enterisches Nervensystem

Das enterische Nervensystem hat anatomisch eine sehr ähnliche funktionale Struktur wie das Gehirn und zieht sich als durchgehendes Netzwerk von der Speiseröhre bis zum Darmausgang mit über 100 Millionen Nervenzellen und Gliazellen. Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind in beiden Gehirnen gleich und auch ihre Funktion ähnelt sich insofern, dass beide autonom vom restlichen Körper arbeiten können. Das Bauchgehirn analysiert die zugeführte Nahrung auf ihre Nährstoffzusammensetzung, den Salzgehalt und Wasseranteil und koordiniert, was der Körper absorbiert und was er ausscheidet. Das enterische Nervensystem steuert hemmende und aktivierende Schaltkreise, damit die Muskelzellen die Nahrung in wellenartigen Reflexen durch das Verdauungssystem pressen. Außerdem kontrolliert es, dass hemmende und erregende Nervenbotenstoffe im Gleichgewicht sind, genauso wie stimulierende Hormone und schützende Substanzen.

Im Bauch des Menschen leben auch Milliarden von Bakterien, die für das Funktionieren des Organismus bedeutend sind, aber deren Aktivität sich auch auf die Persönlichkeit und letztlich  die Entscheidungen von Menschen auswirkt, und die etwa dafür verantwortlich sind, ob dieser in einer Situation eher zurückhaltend oder angriffig reagiert. Die Bakterien der Darmflora wirken an ihren Schnittstelle mit Nährstoffen, Umweltbakterien oder menschlichen Zellen, vor allem bei der Zersetzung von Nahrungsmittelbestandteilen. Manche Bakterien zerkleinern Fasern oder tragen zur Gärung bei und wirken so an der Energieproduktion im Körper mit. Andere helfen beim Schutz gegen krankheitserregende Bakterien, und eine dritte Gruppe sorgt für die Erneuerung der Darmwand, der Schleimhäute oder des natürlichen Immunsystems. Die Darmflora bildet sich nach der Geburt und ist erst im dritten Lebensjahr voll entwickelt, wobei langes Stillen diese Entwicklung fördert, denn mit der Muttermilch nimmt das Kleinkind schützende Antikörper für die Abwehr auf. Die Darmflora stabilisiert sich dann im Alter von drei Jahren und bleibt die meiste Zeit des Lebens über stabil. Erst im hohen Alter scheint es Abweichungen zu geben, die insbesondere durch die Ernährungsgewohnheiten verursacht werden.

Zwischen dem zentralen Nervensystem im Gehirn und dem weitgehend eigenständigen enterischen Nervensystem gibt es einen ständigen Dialog, der die beiden Steuerzentralen verbindet. Darm und Gehirn tauschen dabei über den Vagus-Nerv, der vom Kopf zum Bauch verläuft, Informationen aus, wobei die Immunabwehr im Darm auch im Gehirn Aktivitäten auslöst, indem sich Eiweißstoffe (Gliazellen) bilden, die dann unter Umständen fehlgesteuert gesunde Neuronen angreifen können, die sie sonst schützen. Man vermutet, dass auch dadurch Erkrankungen des Gehirns entstehen können, wobei allerdings nicht jeder Mensch erkrankt, wenn seine aus dem Gleichgewicht kommt, d. h., es muss auch eine genetische Veranlagung vorliegen.

Kopf- und Bauchgehirn stehen also im ständigen Kontakt, werden doch 90 Prozent der Informationen zum Gehirn geschickt, aber nur zehn Prozent in die andere Richtung, etwa wenn das Bauchgehirn Gifte meldet, denn dann veranlasst das Gehirn, dass das enterische Nervensystem motorische Reflexe auslöst und der Mensch erbricht. Störungen bei der Reizübertragung zwischen den Zellen können Probleme verursachen, denn so können Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin die Darmnerven erregen, was Übelkeit, ein flaues Gefühl im Magen aber auch Durchfall verursachen kann. Kaum ein anderes Organ des Menschen reagiert so sensibel auf seelische und nervliche Belastungen wie der Magen-Darm-Trakt. Übrigens zeigte sich, dass bei bestimmten neurologischen Erkrankungen, wie etwa der Parkinson-Krankheit, zunächst die Neuronen im Magen-Darm-Trakt angegriffen werden.

Wird etwa die Darmflora durch Antibiotika zerstört, kann dies u. U. erhebliche gesundheitliche Folgen haben, denn auch das Gehirn kann in Mitleidenschaft gezogen werden, wie Versuche bei Mäusen zeigen, deren Darmflora durch eine mehrwöchige Antibiotikagabe zerstört worden war, bildeten deutlich weniger neue Nervenzellen in der Hippocampus-Region als unbehandelten Tiere. Allerdings ist eine Übertragung dieser Ergebnisse im Tierversuch nicht 1:1 auf den Menschen zulässig, zumal in den Versuchen die Darmflora der Tiere beinahe total zerstört worden war.

Von den Informationen, die das Bauchgehirn tagtäglich zum Gehirn schickt, nehmen gesunde Menschen nur die wenige davon bewusst wahr, während Menschen mit Reizmagen oder Reizdarm, die an chronischen Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung leiden viel empfindlicher auf die Informationen reagieren. Diese erhöhte Sensibilität schlägt sich auch in anderen Bereichen nieder, indem Menschen mit Reizmagen oder -darm überdurchschnittlich oft an Migräne, Depressionen, Schlafstörungen oder Angst leiden. Beide Nervensysteme haben die gleichen Botenstoffe und Rezeptoren, sodass einige Medikamente auch beide Gehirne beeinflussen, sodass fast alle, die auf Neurotransmitter wirken, auch Rezeptoren im Darm besitzen. Antidepressiva stellen darum meist auch die Verdauung ruhig, während Medikamente, die den Serotoninspiegel und damit die Laune heben, gleichzeitig die Motorik im Darm steigern.

Literatur & Quellen
Stangl, W. (2002). Das Bauchhirn – das enterische Nervensystem.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/Bauchhirn.shtml (02-11-21)
Arte-Dokumentation „Der kluge Bauch“.
WWW: http://future.arte.tv/de/der-kluge-bauch (14-06-10)





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