Reifestand

Das Konzept des Reifestands hat in der Entwicklungspsychologie eine gewisse Prominenz, da es beinhaltet, dass ein bestimmter Entwicklungsstand gegeben sein muss, damit Erfahrungen auf fruchtbaren Boden fallen. Jeder Elternteil beobachtet, dass mit wenig Aufwand dem Kind verschiedene Dinge beigebracht werden können (z.B. Kontrolle der Blasenentleerung, Gehen, Fahrradfahren); versucht man das „zu früh“, ist es äußerst mühsam. Ähnliches kennt man aus der sprach- oder zeichnerischen Entwicklung. Voraussetzung für den Erwerb scheinen bestimmte Reifezustände zu sein. In vielen Phasenlehren erfolgte fälschlicherweise eine Untersuchung, ob ein bestimmter Reifezustand nicht durch erzieherische Maßnahmen künstlich herbeigeführt (vorgezogen) werden kann. woraus sich oft eine pädagogische Passivität ergab, da der Reifezustand ja „von selbst“ erreicht wird. Sieht man dagegen das Defizit durch fehlende Lernmöglichkeiten bedingt, wird versucht, die Lücke zu schließen und nötige kognitive Voraussetzungen zu schaffen. Die traditionellen Phasenlehren schreiben der Umwelt nur die Aufgabe zu, die Genese der Kompetenz zu unterstützen („altersgemäße“ Anforderungen), warnt aber vor „Verfrühung“ und Überforderung. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Entwicklungsbedingungen wird oft gar nicht versucht. Altersgebundene Leistungen werden deswegen als „natürlich“ interpretiert, obwohl sie in Wirklichkeit Folge ungeprüfter, weit verbreiteter Überzeugungen sind. Ist in einer Kultur die Meinung vorhanden, eine Fähigkeit sei vor einem bestimmten Alter nicht erlernbar (z.B. das Lesen mit 6 Jahren), werden auch keine entsprechenden Anreize geschaffen. Dagegen sind 3-4jährige durchaus in der Lage, unter geeigneten Umweltbedingungen Lesen zu lernen. Im frühen 19. Jhdt. gab es noch keine Festlegung der Schulreife auf das 6. Lebensjahr, weshalb auch z.T. jüngere Kinder Lesen und Schreiben lernten; heute gibt es die „Erkenntnis“ der „Schulreife“, zu lesen wird erst mit 6 Jahren erlernt bzw. gelehrt. Auch ein Abfall der Gedächtnisleistung im höheren Alter ist nicht zwangsläufig (eine geringere Leistung bei älteren Menschen ist nicht nur durch Reduktion der Speicherkapazität erklärbar, sondern auch durch wenig effiziente Nutzung von Gedächtnisstrategien). Das Einprägen neuer Inhalte wird mit höherem Alter nicht mehr so häufig verlangt („Disuse-Hypothese“). Heute ist ein Kapazitätsabbau nachgewiesen, aber ein gesunder Mensch verfügt über genügend Reservekapazität zur Kompensation.

Literatur
Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.) (2002). Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU.
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/
Entwicklungsmodelle.shtml 809-07-229



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