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Bewusstsein ist ein Produkt aus Evolution und eigener Erfahrung.
Christof Koch

 

Grundsätzliches: Bewusstsein ist nach Ansicht der Psychologie nichts, was über das normale Denken hinausreicht, sondern es ist eine Form des Denkens, das sich mit den Spuren früheren Denkens beschäftigt, also Meta-Denken. Bewusstsein hat ein Mensch immer dann, wenn er in der Lage ist zu bedenken, ob das, was er tut, vernünftig ist, und wenn er in der Lage ist zu sagen, nein, das mache ich jetzt anders.

Alle Lebewesen haben ein Nervensystem und fest verdrahtete Schaltkreise, die durch einen auslösenden Reiz ausgelöst werden, wobei die Hauptaufgabe des Nervensystems darin besteht, sensorische Rezeptoren mit motorischen Effektoren zu verbinden. Diese Verbindungs- und Koordinierungstätigkeit kann jedoch mehr oder weniger ausgeklügelt sein, da das Nervensystem während der Reizwahrnehmung sensorische Eingaben aus mehreren Quellen miteinander verbinden kann, wodurch eine Art Bild oder Darstellung der Umwelt entsteht. Diese Fähigkeit, interne Repräsentationen zu bilden, zu speichern und zu nutzen, wird als Kognition bezeichnet, aber sie ist nicht nur beim Homo sapiens vorhanden, sondern auch bei vielen anderen Tieren. Was das Gehirn des Homo sapiens jedoch auszeichnet, ist die Fähigkeit, Repräsentationen zweiter oder sogar höherer Ordnung zu erzeugen, d. h., der Mensch kann mit den Repräsentationen spielen und sie anders assoziieren, als sie in der Realität unmittelbar vorkommen. Am wichtigsten ist, dass das menschliche Gehirn Emotionen, also Repräsentationen x-ten Grades, erzeugen kann, wenn ein sensorischer Input einen Reflexkreislauf auslöst. In diesem Zusammenhang darf man eine Emotion nicht mit dem Reiz verwechseln, denn man rennt nicht vor dem Löwen weg, weil man Angst hat, sondern weil man rennt oder am liebsten rennen würde, fühlt man Angst. Emotionen können durch Sprache und Kultur objektiviert, durch die Vorstellung von Details vertieft oder verallgemeinert werden, indem sie in eine Geschichte oder einen Mythos gekleidet werden. Damit ist das Rätsel des Bewusstseins nicht gelöst, aber es lässt sich nachvollziehen, was in einem solchen Fall in den einzelnen Hirnregionen passiert. Das Bewusstsein ist etwas, das im Gehirn erzeugt wird, es basiert auf vergangenen Erfahrungen, und diese müssen nicht einmal die eigenen sein, obwohl Emotionen persönlich sind, sondern das Material dafür kann aus kollektiv geteilten oder gestalteten Repräsentationen stammen. Das menschliche Bewusstsein erzeugt nicht nur Reaktionen auf Reize, sondern formt aus ihnen eine Erfahrung. Erst dadurch kann der Mensch eine Situation analysieren und die Folgen verschiedener Handlungsalternativen abwägen, d.h., der Mensch ist nicht Automatismen ausgeliefert, sondern hat in jeder Situation Zugriff. Die Schattenseite des Bewusstseins ist jedoch, dass das Bewusstsein auch die Illusion vermittelt, dass man jederzeit alles unter Kontrolle hat, d.h., dass der Mensch in der Lage ist, seiner biologischen Maschine bewusst zu schaden. Menschliche Emotionen wie Egoismus, Gier, Narzissmus oder andere destruktive Verhaltensweisen sind also gar nicht natürlich, sondern selbstbewusste Entscheidungen, wobei das Bewusstsein auch schon Narrative bereithält, wie man solche Emotionen zügeln kann: Moral oder Gewissen.

Nach Wolfgang Prinz (2021) entstehen Subjektivität und Bewusstsein durch soziale Spiegelprozesse, denn Menschen werden dadurch zu bewusst wahrnehmenden und denkenden Subjekten, indem sie sich zu eigen machen, was sie anderen zuschreiben, und dass sie wahrnehmen, was andere ihnen zuschreiben. Subjektivität und Bewusstsein hängen also von sozialen Praktiken und Diskursen ab und werden durch sie geformt wird. Repräsentiert wird in diesen Prozesen also nicht nur das, was ein Individuum über die Welt weiß, sondern gleichzeitig immer auch, von wem und in welcher Form dieses Wissen besessen wird, was aber nicht nur die Grundvoraussetzung für bewusstes Erleben darstellt, sondern auch erst zwischenmenschliche Interaktionen und Kommunikation ermöglicht.

