Geschlechtsstereotype – Geschlechtsrollenstereotype

In allen Kulturen gilt das Geschlecht als wichtige Kategorie für die soziale Differenzierung, mit ihr verbindet sich eine Vielzahl geschlechtsbezogener Erwartungen und Vorschriften. Kinder lernen schon sehr früh, welche Merkmale in ihrer Kultur als „männlich“ und welche als „weiblich“ angesehen werden, bzw. welches Verhalten vor diesem Hintergrund als abweichend gilt.

Während Kinder im jüngeren und mittleren Alter auf Grund ihres Entwicklungsstands recht starr Geschlechterstereotypen folgen, setzen sich Jugendliche meist kritischer mit solchen Normen auseinander, allerdings wirken die Stereotype des Selbstbilds auch hier, denn weibliche Jugendliche sind generell unzufriedener mit ihrem Äußeren, weil sie offenbar vom Schönheitsideal der Erwachsenenwelt beeinflusst werden. Sie entwickeln daher weniger Ich-Stärke als männliche Jugendliche und verfügen meist über ein weniger positives Selbstbild und eine geringere psychische Stabilität. Auch ihr Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit und ihre Erfolgszuversicht sind geringer ausgeprägt, obwohl sie in stärkerem Maße für die Gleichberechtigung von Frau und Mann in Familie und Beruf eintreten als die männlichen Jugendlichen. Dennoch wählen sie in der großen Mehrheit geschlechterstereotype Berufe mit geringeren Aufstiegschancen. Offensichtlich ist die Geschlechtsidentität das Ergebnis einer kognitiven Selbstkategorisierung und entspricht der Erwartung, sich seinem Geschlecht entsprechend zu verhalten. Schon Lawrence Kohlberg hat darauf hingewiesen, dass Kinder einen aktiven Beitrag bei der Interpretation ihrer Geschlechterrolle leisten, denn sobald sie die Unveränderbarkeit ihrer Geschlechtszugehörigkeit erkannt haben, streben sie danach, sich ihrem Geschlecht entsprechend zu verhalten. Während Kinder im jüngeren und mittleren Alter aufgrund ihres Entwicklungsstands recht starr Geschlechterstereotypen folgen, setzen sich Jugendliche eher kritischer mit solchen Normen auseinander.

1. Definition:
Geschlechtsstereotypen repräsentieren kognitiv kulturspezifische Erwartungen in Form von Geschlechtsrollen. Geschlechtsstereotype erwerben Kinder bereits im 2. Lebensjahr. Ein rigides Geschlechtsstereotyp wird (z.B. Bügeln tun nur Frauen) nach der Zeit durch ein flexibles Geschlechtsstereotyp (z.B. Bügeln tun meistens Frauen) ersetzt. (Vgl. Asendorpf, 2009, S. 159, 163)

2. Definition:
Geschlechtsstereotype der jeweiligen Kulturen beeinflussen spätestens nach der Geburt eines Kindes das psychologische Geschlecht wesentlich. Dadurch ist es möglich, dass vorhandene Geschlechtsunterschiede verstärkt, vermindert oder überhaupt erst erzeugt werden. Geschlechtsstereotype können über das psychologische Geschlecht auf das biologische Geschlecht Einfluss nehmen. (Vgl. Asendorpf, 2005, S. 379)

3. Definition:
„Stereotype sind Wahrnehmungsklischees über eine bestimmte soziale Gruppe. Ein wichtiges Beispiel ist das Geschlechtsstereotyp. Frauen sprechen eher über ihre psychischen Probleme als Männer.“ (Faller & Lang, 2006, S. 179)

4. Definition:
„Unter Stereotype werden allgemeine Erwartungen über Eigenschaften bestimmter sozialer Gruppen bzw. Annahmen über Verhaltensweisen und Merkmale verstanden, die Mitglieder in einer Gruppe im Durchschnitt aufweisen.“ (Schlimper, 2009, S. 11, zit. nach Schubert & Littmann-Wernli, 2001, S. 24)

5. Definition:
Unter Stereotyp versteht man vereinfachte, gesellschaftlich verbreitete Bilder, die die Wahrnehmung der Welt beherrschen. Das bewirkt, dass man eine Meinung über Dinge bereits hat, ohne eigene Erfahrungen damit gemacht zu haben. Auf den Menschen bezogen bedeutet das, von Gruppen oder Gesellschaften geteilte Vorstellungen über andere Personen aufzunehmen. Geschlechtsstereotype sind also Eigenschaften, die Frauen und Männern aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben werden (vgl. Günther, 2000, S. 25).

