Verantwortungsdiffusion

„Das habe ich getan“, sagt das Gedächtnis.
„Das kann ich nicht getan haben, sagt der Stolz.
Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“
Friedrich Nietzsche

Eigene Fehler eingestehen zu können, gehört nicht zu den Stärken des Menschen, wobei Verleugnen und Verdrängen und bisweilen groteske Selbstrechtfertigungen und Abwehrmechanismen vor allem in der Politik zur psychischen Grundausstattung zu gehören schienen. Das Spiel „Ich war`s nicht!“, bei dem es um die Zu- oder Abweisung von Verantwortung geht, wird fast täglich gespielt, denn Fehler zuzugeben gilt immer noch als Schwäche, wobei die Angst vor Autoritäts- und Machtverlust groß ist.

1.    Definition
„Kognitive Uminterpretation, durch die die Verantwortung unter verschiedenen Personen aufgeteilt wird, mit dem Ergebnis, dass sich jede einzelne Person weniger verantwortlich fühlt. Infolgedessen fühlt sich jedes individuelle Gruppenmitglied weniger verantwortlich als in einer Situation, in der es allein ist. In Zuschauergruppen bei Notfällen kann die soziale Hemmung des Hilfsverhaltens durch ein vermindertes Verantwortungsgefühl unter den Zuschauern hervorgerufen werden“ (Stroebe, Jonas & Hewstone (Hrsg.), 2002, S. 338).
2.    Definition
„Mit zunehmender Personenzahl in einer Gruppe sinkt das Verantwortungsgefühl des Einzelnen für die Erledigung einer Aufgabe, d.h., die Verantwortung „diffundiert“/verteilt sich über die Gruppenmitglieder (bystander Effekt)“ (Werth & Mayer, 2008, S.565).
3.    Definition
„Wenn die Verantwortung für eine Entscheidung auf, sagen wir, ein Dutzend Gruppenmitglieder zu gleichen Teilen aufgespalten ist, dann ist die erlebte Beteiligung an der Verantwortung so gering, daß die Mitglieder riskantere Entscheidungen ohne weiteres befürworten. Das mag von Fall zu Fall eine Rolle spielen, die empirischen Befunde zeigen aber, daß dies keine hinreichende Erklärung ist“ (Sader zit. nach Myers & Lamm, 1976 & Brown, 1989; 2008, S.217).
4.     Definition
„Diffusion der Verantwortung: Wenn Verantwortung für ein mögliches Eingreifen auf mehrere Personen verteilt werden kann, reduziert sich die empfundene eigene Verantwortung“ (Bierhoff, 2006, S.115).
5.     Definition
Darley und Latanè (1968) schlagen die Hypothese der Verschiebung der Verantwortung vor, nach der sich keiner der Zuschauenden verantwortlich fühlt, wenn viele Leute präsent sind. Jeder nimmt an, der andere werde schon eingreifen, etwas der Situation angemessenes tun und helfen (vgl. Güttler, 1996, S.24).

Literatur
Bierhoff, H. W. (2006). Sozialpsychologie. Stuttgart: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG.
Güttler, P.O. (1996). Sozialpsychologie. München: R. Oldenburger Verlag GmbH.
Sader, M. (2008). Psychologie der Gruppe. München: Juventa Verlag.
Stroebe, W., Jonas, K. & Hewstone (Hrsg.), M. (2002). Sozialpsychologie. Berlin Heidelberg: Springer Verlag.
Werth, L. & Mayer, J. (2008). Sozialpsychologie. Berlin Heidelberg: Springer Verlag.
http://blog.psychologie-heute.de/die-kunst-es-nicht-gewesen-zu-sein/ (15-06-09)



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