Auch die einfachsten Organismen, wie etwa Einzeller, stehen mit der Umwelt in Wechselwirkung, denn als ein stoffwechselndes System im Fließgleichgewicht sind sie auf Nahrung aus der Umwelt angewiesen. Da sie also nicht im Vakuum leben, stehen die Organismen außerdem mit dem sie umgebenden Medium, sei es nun Wasser oder Luft, in fortwährendem Kontakt. Aber auch Sonnenstrahlen und anderen elektromagnetischen wie auch chemischen Einwirkungen ist jeder Organismus ausgesetzt. Aus diesen Wechselwirkungen zwischen Organismus und Umweltreizen bildeten sich im Laufe der Evolution die verschiedenen Sinnessysteme für unterschiedliche Umweltreize, auf die der Organismus als Nahrung angewiesen war oder die er vermeiden musste, weil sie für ihn gefährlich waren. In beiden Fällen mussten daher vom Organismus Sensoren ausgebildet werden, die über Interneuronen den motorischen Zellen automatisch das Signal für das angeborene Verhalten von Fliehen oder Annäherung gaben.

Aus dieser Wechselwirkung zwischen Organismus und Umweltreizen gingen evolutionär die Sinnessysteme und ihre Abstimmung mit den physischen Reizen hervor. Aber während die Umweltreize als Energiequelle und Nahrung vom Organismus durch den Mund direkt aufgenommen wurden, wurden die Sinnessysteme zu Organen, die nicht den Umweltreiz selbst, sondern in erster Linie die Information über ihn empfingen. Die Umwelt der mehrzelligen Organismen wurde dadurch erweitert und die Reize, auf die der Organismus reagieren musste, um zu überleben, wurden immer bunter und vielfältiger, sodass der Organismus schließlich auf Grund von Versuch und Irrtum sowie Selektion Reizfilter im Rezeptorsystem entwickelte, die auf Reizkombinationen und Reizrelationen abgestimmt waren, die eine biologische Bedeutung für den Organismus hatten. Diese Kombinationen und Relationen von Reizen erfolgten durch die Sinnessysteme, die die Reize nach bestimmten Kategorien auswählten, die von biologischen Faktoren determiniert sind. Bei der Ausbildung der Sinnesqualitäten im Laufe der Evolution bildete diese Invariantenbildung eine wichtige Rolle, denn die Wiedererkennung einer Nahrung oder eines Raubtiers unter verschiedenen Beleuchtungs- und Umweltbedingungen war für das Überleben entscheidend. Dafür war es von Vorteil, wenn die Sinnessysteme die Reize selbst über die Sinnesfilter mit selbstgenerierten Zeichen markieren konnten. Jede Sinnesempfindung und -wahrnehmung kann dabei nur über die symbolische Information der Sinnesqualitäten stattfinden, denn kein Nervensystem hat unmittelbar die Fähigkeit, die eigenen Prozesse und Zustände unmittelbar zu erfahren. Nur die symbolische Information konnte daher zum Objekt der Aufmerksamkeit werden, auf das das sensorische bzw. kognitive System ausgerichtet wird, was nichts anderes bedeutet, dass nur solche Eigenschaften physischer Ereignisse oder Objekte wahrgenommen werden, die in Sinnesqualitäten umgewandelt wurden. In dieser Objektbildung haben das Bewusstsein und das Erkennen ihren Ursprung.

Seit der Antike denkt man den Ort des Bewusstseins und über das Denken nach, wobei man in der Regel in eigenartige, quälenden Spiralen kommt. Gedächtnis, Intelligenz, Moral, Bewusstsein, das alles geschieht irgendwie im Gehirn des Menschen. Bis zum Mittelalter gab es keine nennenswerten Vorstellungen über das menschliche Bewusstsein, obwohl die Philosophen der Frühzeit – allen voran Aristoteles (Die Seele ist zwar kein Körper, aber sie ist körperlich) – einige Ansätze theoretischer Natur gefunden hatten, diese aber durch eine grundlegende Unschärfe und Widersprüche gekennzeichnet waren. Auf Aristoteles Vorstellung einer Trennung zwischen Körper, Geist und Seele bauten praktisch alle Theologen und Philosophen auf, und erst während der Renaissance erfolgte der Versuch einer Trennung von Dogma und Wissenschaft. Es waren bis dahin vor allem Philosophen ohne jede wissenschaftliche Grundlage und Ausbildung, die oft skurile Spekulationen über das Wesen des menschlichen Bewusstseins anstellten. So hat etwa Gottfried Wilhelm Leibniz das Bewusstsein des Menschen mit einem berühmten Gedankenexperiment veranschaulicht: Was würde man finden, wenn man eine begehbare Maschine beträte, die denken, fühlen und wahrnehmen kann?

