Gesichtserkennungsphänomen

Das menschliche Gehirn im Lauf seiner Entwicklung zum Gesichter-Spezialisten geworden, wobei das Gehirn die Gesichtserkennung nicht lernen muss, sondern diese Fähigkeit ist angeboren. Alles, was nur entfernt wie ein Gesicht aussieht, löst einen Erkennungsmechanismus aus, weshalb Menschen manchmal auch dort Gesichter sehen, wo gar keine sind, etwa in Wolken oder Bäumen. Nicht nur Menschen mit überdurchschnittlich entwickelter Phantasie sehen in der Umgebung häufig Gesichter, wo keine sind, sondern Gesichter in Dingen zu erkennen ist zutiefst menschlich. Schon David Hume erkannte, dass es die allgemeine Tendenz unter Menschen ist, alle Dinge als sich selbst ähnlich aufzufassen und diese Eigenschaft sogar auf Dinge zu übertragen. Ursache des Phänomens ist die Gehirnleistung, wobei die linke Gehirnhälfte einstuft, wie ähnlich ein Bild einem Gesicht ist, aber die Entscheidung, ob es sich tatsächlich um ein Gesicht handelt, fällt die rechte Hirnhälfte. Wenn nun in einem Gegenstand ein lächelndes Gesicht erkannt wird, sagt die linke Seite des Gehirns spontan „Ja“ und erst die Kontrolle durch die rechte Gehirnhälfte sagt „Nein“.

Wenn Menschen jemanden in einer Menschenmenge suchen, schauen sie in viele Gesichter, bevor sie das gesuchte Gesicht entdecken. In einer Untersuchung (Kaunitz et al., 2016) ließ man Probanden am Computerbildschirm nach einem bestimmten Gesicht in einer Menschenmenge suchen, währenddessen man die Augenbewegungen registrierte und auch, welche Personen im Bild angeblickt worden waren. Danach wurde erhoben, an welche Gesichter sich die Probanden erinnerten und wie sicher sie sich ihrer Erinnerung waren. Dabei zeigte sich, dass die Probanden bis zu sieben der fremden Gesichter wiedererkannten, die sie bei ihrer Suche nach der Zielperson angeblickt hatten, obwohl sie während der Suche nicht wussten, dass sie später nach diesen befragt würden. Auch waren sich die Testpersonen ihrer Sache sehr sicher, was belegt, dass sie sich tatsächlich bewusst an die gesehenen Personen in der Menschenmenge erinnerten. Man schließt daraus, dass das menschliche Gedächtnis auch beiläufige Bilder zumindest kurzzeitig behält und diese nicht wieder sofort löscht. Dies macht insofern natürlich Sinn, damit man bei der Suche nach einem bekannten Gesicht die schon überprüften Gesichter nur noch kurz überfliegen muss, um diese von einer nochmaligen näheren Betrachtung auszuschließen.

Buchstabenerkennung und Gesichtserkennung

Gesichter haben für Menschen offensichtlich eine so große Bedeutung, dass sich im Laufe der Evolution die visuelle Wahrnehmung auf das Erkennen von Gesichtern derart spezialisiert hat, dass häufig Gesichter auch dort gesehen werden, wo es gar keine gibt. Bisher ging man davon aus, dass es sich bei diesem Phänomen um eine gesichtsspezifische Ausnahme handelt, doch findet such ein ähnlicher Effekt auch für das Erkennen von Buchstaben. Grundlage dafür ist offenbar die Plastizität des Gehirns, durch die Menschen in der Lage sind, sich an Umweltreize anzupassen, denn praktisch überall in der Umwelt treffen Menschen auf Buchstaben, etwa in den Medien, im Straßenbild oder auf Alltagsgegenständen. In einer Studie haben Grotheer & Kovács (2014) ihren Probanden unterschiedliche Buchstabenreihen gezeigt und die beim Sehprozess entstandene Gehirnaktivität aufgezeichnet. Die Aufnahmen belegten, dass sich die Hirnaktivität im Verlauf der Messung an die visuelle Wahrnehmung der Buchstaben anpasste, allerdings nur dann, wenn es sich um korrekte lateinische Schriftzeichen handelt. In einer Versuchsreihe mit verfremdeten Buchstaben konnte keine entsprechende Adaptation nachgewiesen werden. Man vermutet, dass die Lese- und Schreiberfahrung für diese Anpassung verantwortlich ist, allerdings bleibt unklar, ob die Anpassungsfähigkeit des Gehirns für das Erkennen von Buchstaben wie bei der Wahrnehmung von Gesichtern das Ergebnis eines evolutionären  Entwicklungsprozesses darstellt.

Buchtipp und Linktipp: Der SPIEGEL-Photograf Konrad Lischka hat in einem Buch neugierige Hydranten, traurige Handtaschen, müde Tacker, lächelnde Gullydeckel, schielende Häuser entdeckt, denn im Büro, in der Stadt, in der Wohnung blicken Dinge mit Gesicht in die Welt, die eigentlich keines haben sollten. Der Fotoblog dingemitgesicht.de von Konrad Lischka zeigt Aufnahmen dieser versteckten Wesen und täglich kommen Fotos von mehr seinen Fans hinzu. Die Reaktionen im Netz zeigen: Es ist eine Freude, Dinge mit Gesicht zu entdecken und ihre Mienen zu deuten.

Siehe dazu auch Gesichtserkennung durch FACS und Lesenlernen reduziert Gehirnareale zur Gesichtserkennung.

Literatur
Grotheer, M. & Kovács, G. (2014). Repetition Probability Effects Depend on Prior Experiences. The Journal of Neuroscience, 34, 6640-6646.
Kaunitz, L.N., Rowe, E.G. & Tsuchiya, N. (2016). Large capacity of conscious access for incidental memories in natural scenes [Abstract]. Psychological Science, doi:10.1177/0956797616658869.




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