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Psychomotorik

    Psychomotorik ist der Oberbegriff für den Phänomen- bzw. Forschungsbereich, der sich mit der menschlichen Bewegung, insbesondere mit solchen Bewegungsaspekten befasst, bei denen bewusste Prozesse, Ausdrucksprozesse und Prozesse des Willens eine große Rolle spielen. Psychomotorik ist somit ein Sammelbegriff für psychisch regulierte bzw. regulierbare Motorik wie Bewegungen, Haltungen und Tonus. Die Psychomotorik als relativ junge wissenschaftliche Disziplin geht davon aus, dass die Sinnerfahrung auch die Grundlage für abstraktes Denken bildet. Wenn dazu durch Bewegung die bessere Wahrnehmung des eigenen Körpers geschult wird, lässt sich ein physiologischer und zugleich psychologischer Effekt erzielen.

    Die Psychomotorik wurde aus der Medizin in Psychologie und Pädagogik übertragen und hat sich auch zu einem therapeutischen Konzept weiterentwickelt, wobei es viele verschiedene Ansätze der Psychomotorik mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Definitionen gibt. Psychomotorische Techniken werden daher unterstützend im Rahmen der Heil- und Sonderpädagogik sowie auch der Psychotherapie und Psychiatrie eingesetzt. Motorische, emotionale, psychische und soziale Prozesse werden dabei durch psychomotorisches Arbeiten verknüpft, wobei psychomotorische Übungen sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen eingesetzt werden können.

    Heute weiß man, dass etwa Lernen, Wahrnehmung und Bewegung eng miteinander verbunden sind, sodass Wahrnehmung des eigenen Körpers durch spielerisches Verhalten ein Kernelement der Psychomotorik darstellt. In der pädagogischen Therapie und auch Psychotherapie hat man eine deutlich positive Wirkung von körperlicher Bewegung auf die emotionale Entwicklung von verhaltensauffälligen Kindern nachgewiesen, sodass man für solche Kinder gezielte Bewegungserlebnisse entwickelt hat, die die therapeutische Wirkung unterstützen können. Psychomotorik unterstützt auch die Persönlichkeitsentwicklung und fördert viele Kompetenzbereiche der kindlichen Entwicklung.

    Man weiß, dass regelmäßige Bewegung Kinder gesünder macht und die Konzentrationsfähigkeit fördert, wobei Bewegung auch gezielt als Lernhilfe in der Schule eingesetzt werden und sogar die Persönlichkeit von Kindern positiv beeinflussen kann. Lernen ist nicht nur eine kognitive Angelegenheit, sondern hat viel mit der Befindlichkeit zu tun, mit Interessen und Gefühlen. Durch eine Verknüpfung von Lernen und Bewegung können in diesem Zusammenhang Kinder Neues besser aufnehmen, abspeichern und abrufen. Denken und Lernen funktionieren dann am besten, wenn der Körper mit einbezogen wird, denn erst wenn alle Sinne aktiviert sind und zusammenspielen, kann sich Wissen festsetzen. Für die Schule bedeutet das etwa, dass Kinder Zahlen, Buchstaben, Wörter und Inhalte nicht nur vom Papier weg lernen sollten, sondern auch sinnlich erleben müssen, indem sie diese mit Bewegungsabläufen verknüpfen. Lerninhalte können dadurch von Kindern leichter erfasst und behalten werden, wodurch mithilfe des gezielten Einsatzes von Bewegung zum Lernen auch die Motivation gefördert werden kann.

    In einer Befragung von SchauspielerInnen durch Eva Maria Ortmayr (2021) zeigte sich, dass für alle die Bewegung beim Lernen eine bedeutende Rolle spielt. „Wenn sie den Text schon beherrschen und kein Textbuch mehr benötigen, wiederholen sie den Text je nach Lernumgebung laut oder leise im Gehen, beim Rudern oder auch im Fitnessstudio. „Der Text geht über den Körper, über die körperliche Bewegung in den Geist“ (…). Die Bewegung wird mit der rhythmischen Gliederung in Verbindung gebracht und erhöht die Behaltensleistung“ (S. 128). „Alle Befragten gaben an, dass sie gerne in der freien Natur lernen. „Am besten, hab ich festgestellt, ist Lernen in der freien Natur, beim Spazierengehen. Wenn das Gehirn sauerstoffdurchblutet ist, geht der Prozess des Lernens viel, viel schneller“ (…). Die Natur als Lernort wird immer in Zusammenhang mit Bewegung genannt, ein Proband lernt am liebsten beim Rudern. Aus den Aussagen ergibt sich auch, dass die Natur erst aufgesucht werden kann, wenn sie das Textbuch nicht mehr benötigen. Sie wenden hier vor allem die Strategien Mnemotechnik und artikulatorische Enkodierung an“ (S. 142f).

    Störungen der Psychomotorik treten bei einigen psychiatrischen Erkrankungen wie etwa bei affektiven Störungen (Depression, Manie) auf. Ein klassisches psychomotorisches Symptom mit Bewegungsstörungen und Erregungszuständen ist die Katatonie.