Erst die Psychologie als empirische Disziplin begann mit dem Sammeln von Daten und stützte sich dabei vorwiegend auf statistische und mathematische Verfahren. Besonders durch Weber, Fechner, Wundt und Ebbinghaus wird der Werkzeugkasten der empirischen Psychologie immer größer und die Erkenntnisse über das Bewusstsein des Menschen nahmen einen beachtlichen Umfang ein. Wissenschaftler konzentrieren sich heute bei der Erforschung des Bewusstseins vor allem auf Vorgänge im Gehirn, denn ein Bewusstsein ohne Aktivität von Nervenzellen im menschlichen Gehirn gibt es nicht. Außerdem hat sich gezeigt, dass sich Läsionen im Gehirn auf das Bewusstsein auswirken können, wobei etwa eine bestimmte Schädigung dazu führen kann, dass der davon betroffene Mensch einen Teil seiner Umgebung oder seines Körpers kaum oder gar nicht wahrnimmt (siehe Neglect). Daher scheint es einen begrenzten Bereich, der als Sitz des Bewusstseins angesehen werden kann, im Gehirn nicht zu geben, denn an der Verarbeitung der Informationen, die von den Sinnesorganen geliefert werden, sind stets zahlreiche und zum Teil räumlich weit voneinander entfernte Areale beteiligt. Nervenzellen im Gehirn sind dabei über eine Vielzahl von Synapsen, miteinander verbunden, sodass ein großes Netzwerk entsteht, auf das sich das geistige Erleben zurückführen lässt. Allein die Funktion der Formatio reticularis, ein Netzwerk im Gehirnstamm, scheint als zentrale Basisfunktion bewusster Wahrnehmung zu fungieren.


Das Bewusstsein benimmt sich wie ein Mensch,
der ein verdächtiges Geräusch im Keller gehört hat
und zum Dachboden eilt …*
C. G. Jung

Nach Jahrhunderten der Bemühung von Neurowissenschaftlern, Psychologen und Philosophen bleibt zur Frage, wie das Gehirn uns Bewusstsein verleiht, wie es Empfindungen, Gefühle und Subjektivität entstehen lässt, nur eines weiterhin gewiss: Wir haben keine Ahnung. David Eagleman beschreibt das Bewusstsein treffend als einen blinden Passagier auf einem Ozeandampfer, der behauptet, das Schiff zu steuern, ohne auch nur von der Existenz des gewaltigen Maschinenraums im Inneren zu wissen. Das Bewusstsein ist nicht etwas, das an einem konkreten Ort nämlich im Gehirn „ist“, sondern das Bewusstsein ist etwas, das Menschen durch ihre Tätigkeit ständig neu schaffen, sodass das menschliche Denken nicht auf einen neuronalen Vorgang reduziert werden kann. Die Gehirnforschung verkürzt dabei die Perspektive auf den menschliche Denken, da sie nur den neuronalen Mikrofokus betrachtet, nicht aber den dynamischen Lebensprozess eines Lebewesens im Austausch mit seiner kulturellen, biologischen und sozialen Umwelt. Menschen stecken nicht in ihrem Kopf, sondern sie sind in der Welt zu Hause.

Der psychologische Begriff Bewusstsein umschreibt, dass ein Mensch sowohl wach als auch orientiert ist, was impliziert, in Raum und Zeit orientiert zu sein, sodass sich die Person in diesen Kontext einordnen kann. Bewusstsein (consciousness) ist somit die Gesamtheit der unmittelbaren Erfahrung, die sich aus der Wahrnehmung von Menschen selbst und ihrer Umgebung, ihren Kognitionen, Vorstellungen und Gefühlen zusammensetzt.

