postfaktisch

Postfaktisch bezeichnet das Phänomen, dass bei vielen Menschen Fakten gegenüber Gefühlen eine eher untergeordnete Rolle spielen. Claus Lamm, Professor für Biologische Psychologie und Leiter der Social, Cognitive and Affective Neuroscience Unit an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien, erläutert, dass der Begriff postfaktisch in der psychologischen Literatur in erster Linie das Phänomen des „Was wäre wenn“ umschreibt, also wenn ein Mensch sich fragt, wie wäre sein Leben jetzt, wenn etwa dieser Unfall oder dieses Unglück nicht passiert wäre.
Postfaktisch beschreibt gleichzeitig auch das Phänomen, dass sich Meinungen oder Gerüchte nicht allein durch Fakten widerlegen lassen. Wenn man etwa Menschen, die zum Klimawandel eine bestimmte Meinung haben, Fakten präsentiert, die ihre Meinung widerlegen müssten, zeigt sich, dass die Probanden unbeeindruckt bleiben. Diese haben nämlich aus dem objektiven Informationsangebot nur die konsonante Fakten rezipiert, die die eigene Meinung bestätigen bzw. sogar verstärken. Das bedeutet in der Praxis, dass eine einzige Gegeninformation in der Regel nicht ausreicht, um die Meinung eines Menschen zu ändern, außer diese Information wird gebetsmühlenartig immer wieder wiederholt, und zwar von unterschiedlichen, am besten besonders glaubwürdigen Quellen. Bis eine solche Schwelle aber erreicht wird, gibt es eine Art Schutzmechanismus, der den Menschen erlaubt, an ihren Überzeugungen festzuhalten. Das wird vom Phänomen der Reaktanz – einem evolutionär sehr alten Muster des Schwarz-Weiß-Denkens – verstärkt, denn Menschen reagieren mit Widerwillen auf Dinge, die dem widersprechen, was sie glauben oder glauben wollen.

Der Begriff postfaktische Politik bezeichnet dann ein politisches Denken und Handeln, bei dem evidenzbasierte Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen, d. h., die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. Postfaktisch bedeutet in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang auch, dass Menschen so viele Fakten vor sich auf dem Tisch liegen haben wie nie zuvor in der Geschichte, doch die Vielfalt lässt sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen. Deshalb fallen viele Menschen zurück in Mythen, in sagenumwobene Behauptungen, weil sie von der Faktenlawine erschlagen werden, die sie letztlich resignieren lässt. Wenn Menschen diese Vielzahl an Informationen, die vor allem durch die neuen Medien an den Einzelnen herangetragen werden, nicht mehr beherrschen, verlassen sie sich auf Meinungsbildner, Heilsbringer, Wahrsager oder Populisten, denen sie den Filterungsprozess zutrauen und überlassen.

Literatur & Quellen

http://diepresse.com/home/politik/uswahl/5115279/Postfaktisch_Warum-unser-Hirn-von-Fakten-kaum-beeindruck-ist (16-11-11)
https://de.wikipedia.org/wiki/Postfaktische_Politik (16-11-11)





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