Kurz- und Langzeitgedächtnis

Das Kurzzeitgedächtnis (short-term memory) ist das aktivierte Gedächtnis, das einige Informationsinhalte für kurze Zeit festhält. Das Langzeitgedächtnis (long-term memory) ist das relativ zeitüberdauernder und unbegrenzt aufnahmefähiger Speicher des Gedächtnissystems.

Während die Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses als Aktivierungen von Neuronen gespeichert werden (als Hirnaktivität), sind die Inhalte des Langzeitgedächtnisses in Form von Verbindungen zwischen Neuronen gespeichert (als Hirnstruktur). Auch wenn die Funktionen in den beiden Gedächtnisformen um einiges komplizierter und deshalb auch noch nicht voll erforscht sind, ist diese einfache Unterscheidung der grundsätzliche Mechanismus. Vor allem wäre auch das sensorische Gedächtnis oder sensorische Register (mit Speicherdauer im Subsekundenbereich), das als Teil des Wahrnehmungsapparats gilt, mit zu berücksichtigen, in dem es zahlreiche inhibitorische und filternde Funktionen gibt, die sich auf die Gedächtnisleistung auswirken.

Gegenüberstellung der Merkmale von Kurz- und Langzeitgedächtnis

STM (short term memory, Kurzzeitgedächtnis) LTM (long term memory, Langzeitgedächtnis)
Kapazität ist gering, bis zu 9 Einheiten lassen sich ohne Aufwand merken Kapazität fast unbegrenzt, SINZ nahm 1977 etwa 1016 bit als Obergrenze an
Wiedergabe ohne Einprägung Wiedergabe aufgrund v. Einprägung
ca. 30 sec Jahre und Jahrzehnte
Regelkreise morphologische Veränderungen
labil, störanfällig stabil, überdauernd
nicht trainierbar trainierbar
eher akustisch orientiert eher sinnorientiert
Inhalte werden (rückstandslos) gelöscht (Vgl. Computerarbeitsspeicher) Inhalte werden (wieder aktivierbar) vergessen („Festplatte“)
Beispiel: Telefonnummer Beispiel: Prüfungsstoff
Beweise für die Existenz eines STM: KORSAKOW-Syndrom (Mnestisches Syndrom): bei alten Leuten und Alkoholikern beobachtbarer Schwund des Kurzzeitgedächtnisses Beweise für die Existenz eines LTM: Retrograde Amnesie: rückwirkender Gedächtnisschwund, zB nach einem Unfall, durch Störung der postmentalen Erregungen

 

Speicherkapazität des menschlichen Gehirns

Auch wenn dieser Vergleich immer wieder bemüht wird, ist das menschliche Gehirn nicht mit einer Festplatte in einem Computer vergleichbar, denn im Gegensatz zu einem starren Speichersystem ist ist dieses nicht starr sondern dynamisch. Wenn man etwas Neues lernt, verändert sich das Gehirn, indem in bestimmten Regionen neue Nervenzellen und neue Verbindungen zwischen den Zellen entstehen. Damit verändert sich stets auch die Kapazität des Gehirns. Da das Gehirn so grundlegend anders funktioniert als das, was man von digitalen Speichern kennt, stellt sich die Frage nach der Kapazität nicht in vergleichbarem Sinne, etwa dass sie irgendwann voll sein könnte.

Zwar ist der Speicher des menschlichen Gehirns daher aus grundsätzlichen Überlegungen nicht mit einer Computerfestplatte zu vergleichen, doch Modellrechnungen haben gezeigt, dass theoretisch der Speicher des menschlichen Gehirns selbst dann noch Kapazitäten hätte, wenn ein Mensch 130 Jahre täglich mit vielen Informationen versorgt werden würde, die er fest abspeichert. Der Mensch verfügt nach neueren Schätzungen etwa über eine Billion Nervenzellen, von denen manche bis zu 30000 Kontakte (Synapsen) zu anderen Nervenzellen aufweisen, während der schnellste Computer nur etwa 100 Millionen Schaltbefehle pro Sekunde bewältigt. Die Speicherkapazität des menschlichen Gehirns ist daher nahezu unbegrenzt, wobei das Gehirn aber ganz anders als der Speicher eines Computers funktioniert, denn schon die Datenerfassung ist äußerst variabel und die Daten in der Zwischenablage verändern sich ständig.

Kurioses am Rande: Im Animationsfilm „Findet Dorie“ macht sich die vergessliche Dorie auf die Suche nach ihren Eltern und kann sich häufig nicht an Ereignisse erinnern, die aixh unmittelbar zuvor ereignet haben, d. h., Dorie leidet unter einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses. In ähnlicher Form gibt es diese Störung bei Menschen, die mit einer beidseitigen Hippocampussklerose geboren wurden, wobei etwa Sauerstoffmangel bei der Geburt zu diesem Defekt führen kann. Dorie leidet auch unter Störungen des Langzeitgedächtnisses, das vermutlich auf das Trauma des plötzlichen Verlustes der Eltern zurückzuführen ist. Im Film gelingt es Dorie mit Hilfe ihrer Freunde, einen Teil ihrer Langzeiterinnerungen wiederherzustellen.



Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:


You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017