Störungen des Bewusstseins sind immer auch Störungen der Aktiviertheit, etwa große Müdigkeit, das Erleben nach Schlafentzug, die unterschiedlichen Variationen des Erlebens zwischen hellwach sein, tief schlafen oder bewusstlos sein, bis hin zum Koma. Aktiviertheit reicht aber alleine nicht zum Bewusstsein aus, denn auch starke Aktiviertheit wie eine starke Emotion kann zu einer Störung der Orientiertheit führen, was auch durch psychotrope Substanzen wie Rauschnmittel hervorgerufen werden kann. Bewusstsein ist also jener Zustand, mit dem man die verschiedenen Grade der Aktivierung mentaler Prozesse und Orientiertheit in Raum und Zeit sowie zu sich selber bezeichnet.

Die Herausbildung eines reflektierenden Bewusstseins aus dem Bewusstsein ist dabei eine nicht nur graduelle sondern qualitative Veränderung im Verlauf der Evolution. Wenn man die Konflikte und Widersprüche in der Entwicklung des Menschen begreifen will, muss man nach Ansicht von Damasio das sowohl vorteilhafte als auch nachteilige Wechselspiel zwischen Gefühlen und Vernunft verstehen. Gefühle sind der menschliche Ausdruck von Homöostase, wobei die Homöostase jene Verbindung darstellt, der die frühen Lebensformen mit der Partnerschaft von Körper und Nervensystem verbindet. Letztlich bezieht der Mensch seine evolutionäre Sonderstellung aus der Bedeutung seines Leidens und Gedeihens im Kontext der Erinnerungen an die Vergangenheit und der Vorstellungen von Zukunft, die er sich unaufhörlich zurechtlegt.

Gamma & Metzinger (2021) haben eine umfangreiche Studie im Rahmen des internationalen „Minimal Phenomenal Experience Project“ zum Erleben des reinen Bewusstseins durchgeführt, wobei diese Form des Bewusstseins vor allem Meditierende wahrnehmen können sollten. Ein solcher Bewusstseinszustand kann zwar unterschiedlich erlebt werden, dennoch existieren entsprechende sehr spezifische Empfindungen. Darüber hinaus gibt es auch Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken, die als solche unspezifisch sind und lediglich begleitend auftreten können. Für diese Studie wurde ein Online-Fragebogen mit mehr als hundert Fragen entworfen und tausenden Meditierenden weltweit vorgelegt. Ziel war aber nicht, mehr über Meditation zu erfahren, sondern vielmehr über das menschliche Bewusstsein, denn man vermutete, dass das reine Bewusstsein die einfachste Form des bewussten Erlebens ist und daraus ein Minimalmodell des menschlichen Bewusstseins entwickelt werden könnte. Der Fragebogen in den fünf Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch wurde im vergangenen Jahr von rund 3600 Meditierenden ausgefüllt, wobei neben Fragen nach Informationen zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch Fragen zum Erleben von reinem Bewusstsein oder reinem Gewahrsein gestellt wurden. Eine Faktorenanalyse der Daten erbrachte zwölf Faktoren, mit denen sich das reine Bewusstsein beschreiben lässt. Typisch für das reine Bewusstsein scheint demnach etwa ein Empfinden von Stille, Klarheit und eines wachen Gewahrseins ohne Ich-Gefühl zu sein. Eher unspezifisch war dabei das Erleben von Zeit, Anstrengung oder Verlangen, das durchaus begleitend auftreten konnte. Nun versucht man, mit diesen zwölf Faktoren prototypisch ein Minimalmodell des menschlichen Bewusstseins zu entwickeln, wobei man annimmt, dass reines Bewusstsein auch in anderen Situationen erlebt werden kann, etwa bei Unfällen, bei schweren Krankheiten, im Grenzbereich zwischen Schlafen und Wachen oder auch beim versunkenen Spielen als Kind.

Die Neurowissenschaft nimmt in der Regel an, dass das Bewusstsein die Software ist und das Gehirn die Hardware, doch nach Ansicht etwa von Hedda Hassel Mørch, einer norwegischen Philosophin, könnte es genau umgekehrt sein, denn die Physik liefert nur die Software, also eine große Menge von Relationen bis in die unterste Ebene, doch ist Bewusstsein wegen seiner eindeutig qualitatven nicht-strukturellen Eigenschaften wesentlich mehr. Daher stellt sich die Frage, wie Bewusstsein aus nicht bewusster Materie entsteht, eigentlich gar nicht, denn alles Materielle ist bereits bewusst, und es erübrigt sich daher auch die Frage, wie Bewusstsein von Materie abhängt, denn die Materie hängt vom Bewusstsein ab, wie Relationen von den Relata abhängen oder die Software von der Hardware.

