apallisches Syndrom

Als apallisches Syndrom bzw. Wachkoma wird ein Krankheitsbild bezeichnet, bei dem ein Mensch wach mit geöffneten Augen in seinem Bett liegt oder im Rollstuhl sitzt, jedoch nicht in der Lage ist, mit seiner Umwelt bewusst Kontakt aufzunehmen und Umweltreize wahrzunehmen. Das apallische Syndrom ist meist die Folge einer schweren Schädigung des Gehirns durch Unfälle, Hirnblutungen, Schlaganfälle, Infektionen des Gehirns oder Sauerstoffmangel. Es sind vor allem schwere Schädelhirntraumata oder ein plötzlicher und hochgradiger Sauerstoffmangel des Gehirns, wie er nach Herzkreislaufstillstand, als Folge eines Herzinfarktes oder einer Wiederbelebung, aber auch bei beinahe Ertrinken oder Ersticken auftreten kann.  Auch Blutungen in das Gehirn oder in die Gehirnhäute, Gehirnentzündungen sowie Vergiftungen können zu einem apallischen Syndrom führen. Ein Wachkoma tritt auch manchmal völlig unerwartet ein. Manchmal versetzen Ärzte Menschen nach Unfällen auch absichtlich in ein künstliches Koma.

Bei einem komaauslösenden Trauma kommt es zu einer Unterbrechung aller Verbindungssysteme vom Großhirn zum Hirnstamm, d. h., die Bewegungsimpulse der Großhirnrinde erreichen nicht mehr das Rückenmark, der oder die Betroffene kann weder Arme, Beine oder den Kopf bewegen, schaut nur starr vor sich hin, aber auch alle anderen Reize von außen und vom eigenen Körper erreichen die Großhirnrinde nicht mehr, sodass jede Wahrnehmung ausgefallen scheint. Das apallische Syndrom, an dem Wachkoma-Patienten in der Regel leiden, ist deshalb häufig nur sehr schwer funktional eindeutig zu umschreiben, denn manche Betroffene sind tatsächlich in einem nahezu bewusstlosen Zustand, während andere sogar Anweisungen hören und verarbeiten können.

Es ist nicht geklärt, ob die Betroffenen ganz ohne Bewusstsein sind, vor allem dann, wenn diese längere Zeit nicht mehr aus dem Koma aufwachen, sondern mit offenen Augen jahrelang als Wachkomapatienten scheinbar abwesend dahindämmern. Wie viel sie tatsächlich wahrnehmen und von ihrer Umgebung mitbekommen, bleibt daher meist ein Rätsel. Üblicherweise wird der Zustand der Betroffenen anhand ihrer sprachlichen und körperlichen Reaktionen auf Reize eingeschätzt, was aber sehr schwierig ist, da manche völlig bewegungsunfähig sind. Man versucht daher, die Reaktionen direkt im Gehirn zu messen, um zu verstehen, was Wachkomapatienten noch wahrnehmen und erleben. Generell wird vermutlich die Fähigkeit von Wachkomapatienten, die Außenwelt wahrzunehmen, systematisch unterschätzt, denn Studien haben gezeigt, dass es bis zu 43 Prozent Fehldiagnosen gibt. In Experimenten wurden kommunikationsunfähige Menschen mit dem apallischen Syndrom im Kernspintomographen untersucht, bei denen sich  bei der Aufforderung, Tennis zu spielen, im für Bewegungssteuerung zuständigen motorischen Cortex eindeutige Aktivitätsmuster zeigten, wie wie man sie auch bei gesunden Tennisspielern beobachten kann.

Bei optimaler Rehabilitation und Betreuung beträgt die durchschnittliche Überlebensdauer von Wachkomapatienten drei bis fünf Jahre, bei jungen Patienten kann die Lebensdauer 15 bis 20 Jahre betragen. Viele Wachkomapatienten werden zu Hause in der Familie gepflegt, da in diesem Umfeld am ehesten emotionale Reaktionen zu erwarten sind und der Kontakt zu Familie und Freunden einen stimulierenden Faktor darstellt. Zuwendung, Geborgenheit und vor allem Zeit sind wichtige Faktoren, die für einen positiven Verlauf der Erkrankung eine elementare Bedeutung haben. Die Pflege eines Familienmitgliedes im Wachkoma ist allerdings eine große psychische und physische Belastung. Es wurde in neueren Forschungen festgestellt, dass sich bei frühzeitiger, intensiver Zuwendung und Kommunikation nicht selten die schweren Formen eines apallischen Syndroms vermeiden lassen oder seine Zeichen nur in flüchtiger Form auftreten. Schließlich wurde nachgewiesen, dass Menschen im apallischen Syndrom offenbar nicht nur sensorische Stimulationen und menschliche Stimmen Wahrnehmen, sondern auch auf einfache Weise Reaktionen erlernen können.

Bielefelder Psychologen konnten übrigens zeigen, dass Wachkomapatienten auf eine unlogische Wortkombination mit einer Veränderung der Gehirnströme reagieren, wodurch man hofft, etwas über die Heilungschancen von Patienten mit dem apallischen Syndrom aussagen zu können. Viele von einem Wachkoma Betroffenen zeigen einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus, sind an einem Tag oft nur wenige Minuten aufnahmefähig, noch dazu unregelmäßig über den ganzen Tag verteilt, sodass man die Betroffenen vor etwaigen Tests mehrere Wochen lang mithilfe von Bewegungssensoren, Kameras und Hormonmessungen beobachten muss. Bekanntlich sucht das Gehirn automatisch nach Sinn und manche Patienten, die im Wachkoma liegen und scheinbar nichts mitbekommen, reagieren mit starken Schwankungen der Gehirnströme auf Nonsenssätze. Im Gegensatz zu akustischen Signalen wie Klopfen oder Händeklatschen reagieren bei unlogischen Sätzen vor allem jene Komaptienten, von denen mehr als 80 Prozent später wieder aufwachten, sodass die Reaktion auch unlogische Sätze einen guten Indikator für die Wahrscheinlichkeit des Aufwachens abgeben könnte. Ein wichtiger Marker sind die Schlafspindeln, benannt nach sekundenschnellen, spindelähnlichen Ausschlägen am EEG, die besonders während des Einschlafens und im Leichtschlaf regelmäßig auftreten. Diese Schlafspindeln spielen eine zentrale Rolle bei der Reaktion des Gehirns auf Reize, denn sobald sie auftauchen, ist der Bezug zur Außenwelt unterbrochen, das Gehirn nimmt keinerlei Reize auf. Während einer Spindelaktivität ist das Gehirn in der Hauptsache mit sich selbst beschäftigt, denn dabei werden etwa Informationen abgespeichert und ins Langzeitgedächtnis integriert. Die Spindeln erlauben somit sowohl eine Aussage über die verbliebene Vernetzung als auch über die Lernfähigkeit in einem geschädigten Gehirn.




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