Ohrwurm

Ohrwurm (earworm, sticky music, head music) ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein eingängiges und merkfähiges Musikstück, das der Hörerin oder dem Hörer über einen längeren Zeitraum in Erinnerung bleibt und einen hohen akustischen Wiedererkennungs- und Reproduktionswert besitzt. Der vom gleichnamigen Insekt abgeleitete Begriff soll bildlich ausdrücken, dass die Musik wie ein Wurm in den Gehörgang hineinkriecht und dort bleibt. Ein Ohrwurm wird oft in unpassenden Momenten aktiv, wobei Untersuchungen zeigen, dass mehr als neunzig Prozent der Menschen mindestens einmal pro Woche von einem Ohrwurm heimgesucht werden. Einige Personengruppen sind besonders empfänglich für Ohrwürmer, etwa Menschen, die sich sehr viel mit Musik beschäftigen, die selbst musizieren, viel Radio hören oder eine große Plattensammlung besitzen. Auch Persönlichkeitsmerkmale spielen eine Rolle, denn besonders anfällig sind sensible Menschen mit niedrigen Reizschwellen oder vermutlich auch Menschen mit einer hohen Perseverationstendenz..
Ein Ohrwurm basiert auf einer spezifischen Gedächtnisleistung, wobei eine Melodie irgendwann über das Gehör ins Gehirn gelangt und im Langzeitgedächtnis gespeichert wird. Um ins Langzeitgedächtnis Eingang zu finden, muss die Melodie bestimmte Charakteristika erfüllen: so enthalten solche Melodien keine großen Tonsprünge oder komplexe Rhythmen, wobei ein Text mit einfachen Worten unterstützend wirken kann.

Bei Versuchen spielte man Probanden bekannte und unbekannte Musikstücke vor und unterbrach die Musik dann für einige Sekunden, worauf sich zeigte, dass auch in der Stille die Musik im Gehirn weiter läuft, und zwar vor allem dann, wenn man das Stück gut kennt, in dem plötzlich eine Lücke klafft. Es zeigte sich nach der Unterbrechung eine starke Aktivität im auditorischen Assoziationscortex, also jenem Teil der Gehirnrinde, der für die Verarbeitung von Gehörtem und die Verknüpfung von akustischen Reizen zuständig ist. Bei Unterbrechungen von reinen Instrumentalstücken war zusätzlich auch der primäre auditorische Cortex aktiv, da hier offensichtlich eine genauere Verarbeitung nötig ist, wenn keine über Sprache vermittelte Hilfestellung wie ein Liedtext zur Verfügung steht, um die Lücke zu füllen. Bekanntlich setzt sich manchmal auch ein Musikstück, das man morgens im Radio nicht bis zum Schluss gehört hat, als Ohrwurm fest, denn das Gehirn versucht, das Lied zu einem Ende zu bringen (Zeigarnik-Effekt).