Die Frage, ob das Bewusstsein ein kontinuierlicher Strom von Wahrnehmungen ist oder Bewusstsein nur zu bestimmten Zeitpunkten auftritt, hat Philosophen, Psychologen und Neurowissenschaftler seit Jahrhunderten beschäftigt. Beide Hypothesen sind wiederholt bestätigt bzw. widerlegt worden. Herzog, Drissi-Daoudi & Doerig (2020) haben neuere Studien analysiert und zeigen, dass die Ergebnisse ein zweistufiges diskretes Modell begünstigen, bei dem erhebliche Perioden kontinuierlicher unbewusster Verarbeitung diskreten bewussten Wahrnehmungen vorausgehen, d. h., dass das Bewusstsein eine Kombination aus kontinuierlichen Phasen und Einzelmomenten der Wahrnehmung von Informationen ist. Zwar haben Menschen stets das Gefühl, dass sie zu jedem Zeitpunkt bewusst sind, doch Experimente haben etwa gezeigt, dass rote Punkte auf einem Bildschirm, denen Sekundenbruchteile später an derselben Stelle grüne Punkte folgen, von Testpersonen als gelbe Punkte wahrgenommen werden. Wäre also die Hypothese des kontinuierlichen Bewusstseins richtig, würde man tatsächlich zuerst den roten und dann den grünen Punkt wahrnehmen. Sie schlagen deshalb vor, dass ein solches Modell die Vorteile sowohl kontinuierlicher als auch diskreter Modelle miteinander verbinden und die jahrhundertealten Debatten über Wahrnehmung und Bewusstsein auflösen könnte. Grundlage dieser Theorie ist die Annahme, dass das Gehirn annähernd kontinuierlich während bis zu 500 Millisekunden langen Intervallen Informationen aufnimmt und verteilt, immer wieder unterbrochen von lichten, bewussten Momenten. Während der unbewussten Phasen verarbeitet das Gehirn die verschiedenen Elemente einer Situation und analysiert sie in vielen unterschiedlichen Regionen. Einige Gehirnareale beschäftigen sich mit Farben, andere mit der Form und Position von Objekten, wieder andere mit den übrigen Sinneseindrücken, wobei diese Informationsbruchteile ausgetauscht und zusammengeführt werden. Erst wenn die unbewusste Verarbeitung abgeschlossen ist, entsteht die bewusste Erfahrung, d. h., die Gehirnareale müssen Informationen kontinuierlich verarbeiten, können diese jedoch nicht kontinuierlich wahrnehmen. Das neue Modell könnte Möglichkeiten eröffnen, die Art und Weise zu manipulieren, wie das Gehirn Informationen wahrnimmt, denn während der Intervalle unbewusster Verarbeitung, in denen Details über die Umwelt im Gehirn gespeichert werden, könnte man etwa mithilfe von magnetischen Impulsen von außen Einfluss auf Details nehmen und damit auch auf die Wahrnehmung der Welt. Offen bleibt allerdings die Frage, wie die bewussten Momente integriert werden, was die unbewusste Verarbeitung auslöst und welchen Zusammenhang es zwischen diesen unbewussten Intervallen und der Persönlichkeit, Stress oder Krankheiten wie Schizophrenie gibt.

Siehe als umstrittenen Ansatz aus der Quantenphysik bzw. der AI-Forschung die Theorie des Quantenbewusstseins.

