Hikikomori

Hikikomori (der Begriff bedeutet so viel wie „sich wegschließen“) bezeichnet als eine zeitgeistige Erscheinung das Leiden unter Leistungsdruck, das mit einem Rückzug aus Familie und Gesellschaft verbunden ist. Der Begriff bezieht sich dabei sowohl auf das soziologische Phänomen als auch auf die Betroffenen selbst, bei denen dieses Merkmale einer Soziophobie sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Obwohl akuter gesellschaftlicher Rückzug in Japan Buben und Mädchen gleichermaßen zu betreffen scheint, sind es überwiegend männliche Personen, die mit diesem Verhalten auffällig werden. In Familien mit mehreren Kindern ist es am häufigsten der älteste Sohn. Die Familien versuchen oft zu verbergen, wenn ein Familienmitglied unter Hikikomori leidet, aus Angst stigmatisiert zu werden, denn die viele Eltern glauben, dass es ein Misserfolg ihrer Erziehung ist. Die Ursachen sind dabei vielfältig und reichen von Versagensängsten bis hin zu Traumata, etwa zu großer Erwartungsdruck der Familie oder der Gesellschaft, fehlende Vorbilder, Mobbing, wirtschaftliche Probleme oder traumatische Erfahrungen. Hikikomori verlieren allmählich ihr Selbstvertrauen und schließlich wird die Aussicht, ihr Zuhause verlassen zu müssen, immer bedrohlicher.

Die Symptome des Hikikomori beginnen schleichend und führen bei Vollausprägung zum vollständigen Rückzug. Verbunden damit sind ein Verlust der Lebensfreude, der Verlust von Freunden, zunehmende Unsicherheit, Scheu und abnehmende Kommunikationsbereitschaft. Hikikomori ziehen sich meist in einen einzigen Raum zurück und kapseln sich von der Umwelt ab, verbringen den Tag mit Schlafen und sind vermehrt nachtaktiv. Einige schaffen es, ihr Zimmer nachtsüber zu verlassen, andere verbringen auch die ganze Nacht vor dem Computer oder Fernseher.

In Japan weigern sich etwa eine halbe Million Menschen im Alter von 15 bis 39 Jahren, ihr Elternhaus oder gar ihr Zimmer zu verlassen, und ziehen sich aus dem Familienleben und der Gesellschaft zurück. Oft sehen sich diese jungen Erwachsenen nicht dem hohen Erwartungsdruck der Gesellschaft gewachsen, etwa dem schulischen Druck aber auch wirtschaftlichen Faktoren. Das japanische Gesundheitsministerium definiert als Hikikomori eine Person, die sich weigert, das Haus zu verlassen und sich mindestens sechs Monate aus Familie und Gesellschaft zurückzieht. Auffallend ist, dass sich die Zahl der Betroffenen im Alter zwischen 35 und 39 Jahren gegenüber einer früheren Erhebung verdoppelt hat, wobei bei rund 35 Prozent es mehr als sieben Jahre Rückzug sind.

Es gibt in Japan die gemeinnützige Organisation New Start, deren Ziel es ist, Hikikomori aus ihrer Abgeschiedenheit zu holen, wobei meist auf Wunsch der Eltern die MitarbeiterInnen (Mietsschwestern oder -brüder) regelmäßig mit den Betroffenen in Kontakt treten, zu Beginn per Brief, dann über das Telefon, bis sie schließlich in die Wohnung gelassen werden. Die Betroffenen sollen durch die MitarbeiterInnen wieder lernen, das Haus zu verlassen und einfachen Tätigkeiten nachzugehen, sich mit anderen Hikikomori auszutauschen oder wieder in das Berufsleben eingegliedert werden, wobei es oft Jahre dauert, bis sich ein Erfolg einstellt.

Aus psychologischer Sicht handelt es sich um eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung, die vergleichbar den NEETs (Not in Employment, Education or Training) ist, die Menschen bezeichnet, die weder arbeiten, studieren noch sich weiterbilden wollen und sich von ihren Eltern aushalten lassen.

Literatur & Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Hikikomori (16-08-21)
http://psychologie-news.stangl.eu/75/zeitgeistige-erkrankungen (16-08-21)
http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/hikikomori-wie-junge-japaner-das-leben-aussperren-a-1202103.html (18-04-25)



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