Interessanterweise spielt die Häufigkeit des Hörens kaum eine Rolle, vielmehr ist ein emotionaler Bezug entscheidend, wenn man starke, meist positive, manchmal aber auch negative Gefühle mit einer Melodie verbindet. Allerdings behält man viel öfter Lieder im Ohr, die man mag, als solche, die man nicht mag. Dass man mit einem Ohrwurm manchmal keine angenehme Erfahrung verbindet, sondern ihn eher als Belästigung wahrnimmt, liegt eher an verzerrter Wahrnehmung. Übrigens sind Menschen, die selten gezielt Musik hören, eher anfällig für Melodien ihrer Umgebung, etwa für Jingles im Fernsehen oder für Kaufhausmusik. Besonders häufig sind Ohrwurm-Attacken in der Adventszeit, denn auf Weihnachtsmärkten und in Kaufhäusern erklingen permanent eingängige Songs wie „Last Christmas“, „Feliz Navidad“, „Wonderful Dream“, „Christmas In My Heart“ und „Driving Home For Christmas“, die sich im Gedächtnis festsetzen, vor allem, weil man sie meist nur in Ausschnitten hört und daher das Gehirn bestrebt ist, diese Melodien zu einem Ende zu bringen.
Unwillkürlich kommt ein Ohrwurm irgendwann in Form einer Imagination wieder zum Vorschein, was vor allem in Situationen geschieht, wo im Gehirn Leerlauf herrscht (mind wandering, default mode), also etwa beim Staubsaugen, Spazieren oder Warten an der Haltestelle. Eine Assoziation mit einem Stichwort, einem Ort, ein Geruch oder eine auch eine Stimmung stellt dann die Verbindung zu der gespeicherten Melodie her und aktiviert diese.
Die klassische Länge eines Ohrwurms beträgt meist zwischen vier und acht Sekunden, doch welcher Teil eines Liedes immer wiederkehrt, ist unterschiedlich, denn bei einem ist es der Anfang, bei einem anderen ein Reim oder die letzte Zeile des Textes.
Jakubowski et al. (2016) untersuchten die Frage, wie ein Musikstück beschaffen sein muss, um einen Ohrwurm auszulösen. Dafür wurden dreitausend Probanden im Alter von zwölf bis 81 Jahren befragt, welchen Ohrwurm sie zuletzt und welchen sie am häufigsten hatten. Aus den Mehrfachnennungen erstellten die Forscher schließlich ein Sample von hundert Popsongs. Aus früheren Studien weiß man, dass die Häufigkeit und zeitliche Nähe, in der man einem Lied ausgesetzt ist, eine entscheidende Rolle spielt. Dafür stellte man eine Kontrollgruppe zusammen mit Musikstücken, die in Hitparadenplatzierung und Radioeinsatz den ohrwurmauslösenden Liedern entsprachen, die aber trotzdem von keinem einzigen Befragten als Ohrwurm genannt worden war. Man konnte nun einige Faktoren finden, die Ohrwürmer auslösen, etwa dass sich Up-Tempo-Songs (Up tempo bezeichnet im Jazz, Blues und Rhythm & Blues ein Tempo, das schneller ist als 208 BPM) leichter festsetzen als langsame. Der grundlegende Aufbau eines Ohrwurms sollte gängigen Mustern folgen, insbesondere einem Melodiebogen mit ansteigender und wieder abfallender Tonhöhe, wie sie auch in Kinderliedern zu finden sind. Hinzu sollte aber ein kleiner Überraschungsfaktor kommen, d. h., dass etwa der Steigungsgrad dieses Bogens vom Mittelwert möglichst weit abweichen sollte, oder dass unerwartete Intervalle und Wiederholungen auftreten.
Zum Loswerden eines Ohrwurms gibt es verschieden Techniken, wobei einige Forscher raten, das ganze Ohrwurmlied zu hören, um das Gehirn von der Wiederholung zu befreien, andere raten, gezielt auf eine andere Melodie zu setzen, denn das Gehirn kann nicht gleichzeitig den Ohrwurm wiedergeben und neue akustische Signale verarbeiten. Es hilft auch, den Leerlauf im Gehirn zu beenden, etwa indem man sich auf eine Tätigkeit konzentriert, die angenehm fordert und mit wenig Emotionen verbunden ist.
Übrigens sind Ohrwürmer mit akustische Halluzinationen verwandt, denn gemeinsam ist ihnen, dass der Betroffene meint, etwas zu hören, und dass dabei nicht das eigentliche Hörorgan, sondern das zentrale Nervensystem beteiligt ist. Während Ohrwurmopfer jedoch genau wissen, dass sie nichts hören, halten Menschen mit akustischen Halluzinationen diese Geräusche für real. Übrigens litt der Komponist Robert Schumann unter Ohrwürmern, wobei es sich wohl um akustische Halluzinationen handelte.
Eine weitere Möglichkeit, einen Ohrwurm los zu werden, ist das Kauen von Kaugummi, was einen neurobiologischen Hintergrund hat. Das Kauen von Kaugummi ist in seinen Bewegungen dem dem Mitsprechen beim Lesen sehr ähnlich, wobei man von der Subvokalisationen weiß, dass sie das akustische Kurzzeitgedächtnis abschwächen kann, d. h., die Signale des inneren Sprechens blockieren sozusagen die Erinnerung an andere akustische Reize. Da bei bei Ohrwürmern auch das akustische Gedächtnis eine Rolle spielt, kann daher das Kaugummikauen auch gegen Ohrwürmer wirksam sein (Beaman et al., 2015).