Ein neuer Ansatz zur Erklärung des Bewusstseins ist die Plattformtheorie von Zlomuzica & Dere (2021), die Bewusstsein als einen Zustand beschreibt, der an komplexe kognitive Operationen gebunden ist, und nicht bloß als einen passiven Grundzustand, der bei Wachheit automatisch vorherrscht. Dieser Ansatz geht davon aus, dass das Gehirn in einen bewussten Betriebsmodus übergeht, wenn mentale Repräsentationen von Reizen, Assoziationen, Konzepten, Erinnerungen und Erfahrungen im Arbeitsgedächtnis aufrechterhalten und aktiv manipuliert werden müssen. Man will dabei die Plattformtheorie als Rahmen und Bewertungsmaßstab verwenden, um Verhaltensparadigmen im Hinblick auf die jeweilige Bewusstseinsstufe zu kategorisieren, die an einer konkreten Aufgabenausführung beteiligt ist. Nach der Plattformtheorie beinhaltet ein Verhaltensparadigma bewusste kognitive Operationen wie Wahrnehmungen, Emotionen, Empfindungen, Erinnerungen, Imaginationen oder Assoziationen, wenn ein gestelltes Problem unerwartet und neu ist bzw. die Bearbeitung eine große Menge an Informationen erfordert, um kognitive Operationen durchzuführen. Bewusste kognitive Operationen sind in diesen Fällen mit einer Verlagerung von Verarbeitungsressourcen und der Umlenkung des Aufmerksamkeitsfokus verbunden. Bewusste kognitive Handlungen sind auch nötig, um künftige Ereignisse oder Probleme vorherzusagen und passende Bewältigungsstrategien zu entwickeln, wobei dieses bewusste Problemlöseverhalten jene Grundlage für adaptives und flexibles Verhalten darstellt, das es Mensch und Tier ermöglicht, sich an neue Umweltverhältnisse anzupassen.


* Das Zitat vollständig: „Das Bewusstsein benimmt sich wie ein Mensch, der ein verdächtiges Geräusch im Keller gehört hat und zum Dachboden eilt, um dort festzustellen, dass keine Diebe da sind. In Wirklichkeit hat sich dieser vorsichtige Mensch aber nicht in den Keller getraut.


Literatur

Damasio, Antonio R. (1997). Descartes‘ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München: List.
Damasio, Antonio R. (2000). Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. München: List.
LeDoux, Joseph (2021). Bewusstsein. Die ersten vier Milliarden Jahre. Stuttgart: Klett-Cotta.
Gamma, A. & Metzinger, T. (2021). The Minimal Phenomenal Experience questionnaire (MPE-92M): Towards a phenomenological profile of “pure awareness” experiences in meditators. PLoS ONE, doi:10.1371/journal.pone.0253694.
Hernegger, R. (1995). Wahrnehmung und Bewußtsein. Ein Diskussionsbeitrag zu den Neurowissenschaften. Heidelberg: Akademischer Verlag.
Herzog, Michael H., Drissi-Daoudi, Leila & Doerig, Adrien (2020). All in Good Time: Long-Lasting Postdictive Effects Reveal Discrete Perception. Trends in Cognitive Sciences, doi:10.1016/j.tics.2020.07.001.
Mørch, H. H. (2017). The Integrated Information Theory of Consciousness.
https://philosophynow.org/issues/121/The_Integrated_Information_Theory_of_Consciousness (17-12-17)
Prinz, Wolfgang (2021). Bewusstsein erklären. Berlin: Suhrkamp.
Stangl, W. (2021). Warum haben Menschen ein Bewusstsein?.Was Stangl so bemerkt.
WWW: https://bemerkt.stangl-taller.at/warum-haben-menschen-ein-bewusstsein (21-11-29)
Zlomuzica, Armin & Dere, Ekrem (2021). Towards an animal model of consciousness based on the platform theory. Behavioural Brain Research, 419, doi:10.1016/j.bbr.2021.113695.


Ein Gedanke zu „Bewusstsein“

  1. Thomas Nagel

    Würde ein Wissenschaftler unsere Schädeldecke entfernen und in unser Gehirn hineinsehen, während wir den Scholadenriegel essen, so würde er nichts weiter sehen als eine graue Masse von Nervenzellen. Würde er mit Meßinstrumenten bestimmen, was dort vor sich geht, so würde er komplizierte physikalische Vorgänge der unterschiedlichsten Art entdecken. Fände er jedoch den Geschmack von Schokolade? … Es handelt sich nicht bloß darum, daß der Geschmack von Schokolade ein Geschmack ist und daher nicht gesehen werden kann.
    Angenommen ein Wissenschaftler wäre verrückt genug, den Versuch zu wagen, meine Empfindung des Geschmacks von Schokolade zu beobachten, indem er an meinem Gehirn leckte, während ich von einem Schokoladenriegel koste. Zunächst einmal würde mein Gehirn für ihn vermutlich nicht nach Schokolade schmecken. Doch selbst wenn dies der Fall wäre, es wäre ihm nicht gelungen, in mein Bewusstsein einzudringen und meine Empfindung des Geschmacks von Schokolade zu beobachten. (…) Er hätte seinen Geschmack von Schokolade und ich den meinen.
    Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie

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