McGurk-Effekt

Der McGurk-Effekt bezeichnet die Beeinflussung der menschlichen Wahrnehmung eines akustischen Sprachsignals durch die synchrone Beobachtung einer Lippenbewegung. Beim klassischen Versuch wird einer Probanden bzw. einem Probanden ein Videoband vorgespielt, auf dem eine Person zu sehen ist, die die Silben „ga-ga“ ausspricht, wobei die Tonspur jedoch manipuliert wurde und die ProbandInnen die Silben „ba-ba“ hören lässt. Etwa 98 Prozent der erwachsenen Versuchspersonen geben an, die Silben „da-da“ wahrgenommen zu haben.

Die menschlichen Sinnesorgane arbeiten in vielen Situationen eng zusammen, um uns die Wahrnehmung der Umwelt und das Zurechtfinden im Alltag zu ermöglichen, d. h., alle akustischen, visuellen und haptischen Informationen werden im Gehirn gesammelt und dort aufgrund von Erfahrungen verarbeitet. Ohren und Augen ergänzen dabei einander und versuchen Verständnislücken zu schließen, denn sind etwa die Umgebungsgeräusche zu laut, kommen manche Worte nur undeutlich am Ohr an, jedoch das Mundbild des Gesprächspartners hilft dabei, dem Gespräch besser folgen zu können, d. h., die Augen unterstützen die Ohren und somit das Sprachverstehen. Im Alltag hören Menschen oft viele verschiedene Sprecher gleichzeitig und das Gehirn muss innerhalt weniger Augenblicke entscheiden, welche Informationen, die die Ohren liefern, nun relevant sind, wobei das Gehirn diese Informationen aufeinander aufbaut, d. h., eine Sinneswahrnehmung wird durch die andere ergänzt. Das menschliche Gehirn versucht also offensichtlich alle Signale inklusive der optischen Informationen zu nutzen, um zu erschließen, wie das akustische Signal erzeugt wurde. Da es erfahrungsgemäß einen direkten Zusammenhang zwischen Lippenbewegung und Lauten gibt, übt die visuelle Information der Lippenbewegung einen großen Einfluss auf die Verarbeitungseinheit für Phoneme aus und das Sprachzentrum kombiniert die widersprüchlichen Sinneseindrücke, um sie zu korrigieren.

Werden daher Filme synchronisiert, entspricht der gesprochene Text oft nicht der Lippenbewegung, dennoch scheint sie halbwegs synchron zu sein, was was sich mit einer Dominanz des Hörens erklären lässt.

Die Entdeckung des McGurk-Effekts durch Harry McGurk war eher zufällig, denn in den 1970ern untersuchte er eigentlich nur die Wahrnehmung von Kindern. Zahlreiche Studien zeigen, dass der Effekt auch in anderen Sprachen auftritt, allerdings ist er etwa im Chinesischen und Japanischen eher schwach ausgeprägt. Um das zu überprüfen, verglichen Satoko et al. (2016) zwei Gruppen von jeweils 20 japanischen und englischen Sprachschülern beim Betracht von Videos, wobei deren Gehirnaktivität, Blickverlauf und Reaktionszeiten festgehalten wurden. Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Die Englischsprachigen sahen ihrem Gegenüber stets auf die Lippen und antizipierten einige hundert Millisekunden vor der eigentlichen Vokalisierung, was sie zu hören bekommen werden, und engten bereits  die Möglichkeiten ein. Bei Japanischsprachigen war der Blick nicht in gleicher Weise auf die Lippen fixiert, sondern sie verließen sich fast vollständig auf das Hören, wobei ihre Reaktionszeiten im Schnitt langsamer waren. Man vermutet, dass Menschen aus dem westlichen Kulturkreis schon sehr früh lernen, auditive und visuelle Wahrnehmungen miteinander zu verknüpfen, was auch zu einer starken Verbindung zwischen den jeweils zuständigen Gehirnarealen führt. Diese kulturellen Unterschiede zeigen, dass das Erlernen von Fremdsprachen durch die Beobachtung der Mundbewegungen nicht in allen Sprachen erleichtert werden kann.

Literatur

Hisanaga, Satoko, Sekiyama, Kaoru, Igasaki, Tomohiko & Murayama, Nobuki (2016). Language/Culture Modulates Brain and Gaze Processes in Audiovisual Speech Perception. Scientific Reports, 6, http://dx.doi.org/10.1038/srep35265.
Macdonald, John & McGurk, Harry (1978). Visual influences on speech perception processes. Perception and Psychophysics, 24, 253–257.
McGurk, Harry & Macdonald, John (1976). Hearing Lips and seeing voices. Nature, 264, 746–748.



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