Anomie

1. Definition

Erheblich gestörte Fähigkeit zum Behalten von Namen; Vorkommen als allgemeine Gedächtnisstörung durch Hirnkrankheit und als Typ der Aphasie (Peters U.H. 2007, S. 38)

2. Definition

Ist eine vom Hirn ausgehende Sprachstörung, die entweder auf Störung der Sprechfähigkeit oder aber des Sprachverständnisses beruht. ( vgl. Hammerschmid – Gollwitzer J. 1999, S. 26)

3. Definition

Psychologisch betrachtet gibt es ein verwandtes Wort zu Anomie, nämlich die anomische Aphasie. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Betroffene Mensch Sprache verstehen und sinnvoll produzieren kann, aber große Schwierigkeiten bei der Wortfindung von Objekten hat. ( vgl. Maier H. 2007, S. 20)

4. Definition

Laut dem Fachbuch für Sprachstörungen liegen die Leitsymptome der Anomie in der Wortfindung, wodurch es zu längeren Pausen und Satzabbrüchen kommt. Die meisten Schwierigkeiten bereiten fast nur Inhaltswörter: Substantive, Verbe und Adjektive.  Zur Umschreibung werden pantomimische Gesten oder häufiges Wiederholen der vorigen Passagen benutzt. (vgl. Braun O.2006, S. 143)

5. Definition

Sprachstörung, mit dem Leitsymptom Wortfindungsstörung bei gut erhaltenem Sprechfluss und überwiegend intaktem Satzbau. (Berlit P. 2004. S. 64)

Menschen, die unter Anomie leiden, haben Schwierigkeiten Objektnamen zu finden, wobei  sie ein intaktes Sprachverständnis besitzen,  sinnvolle Sprache produzieren und Gesagtes nachsprechen können. Das Besondere an dieser Schädigung, die an verschie­denen Orten im temporalen Kortex auftreten kann, ist, dass die Betroffenen das Wort in Verbform, allerdings nicht in Substantivform finden können, d.h., sie. umschreiben »Man kann damit kleben«, finden aber  das Wort »Klebstoff« nicht.

Anomie als soziologischer Begriff

Anomie bezeichnet in der Soziologie einen Zustand fehlender oder schwacher sozialer Normen, Regeln und Ordnung. Mit dem Wort Anomie wird eine gesamtgesellschaftliche Situation beschrieben, in welcher herrschende Normen auf breiter Front ins Wanken geraten, bestehende Werte und Orientierungen an Verbindlichkeit verlieren, die Gruppenmoral eine starke Erschütterung erfährt und die soziale Kontrolle weitgehend unterminiert wird  Vor allem in England war der Begriff ursprünglich ein theologischer Ausdruck für das Brechen religiöser Gesetze. Zur Beschreibung einer Anomie wird umgangssprachlich und irreführend häufig auch das Wort Anarchie (Abwesenheit von Herrschaft) benutzt. Der Begriff der Anomie wurde von Émile Durkheim, der ihn den Schriften des Philosophen Jean Marie Guyau entlehnt hatte, in die Soziologie eingeführt. Der Rückgang von religiösen Normen und Werten führt nach Durkheim unweigerlich zu Störungen und zur Verringerung sozialer Ordnung. Aufgrund von Gesetz- und Regellosigkeit sei dann die gesellschaftliche Integration nicht länger gewährleistet. Anomie führt nach Durkheim beim Individuum zu Angst und Unzufriedenheit bis sogar zur Selbsttötung (anomischer Suizid). Durkheim benutzte den Begriff, um die pathologischen Auswirkungen der sich im Frühindustrialismus rasch entwickelnden Sozial- und Arbeitsteilung zu beschreiben.

Robert King Merton ist schließlich der Begründer der Anomietheorie (1938), in der er von einem Widerspruch zwischen den als legitim erkannten kulturellen Zielen einer Gesellschaft (etwa Konsum von Statussymbolen) und der ungleichen Verteilung der Mittel (etwa Geld, Einfluss, Beziehungen), mit denen diese Ziele zu erreichen sind, ausgeht. In einer solchen Situation entsteht Anomie, auf die nach Merton in fünf Weisen reagiert werden kann.

  • Konformität: Kulturelle Ziele werden akzeptiert, die legalen Mittel zur Erreichung sind vorhanden.
  • Innovation: Kulturelle Ziele werden akzeptiert, die Mittel zur Erreichung sind nicht vorhanden und werden durch illegale Mittel ersetzt (Folge: Kriminalität).
  • Ritualismus: Kulturelle Ziele werden akzeptiert, aber individuelle werden reduziert, damit die legalen Mittel zu ihrer Erreichung genügen.
  • Rückzug: Kulturelle Ziele wie auch legale Mittel werden abgelehnt (Folge: Selbst- oder Fremdexklusion).
  • Rebellion: Kulturelle Ziele und legale Mittel werden aufgegeben und sollen durch neue ersetzt werden.

Die Anomietheorie vertritt die etwa These, dass Aggression in einer Gesellschaft dann entsteht, wenn die gegebenen Lebensumstände keine Möglichkeiten zur sozialen Integration oder zum sozialen Erfolg zulassen. Kinder aus solchen Schichten werden etwa dann aggressiv, wenn sie keine anderen Chancen sehen, die in der Gesellschaft vorherrschenden Ziele zu erreichen. Das Aggressionspotential jener Kinder steigt, die sich sehr früh in der Gesellschaft als Verlierer fühlen und Gefühle der Erniedrigung, Demoralisierung und des Ausgeschlossenseins erleben. Den durch die Schule gesetzte Ziele wie gute Noten in den Klassenarbeiten, Erreichen des Klassenziels, Erreichen des Schulabschlusses usw., können sich die unterprivilegierte Kinder auch nicht entziehen, besitzen aber keine für das Erreichen dieser Ziele notwendigen soziokulturellen Mittel. So haben sie etwa nicht gelernt, sozial adäquat zu kommunizieren, eigene Verhaltensweisen in Frage zu stellen, die Verhaltensweisen in der Schule entsprechen nicht denen im Elternhaus (vgl. Myschker, 1999, S. 99). Unter pädagogischem Aspekt kann man daher aggressives Verhalten weder einseitig als Resultat organischer Bedingungen oder Entwicklungsbedingungen des Individuums noch der Umweltbedingungen allein betrachten, sondern stets als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen einem genetisch einzigartigen Individuum und den ganz spezifischen Gegebenheiten seiner Umwelt.

Literatur
Braun, O. (2006). Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen: Diagnostik – Therapie – Förderung. Hamburg:  Kohlhammer Verlag.
Berlit P. (2004). Therapielexikon Neurologie. Heidelberg: Springer Verlag.
http://de.wikipedia.org/wiki/Anomie (10-11-21)
Hammerschmid-Gollwitzer J. ( 1999). Wörterbuch der medizinischen Fachausdrücke. München: Goldmann.
Maier H. (2007). Aphasie bei Mehrsprachigkeit – Independente oder interdependente Sprachverarbeitung. München: GRIN Verlag.
Merton, Robert K. (1985). Entwicklung und Wandel von Forschungsinteressen. Aufsätze zur Wissenschaftssoziologie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Myschker, N. (1999). Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen: Erscheinungsformen – Ursachen – hilfreiche Maßnahmen. Stuttgart: Kohlhammer.
Peters U. W. (2007). Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. München: Urban & Fischer Verlag.
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_K._Merton (11-02-08)

 




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