Psychologische Theorien zur Entstehung der Geschlechtsunterschiede

Es gibt verschiedene psychologische Theorieansätze, die zu erklären versuchen, warum Buben und Mädchen schon im Kindergarten unterschiedliche Verhaltensrepertoires, Interessen und Beschäftigungsvorlieben haben, wobei das Schwergewicht dabei auf der Entwicklung in der Kindheit und der Rolle der Eltern bei der Geschlechtsrollenentwicklung liegt. Die Bekräftigungstheorie postuliert, dass Buben und Mädchen schon ab dem Kleinkindalter für Verhalten, dass ihrem Geschlecht angemessen erscheint, belohnt werden, was durch Lob, Anerkennung und direkte Belohnung erfolgt, während ihrem Geschlecht unangemessene Verhaltensweisen nicht verstärkt, sondern sogar manchmal sogar bestraft, missbilligt oder einfach ignoriert werden. Die Bekräftigungstheorie basiert also darauf, dass bestimmte dem Geschlecht entsprechende Verhaltensstereotype existieren und Eltern ihre Kinder diesen Stereotypen gemäß erziehen, d.h., dass Eltern ihre Kinder unterschiedlich behandeln. Die Imitationstheorie postuliert, dass Kinder geschlechtstypisches Verhalten durch die Beobachtung gleichgeschlechtlicher Modelle bzw. die Nachahmung und Übernahme deren geschlechtsangemessenen Verhaltens erwerben. Dabei sind vor allem die Bezugspersonen im Hinblick auf erfolgreiches oder erfolgloses Verhalten ihre Vorbilder, d.h., nachgeahmt wird vorwiegend erfolgreiches Modellverhalten überwiegend am gleichgeschlechtlichen Vorbild. Die der Imitationstheorie nahe Identifikationstheorie nimmt an, dass durch die Primärbeziehungen geschlechtsspezifisches Verhalten gefördert bzw. erlernt wird, also durch die Beziehungen zu den wichtigsten Bezugspersonen gemeint, mit denen sich in den ersten Lebensjahren eine intensive gefühlsmäßige Beziehung und Bindung entwickelt hat, wodurch sich ein Kind mit dieser Person identifiziert, also Mädchen mit der Mutter und Buben sich mit dem Vater identifizieren, da Buben und Mädchen sich innerlich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil als ähnlich oder gar identisch erleben, wodurch auch Einstellungen, Werthaltungen und äußere Verhaltensweisen übernommen werden.

Die kognitive Theorie knüpft an die allgemeine Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget an, wonach sich die geistige Entwicklung des Menschen von innen heraus und in mehren Stadien vollzieht. Das sich aktiv mit seiner physikalischen und sozialen Umwelt auseinandersetzende Kind erwirbt Wissen und ein immer differenzierteres Urteilsvermögen auch über geschlechtsbezogene Merkmale und Inhalte, die für seine Kultur typisch sind, wodurch ein Kind sich selbst und andere Personen dem weiblichen oder männlichen Geschlecht eindeutig zuzuordnet. Während in der früheren Kindheit diese Zuordnung vor allem durch äußere Merkmale wie Frisur, Kleidung oder Körperbau erfolgt, kommen später Verhaltensweisen, Beschäftigungsvorlieben oder Einstellungen und Haltungen hinzu. In der psychoanalytischen Theorie der Geschlechtsrollenentwicklung ist der anatomische Unterschied zwischen Buben und Mädchen ausschlaggebend. Während Knaben einen Penis besitzen und Mädchen nicht, sodass sie sich als verstümmelt und minderwertig empfinden und das andere Geschlecht deshalb beneiden. Mädchen fühlen sich daher sich zum Vater hingezogen, um ihren kastrierten Zustand zu beenden, während Buben sich zur Mutter hingezogen fühlen und den Vater als Rivalen erleben. Diese auf das andere Geschlecht bezogenen Wünsche spielen sich unbewusst während der ödipalen Phase ab. Zu diesen psychologischen Theorien kommen biologische, kulturelle und soziologische Einflussfaktoren hinzu, die eine zusätzliche Rolle bei der Herausbildung geschlechtstypischen Verhaltens spielen.

Die Mehrzahl der aktuell vorliegenden wissenschaftlichen Befunde legt allerdings nahe, dass etwa der Feinaufbau des Gehirns schon sehr früh von Sexualhormonen beeinflusst wird, so dass die Umwelt von Geburt an und auch schon davor bei Mädchen und Buben auf schon grundlegend unterschiedlich verschaltete Gehirne einwirkt, sodass es später nahezu unmöglich wird, in der Entwicklung Erfahrungseinflüsse getrennt von der physiologischen Disposition zu erfassen.

Literatur
Asendorpf, Jens (2009). Persönlichkeitspsychologie. Berlin: Verlag Springer.
Asendorpf, Jens (2005). Psychologie der Persönlichkeit. Berlin: Verlag Springer.
Faller & Lang, Hermann & Hermann (2006). Medizinische Psychologie und Soziologie. Heidelberg: Verlag Springer.
Günther, Mario Thomas (2000). Eman(n)zipiert? Eine empirische Studie über den Zusammenhang zwischen dem Männerbild der Zeitschrift Men’s Health und der Lebensrealität der Leser. Münster: Verlag Lit.
http://www.tagesspiegel.de/wissen/-weil-ich-im-stehen-pinkeln-kann/1971882.html (10-11-02)
Kasten, H. (2003). Weiblich – Männlich. Geschlechterrollen durchschauen. München: Reinhardt.
Schlimper, Nadine (2009). Frauen in Führungspositionen: Welche Aufstiegshindernisse haben Frauen zu überwinden? Welche Karriere-hemmenden Faktoren verhindern oder erschweren den beruflichen Aufstieg von Frauen? Norderstedt: Verlag Grin.
Stangl, W. (2012). Veränderung der Geschlechterstereotypen in den letzten 30 Jahren. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GESCHLECHT-UNTERSCHIEDE/Geschlecht-Stereotype.shtml (12-12-11)

©




Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017