beurteilen und gewichten, denn wenn man etwa eine Straße überquert, so verlässt man sich bevorzugt auf den Sehsinn. Dagegen würde man an einem nebligen Tag mit eingeschränkter Sicht stärker auf den Verkehrslärm achten, also die akustischen Informationen als verlässlicher einstufen. Auch vervollständigt im Fall des Blinden Flecks das Gehirn automatisch die fehlende Information, indem es auf die Inhalte der benachbarten Stellen zurückgreift, sodass diese Lücke den Menschen gar nicht auffällt, außer man nutzt dazu eine konkrete Vorlage. Dieses Vervollständigen durch das Gehirn wird dabei als filling-in-Effekt bezeichnet und reicht im Alltag völlig aus. In eine Studie sollten Probanden zwei Kreise (lückenlos oder durchgängig gestreift) vergleichen und jenen Kreis auswählen, der durchgängig gestreift war. Die Probanden wählten bevorzugt den Kreis aus, der teilweise im blinden Fleck angezeigt wurde, also nicht den, den sie tatsächlich zu hundert Prozent sehen konnten. Wenn im Gehirn die verschiedenen bildlichen Sinneseindrücke verglichen werden, genießt offenbar die vom Gehirn selbst interpretierte bildliche Information eine höhere Vertrauenswürdigkeit als das der tatsächlich gesehene Sinnesreiz.

Literatur

Ehinger, B. V., Häusser, K., Ossandón, J. P. & König, P. (2017). Humans treat unreliable filled-in percepts as more real than veridical ones.
eLife Sciences, doi: 10.7554/eLife.21761.
http://lexikon.stangl.eu/1708/selektive-wahrnehmung/ (17-06-01)
https://idw-online.de/de/attachmentdata57600.pdf (17-06-01)


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