Wirkung von Hintergrundmusik

Hintergrundmusik, wie man sie heute aus Fußgängerzonen und Shopping Malls kennt, kommt aus den USA, denn dort wurde in den 1930er Jahren die Firma Muzak – 2009 beantragte übrigens Muzak Gläubigerschutz nach dem US-Insolvenzrecht – gegründet, die diese funktionelle Musik, auch Fahrstuhl- oder Kaufhausmusik, entwickelte, wobei der Begriff Muzak in der Folge zum Synonym für eben solchen Easy-Listening-Sound wurde. Im Gegensatz zu (autonomer Musik, die man etwa in Konzerten hört, ist die Hintergrundmusik Mittel zum Zweck, denn diese wird vor allem dazu eingesetzt, das Verhalten der Menschen im öffentlichen Raum zu beeinflussen. Vor allem die USA und Kanada setzen auf die beruhigende Wirkung von Musik, doch auch in europäischen U-Bahn-Stationen wird Musik gespielt, um etwa Kriminalität und Gewaltbereitschaft zu senken. Hintergrundmusik in Kaufhäusern sollte möglichst keine bewussten Assoziationen hervorrufen, weshalb sich nonverbale Botschaften, wie sie bestimmte Instrumentalmusik vermittelt, auch besonders gut eignen, um Menschen zum Kaufen zu animieren, denn kognitive Areale des menschlichen Gehirns sollten mit dieser Form der Musik nicht angesprochen werden.
Die Musik sollte daher ruhig und leise sein, denn so schafft man eine angenehme Atmosphäre, die die Menschen länger im Geschäft hält und zudem die Stimmung der Mitarbeiter hebt, sodass sich deren Arbeitsleistung verbessert und der Umsatz steigt, wobei diese positiven Auswirkungen auf die Mitarbeitermotivation eher fraglich sind. Gleichermaßen wie in Bezug auf das Verhalten im öffentlichen Raum ließen sich empirisch bisher keine wesentlichen positiven Effekte nachweisen, sondern es wird von Fachleuten eher die akustische Umweltverschmutzung beklagt, da sich Menschen längst an diese ständige Berieselung mit Musik gewöhnt haben.

Übrigens: Der Gemeine Ohrwurm (Forficula auriculariaforficula-auricularia-ohrwurm) ist ein Ohrwurm aus der Familie der Eigentlichen Ohrwürmer (Forficulidae). Der Gemeine Ohrwurm erreicht eine Körperlänge von 10 bis 16 Millimetern, hat einen dunkel rötlichbraunen Körper und ist ein Fluginsekt – die nachtaktiven Tiere fliegen aber nur sehr selten -, wobei von der Antike bis in die frühe Neuzeit hinein die Tiere pulverisiert als Medizin gegen Ohrkrankheiten und Taubheit verabreicht wurden, wovon sich auch der Name ableitet.

Literatur & Quellen

Beaman, C. Philip, Powell, Kitty & Rapley, Ellie (2015). Want to block earworms from conscious awareness? B(u)y gum! The Quarterly Journal of Experimental Psychology. Doi: 10.1080/17470218.2015.1034142.
Behne, Klaus Ernst  (1998). Zu einer Theorie der Wirkungslosigkeit von (Hintergrund-)Musik. In Klaus-Ernst Behne, Günter Kleinen und Helga de la Motte-Haber (Hrsg.), Musikpsychologie. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie. Wahrnehmung und Rezeption. Göttingen: Hogrefe.
Jakubowski, K., Finkel, S., Stewart, L.  & Müllensiefen, D. (2016). Dissecting an Earworm: Melodic Features and Song Popularity PredictInvoluntary Musical Imagery. Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 10, doi.org/10.1037/aca0000090.
Stangl, W. (2011). Musik und Leistungsfähigkeit. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/Leistung-Musik.shtml (11-11-23)
http://de.wikipedia.org/wiki/Ohrwurm (14-06-21)
http://www.welt.de/wissenschaft/article129213765/Wie-man-penetrante-Ohrwuermer-vertreibt.html (14-06-08)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/musik-im-kopf-ohrwuermer-verirren-sich-im-gehirn-a-345569.html (14-06-09)
http://www.agitano.com/kunden-psychologie-hintergrundmusik-fuer-mehr-umsatz/88646 (15-11-23)
http://derstandard.at/2000046927586/Wie-ein-Lied-zum-Ohrwurm-wird (16-11-04)
Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Forficula_auricularia?uselang=de#/media/File:Earwig_on_white_background.jpg (14-11-12)




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