Paradigma

1. Definition
Paradigmen sind Lehrsätze, Hypothesenbündel oder theoretische Konzepte. Sie werden von bestimmten Wissenschaftsrichtlinien oder Forschergruppen für gültig gehalten. Das Paradigma gewinnt an Bedeutung, da oftmals Untersuchungsansätze sowie methodische Gestaltungen von ihm bestimmt werden, folglich führt dies zu sich selbst erfüllende Vorhersagen. Kommen vom Paradigma widersprüchliche Ergebnisse, wird es nicht aufgegeben. Stattdessen wird für Erklärungen für die Widersprüchlichkeit gesucht, damit diese nicht mehr existieren. Objektive Forschung wird, da sie sich oftmals durch Theorien festsetzt, durch Paradigmen erschwert (vgl. Kuhn, 1979, Seite 160 -161).

2. Definition
„Ein Paradigma ist ein symbolisches Modell oder Diagramm, das es uns erleichtert, die wesentlichen Merkmale eines Prozesses zu verstehen“ (Wulf nach ZImbardo, 1995, Seite 266).

3. Definition
Als Paradigma versteht man den begrifflichen Rahmen, in dem ein Wissenschaftler arbeitet. Paradigmen teilen auch mit, welche Begriffe verwendet werden dürfen und welche nicht, um diese in der Folge interpretieren oder sammeln zu können. Ein Paradigma kann auch durch den Begriff „Betrachtungsweise“ ersetzt werden. Viele Autoren sprechen anstatt von Paradigmen von Modellen, andere von Theorien als Rahmenkonzepte für die Forschung (vgl. Michel & Novak, 1991, Seite 286).

4. Definition
Der Begriff Paradigma stammt aus dem Griechischen, in der Mehrzahl spricht man von Paradigmen. Eingeführt wurde der Begriff von T. S. Kuhn, der die in einer Gruppe beispielsweise von Wissenschaftlern geltenden Grundannahmen als Paradigmen bezeichnet. Paradigmen festigen sich durch die gemeinsame Erarbeitung von Problemen und Überlieferungen von Problemstellungen und Lösungswegen (vgl. Lexikon-Institut Bertelsmann, 1995, Seite 347).

5. Definition
Nach der Philosophie und Wissenschaftstheorie von Platon sind Paradigmen als Vorbilder zu verstehen von sinnlich Wahrnehmbaren. Sie sind als ewig, unveränderlich und ermöglichend zu sehen. Laut Ludwig Wittgenstein sind Paradigmen als Muster oder Standards zu verstehen, nach denen Erfahrungen verglichen und betrachtet werden (vgl. Brockhaus, 1998, Seite 554).

Paradigmen der Psychologie am Beispiel der Persönlichkeitspsychologie

Nach Asendorpf (1996) sind die fünf bedeutendsten Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

  • Psychoanalytisches Paradigma: Der Mensch ist ein Energieverarbeitungssystem, Persönlichkeit ist eine Funktion von Umwelt (frühkindliche Fixierung) und Angstverarbeitungsstrategien. Lernen erfolgt in den frühkindlichen Entwicklungsphasen. Die Methodik der Psychoanalyse wird als kein empirischer Ansatz angesehen.
  • Behavioristisches Paradigma: Das Verhalten kann durch unbewußte Reiz-Reaktion assoziativ gelernt (klassisch konditioniert) und durch nachfolgende Verstärkung/Bestrafung manipuliert (operant konditioniert). Lebenslanges Lernen. Das Erlernte kann jederzeit wieder verlernt werden.
  • Eigenschaftsparadigma: Der Mensch ist ein “Blackbox” mit Konstrukten, er reagiert auf komplexe Reizkonstellationen = Situationen. Typische Eigenschaften der Persönlichkeit sind u. a. Angstneigungen und Leistungsmotive. Eigenschaften eines Menschen können sich ändern und sind nicht immer als Eigenschaften eindeutig bestimmbar. Eigenschaften oder Verhaltensdispositionen sind relativ stabil und nur indirekt aus Situation-Reaktions-Beziehung erschließbar.
  • Informationsverarbeitungsparadigma: Menschliches Erleben und Verhalten beruht auf Prozessen der Informationsverarbeitung. Informationen werden durch Wahrnehmung (Symbole) aufgenommen. Unterschiede im Umgang und in der Aufnahme von Informationen kennzeichnen eine Persönlichkeit. Information ist Wissen, deklaratives u. prozedurales. Das Wissen ist im Langzeitgedächtnis gespeichert, aber nicht jedes Wissen immer und gleich für Bewußtsein zugänglich ist. Viele Informationen und Prozessen bleiben unbewusst. Prozesse: emotionale vs. rationale, befinden in ständiger Wechselwirkung, Wichtig sind 3 Arten von rationalen Prozessen: Erwartungsabschätzung (Wahrscheinlichkeit), Wertabschätzung (Valenz), Ergebnisattribution (Grund der Erfolg/Mißerfolg).
  • Dynamisch-interaktionistisches Paradigma: Eigenschaften sind mittelfristig konstant, können sich aber langfristig verändern. Diese Veränderungen beruhen auf Prozessen innerhalb einer Person, auf Einflüssen der Umwelt auf eine Person und umgekehrt. Der Mensch ist ein psychodynamisches Interaktionssystem mit der Umwelt, dessen Verhalten mittelfristig konstant organisiert und
    ständig für Änderungen offen ist. Die Persönlichkeit ist eine Funktion von Wechselwirkung mit der Umwelt.

Literatur
Asendorpf, J.B. (1996). Psychologie der Persönlichkeit. Berlin: Springer.
Bertelsmann, Lexikon-Institut (Hrsg.) (1995). Psychologie. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon-Institut Verlag.
Brockhaus (Hrsg.) (1998). Brockhaus. Die Enzyklopädie in 24 Bänden. Mannheim: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus Verlag.
Kuhn, T. (1979). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.
Michel C. & Novak F. (1991). Kleines psychologisches Wörterbuch. Freiburg: Herder Verlag.
Zimbardo, P. (1995). Psychologie. Berlin: Springer Verlag.




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