Epigenetik
Die Epigenetik ist ein Spezialgebiet der Biologie und befasst sich mit Zelleigenschaften (Phänotyp), die auf Tochterzellen vererbt werden und nicht in der DNA-Sequenz (Genotyp) festgelegt sind. Dabei erfolgen Veränderungen an den Chromosomen, wodurch Abschnitte oder ganze Chromosomen in ihrer Aktivität beeinflusst werden. Man spricht infolgedessen auch besser von epigenetischer Veränderung bzw. epigenetischer Prägung, denn die DNA-Sequenz wird dabei nicht verändert. Bisher war man der Meinung, dass sich Keimzellen im Stadium der Befruchtung wie eine epigenetische tabula rasa verhalten, doch heute wird spekuliert, dass z.B. Veränderungen der Lebensweise (Ernährung, Bewegung, Ortswechsel) ein epigenetisches Muster bewirken könnten, das an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Der genetische Code programmiert Menschen also nicht unveränderbar für den Rest ihres Lebens, sondern die Gene des Genoms werden epigenetisch (Vorsilbe »epi« = hinterher, zusätzlich) reguliert, also an- und ausgeschaltet, je nachdem welchen Umwelteinflüssen wie Nahrung, Erfahrungen oder Gefühlen sie ausgesetzt sind. Dabei sind vor allem die ersten Lebensjahre entscheidend. Aber auch noch im Laufe des Lebens können Menschen das Zusammenspiel ihrer Gene und damit ihrer Möglichkeiten beeinflussen.
Neuere Ergebnisse aus der epigenetischen Forschung weisen z.B. auch darauf hin, dass etwa die Ernährungsweise einer Generation das Erkrankungsrisiko der Enkel für Diabetes beeinflussen kann. Auch brauchen Zwillinge bei unterschiedlichen Lebensbedingungen nicht die gleichen genetisch bedingten Krankheiten erleiden. Diese an den Lamarckismus erinnernde Vererbung erworbener Eigenschaften hat aber eine andere Erklärung, denn epigenetische Vererbungseffekte betreffen nicht die eigentliche Erbinformation, sondern nur die Aktivierung der Gene. Man nimmt an, dass dafür subtile chemische Veränderungen am Genom verantwortlich sind, die jedoch nicht die DNA-Sequenz betreffen. Diese Veränderungen bauen gewissermaßen ein Gedächtnis der Genaktivität auf, die von einer Zellgeneration an die nächste weitergegeben wird.
Der Begriff der Epigenetik taucht in der Literatur erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts auf, seine Ursprünge gehen allerdings schon auf Aristoteles zurück, denn dieser glaubte an die Epigenes, also die Entwicklung individueller organischer Formen aus formloser Substanz. Auch heute ist es strittig, inwieweit Menschen von der Natur vorprogrammiert oder aber von der Umwelt geprägt sind, wobei der Epigenetik die Aufgabe zukommt, das Spannungsfeld zwischen genetischer Anlage und Umwelt zu überbrücken.

