Haptik

Die Haptik bezeichnet die Lehre vom Tastsinn, wobei dieser Begriff sowohl die Interozeption als auch die Exterozeption umfasst, wobei auch zwischen taktiler und haptischer Wahrnehmung unterschieden werden kann. Die biophysiologische Grundlage der taktilen und haptischen Wahrnehmung wird durch das somatosensorische System (Somatosensorik, sensorische Information) und das sensomotorische System (Sensomotorik, sensorische und motorische Information) gebildet. An haptischen Wahrnehmungsprozessen sind eine Vielzahl unterschiedlicher Rezeptoren beteiligt, wobei neben den Informationen der Mechanorezeptoren der Haut ebenfalls die Informationen der Dehnungs-, Druck-, und Vibrationsrezeptoren der Gelenke, Sehnen und Muskulatur zu einer haptischen Wahrnehmung integriert werden.
Als haptische Wahrnehmung bezeichnet man demnach das tastende Begreifen im Wortsinn, also die Wahrnehmung durch aktive Exploration im Unterschied zur taktilen Wahrnehmung, bei der das wahrnehmende Subjekt passiv berührt wird. Der Begriff Haptik geht übrigens auf den deutschen Psychologen Max Dessoir zurück, der 1892 empfahl, die wissenschaftliche Lehre über das Tastsinnessystem in Anlehnung an Akustik und Optik zu benennen.
Bei Menschen erzeugt Haptik emotionale Bindung, wobei zwischen Menschen die körperliche Nähe die Bindung festigt, indem Hormone wie Dopamin ausgeschüttet werden, die neben einer eher kurzfristigen emotionalen Anmutung auch zu einer langfristigen Stabilisierung einer Partnerschaft beitragen. Analoges findet man auch in der gegenständlichen Welt, denn durch den körperlichen Kontakt binden sich Menschen emotional an Gegenstände wie Kuscheltiere, aber auch das Mobiltelefon, das fein geprägte Papier oder ein fälliger Wintermantel kann eine emotionale Bindung erzeugen. Mit der Haptik eines Stoffes meint man daher etwa die Art und Weise, wie er sich anfühlt, also beispielsweise als weich oder rauh, glatt oder flauschig. Neben der Optik und den Gebrauchseigenschaften gehört die Haptik zu den wichtigsten Eigenschaften eines Stoffes.


Vivian Paulun hat in ihrer psychologischen Dissertation “Material Perception for Action” untersucht, wie das menschliche Gehirn in der Lage ist, die verschiedenen Eigenschaften eines Objekts, etwa von Holz, Glas, Wolle, Papier, Plastik oder Metall, auf den ersten Blick zu erkennen und so seine Bewegungen entsprechend anzupassen. Meist reicht das bloße Betrachten eines Gegenstandes aus, um die meisten Eigenschaften einzuschätzen, wobei das Gehirn zahlreiche Verarbeitungsschritte leisten muss, um vom Bild auf der Netzhaut im Auge auf die mechanischen Eigenschaften von Objekten zu schließen und darauf hin die Muskeln bestimmte Bewegungen ausführen zu lassen. Selbst einer vermeintlich simplen Aufgabe wie dem Greifen von Objekten aus verschiedenen Materialien liegen bemerkenswert komplexe Prozesse im Gehirn zugrunde. Die scheinbare Leichtigkeit, mit der Menschen solche Aufgaben meistern, täuscht über die tatsächliche Komplexität hinweg. Das Gehirn greift dabei auf erlernte Zusammenhänge zwischen bestimmten Materialien und deren Eigenschaften zurück, d. h., es schließt aus dem äußeren Erscheinungsbild eines Objekts die Textur, die Art des Materials und daraus auf dessen Eigenschaften, etwa Steifigkeit oder Weichheit. So ist für die visuelle Wahrnehmung von Steifigkeit die Verformung des Gegenstandes entscheidend, denn das Gehirn scheint bei der Beurteilung des Materials einer  einfachen Regel zu folgen: Je stärker sich ein Gegenstand verformt, desto weicher sieht er aus. Das Gehirn verfügt also über mindestens zwei Mechanismen, um die Steifigkeit von Objekten rein visuell einzuschätzen. Es greift auf erlernte Zusammenhänge zwischen Materialien und ihren Eigenschaften zurück, sofern das Material bekannt ist, und keine weiteren Informationen zur Verfügung stehen. Wird ein Gegenstand hingegen sichtbar verformt, ist diese Verformung ein noch stärkerer Hinweis auf die Weichheit. Mit Hilfe dieses Schlüsselmerkmals lassen sich auch neue und unbekannte Objekte einschätzen, wobei manche auch zu einer falschen Einschätzung führen können.Das Gehirn schätzt Materialeigenschaften in der Regel ein, um eine Aufgabe zu erfüllen, etwa um einen Gegenstand sicher zu fassen, wobei das Gehirn nicht erst beim Kontakt mit dem Objekt seine Schlüsse zieht, sondern bereits im Voraus mehr Zeit für die Planung der Bewegung aufwendet. Die Anpassungsstrategien des Gehirns folgen damit auch ökonomischen Prinzipien, denn Menschen erhöhen etwa die Griffpräzision nur dann, wenn es wirklich notwendig ist und wählen sonst eine bequemere Variante, falls dies kein nennenswertes Risiko birgt, das Objekt fallen oder zerbrechen zu lassen. Weil diese Strategien so erfolgreich sind, bemerken Menschen diese im Alltag nur selten, denn mühelos und scheinbar automatisch interagieren sie mit Gegenständen verschiedenster Eigenschaften in der Umwelt. Dabei bleiben die bewussten Ressourcen frei für andere Prozesse, etwa für das Denken, Lernen und Erinnern.

Literatur

https://de.wikipedia.org/wiki/Haptische_Wahrnehmung (14-12-12)
https://scilogs.spektrum.de/klartext/wie-greifen-im-gehirn-entsteht/ (18-03-21)



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