McGurk-Effekt

Der McGurk-Effekt bezeichnet die Beeinflussung der menschlichen Wahrnehmung eines akustischen Sprachsignals durch die synchrone Beobachtung einer Lippenbewegung. Beim klassischen Versuch wird einer Probanden bzw. einem Probanden ein Videoband vorgespielt, auf dem eine Person zu sehen ist, die die Silben „ga-ga“ ausspricht, wobei die Tonspur jedoch manipuliert wurde und die ProbandInnen die Silben „ba-ba“ hören lässt. Etwa 98 Prozent der erwachsenen Versuchspersonen geben an, die Silben „da-da“ wahrgenommen zu haben.

Das menschliche Gehirn versucht offensichtlich alle Signale inklusive der optischen Informationen zu nutzen, um zu erschließen, wie das akustische Signal erzeugt wurde. Da es erfahrungsgemäß einen direkten Zusammenhang zwischen Lippenbewegung und Lauten gibt, übt die visuelle Information der Lippenbewegung einen großen Einfluss auf die Verarbeitungseinheit für Phoneme aus und das Sprachzentrum kombiniert die widersprüchlichen Sinneseindrücke, um sie zu korrigieren.

Werden daher Filme synchronisiert, entspricht der gesprochene Text oft nicht der Lippenbewegung, dennoch scheint sie halbwegs synchron zu sein, was was sich mit einer Dominanz des Hörens erklären lässt.

Die Entdeckung des McGurk-Effekts durch Harry McGurk war eher zufällig, denn in den 1970ern untersuchte er eigentlich nur die Wahrnehmung von Kindern. Zahlreiche Studien zeigen, dass der Effekt auch in anderen Sprachen auftritt, allerdings ist er etwa im Chinesischen und Japanischen eher schwach ausgeprägt. Um das zu überprüfen, verglichen Satoko et al. (2016) zwei Gruppen von jeweils 20 japanischen und englischen Sprachschülern beim Betracht von Videos, wobei deren Gehirnaktivität, Blickverlauf und Reaktionszeiten festgehalten wurden. Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Die Englischsprachigen sahen ihrem Gegenüber stets auf die Lippen und antizipierten einige hundert Millisekunden vor der eigentlichen Vokalisierung, was sie zu hören bekommen werden, und engten bereits  die Möglichkeiten ein. Bei Japanischsprachigen war der Blick nicht in gleicher Weise auf die Lippen fixiert, sondern sie verließen sich fast vollständig auf das Hören, wobei ihre Reaktionszeiten im Schnitt langsamer waren. Man vermutet, dass Menschen aus dem westlichen Kulturkreis schon sehr früh lernen, auditive und visuelle Wahrnehmungen miteinander zu verknüpfen, was auch zu einer starken Verbindung zwischen den jeweils zuständigen Gehirnarealen führt. Diese kulturellen Unterschiede zeigen, dass das Erlernen von Fremdsprachen durch die Beobachtung der Mundbewegungen nicht in allen Sprachen erleichtert werden kann.

Literatur

Hisanaga, Satoko, Sekiyama, Kaoru, Igasaki, Tomohiko & Murayama, Nobuki (2016). Language/Culture Modulates Brain and Gaze Processes in Audiovisual Speech Perception. Scientific Reports, 6, http://dx.doi.org/10.1038/srep35265.
Macdonald, John & McGurk, Harry (1978). Visual influences on speech perception processes. Perception and Psychophysics, 24, 253–257.
McGurk, Harry & Macdonald, John (1976). Hearing Lips and seeing voices. Nature, 264, 746–748.




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