    Neue Theorien der Kognitionsforschung nehmen an, dass das menschliche Gedächtnis als Teil von Begriffen auch Körperempfindungen speichert. Es ist bekannt und offensichtlich, dass Menschen oft mit ihren Händen bzw. Gesten auf eine verbale Anfrage oder Anweisung reagieren, aber die funktionellen Zusammenhänge von Bewegungssteuerung und Sprache sind noch nicht vollständig geklärt, insbesondere deren neurophysiologische Grundlage. Ein Wort wie Schneebesen speichert das Gehirn wie in einem Lexikon und assoziiert es etwa mit Konzepten wie unbelebt und Küchengerät, zusätzlich aber verbindet es das Wort mit der individuellen Erfahrung, wie sich ein solcher Schneebesen anfühlt oder dass mit dem Küchengerät eine Schleuderbewegung damit verbunden ist. Koester & Schack (2016) haben nun untersucht, ob spezifische motorische Repräsentationen für das Begreifen von Objekten neurophysiologisch mit konzeptionellen Informationen interagieren, d.h. beim Lesen von Substantiven. Probanden saßen dabei am Bildschirm und hatten drei nebeneinander liegende Würfel vor sich: einer so groß wie ein Apfel, einer wie ein Tischtennisball und einer wie ein Spielwürfel. Auf dem Bildschirm waren ebenfalls nebeneinander drei weiße Felder zu sehen. Nun erschienen Wörter in einem der Felder, einerseits Phantasiebegriffe und andererseits echte Begriffe. Wurde etwa ein Pseudowort wie Quarl eingeblendet, mussten die Probanden nichts tun, erschien jedoch ein echtes Wort wie Orange, so sollten sie den unter dem Feld liegenden Würfel greifen. Mit einem EEG zeichnete man während des Versuchs die Gehirnaktivität auf, so dass man registrieren konnte, wie das Wort im Gehirn verarbeitet wurde. Schon nach einer Zehntelsekunde reagierte das Gehirn, wenn eine Greifaktion erforderlich war, was nicht nur bestätigt, dass das Gehirn über gemeinsame Steuerprogramme für Sprache und Bewegung verfügt, sondern zeigt auch, dass sich die Verarbeitungsschritte des Gehirns sehr schnell verändern und an aktuelle Aufgaben anpassen, in diesem Fall an die Aufgabe, beim Lesen des Wortes zu greifen.


    1. Definition
    Vom lateinischen Wort  motor = Beweger. „Bewegungsabläufe, in denen sich ein bestimmter, normaler oder pathologischer, Geisteszustand oder eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur (das Geschlecht, die Altersstufe, der Konstitutionstypus) ausdrücken“ (Kurt v. Sury 1967, S. 193).

    2. Definition
    „Griechisch – lateinische Bezeichnung  für die psychisch bedingten Bewegungsarten des Menschen, zum Beispiel Gang, Schrift, Mimik“ (Duden 1972, S. 1834).

    3. Definition
    „Psychomotorik“ ist ein Ausdruck aus dem Griechisch – lateinischen für das Bewegungsleben. Beispiele dafür sind alle dem Willen unterworfenen Bewegungen, aber auch Ausdrucksbewegungen und automatisierte Bewegungen, die im Unterschied zu apsychonomen Bewegungen (vegetativen Bewegungen), wie Darmperistaltik oder Gefäßbewegungen stehen. Unter psychomotorischen Anfällen versteht man jene relativ kurzen und harmlosen Anfälle von Temporalepilepsie, die mit Schmatz-, Kau- und Schnüffelbewegungen einher gehen. Das psychomotorische Gedächtnis ist der Inbegriff der „gekonnten“ Bewegungsvollzüge, die eine fortschreitende Präzisierung der Motorik ermöglichen (vgl. Wilhelm Hehlmann 1965, S. 442f).

    4. Definition
    Im „Lexikon der Psychologie“ wird „Psychomotorik“ als Oberbegriff  für den Phänomen- bzw. Forschungsbereich, der sich mit der menschlichen Bewegung, insbesondere mit solchen Bewegungsaspekten befasst, bei denen bewusste Prozesse, Ausdrucksprozesse und Prozesse des Willens eine große Rolle spielen, erklärt. Ganz im Gegensatz zu den Oberbegriffen Motorik bzw. Motilität, bei denen es sich stärker um automatisch – vegetativ gesteuerte Bewegungsprozesse handelt, wie sie zum Beispiel in den Magen- und Darmwänden vorkommen (vgl. Thomas Städtler 2003, S. 891).

    5. Definition
    Der Begriff Psychomotorik akzentuiert weitgehend den psychischen Anteil bei der Motorik. Dabei stehen Ausdrucksbewegungen und die Leistungsbewegungen im Vordergrund. Alle Motorik ist abhängig vom Typus, der Konstitution, dem Geschlecht usw. (vgl. Friedrich Dorsch 1976, S. 474).


    Die Gangmuster depressiver Menschen sind unter anderem durch eine langsamere Gehgeschwindigkeit und durch weniger starke Auf- und Abbewegungen des Oberkörpers gekennzeichnet. Diese Menschen neigen auch zum Schlurfen, während sich gesunde Menschen beim Gehen eher abstoßen. Außerdem hat man bei depressiven Menschen eine zusammengesunkene Körperhaltung, weniger Armschwingungen, dafür aber stärkere seitliche Schwankungen festgestellt. Diese gehen also weniger zentriert, sondern schwanken eher nach rechts und links. Man hat auch untersucht, wie sich Gangbilder auf das Gedächtnis auswirken. Depressive neigen dazu, sich negative Informationen zu merken, nicht-depressive dagegen positive Informationen. Bei einer Studie mit psychisch gesunden Menschen hat man gefunden: Menschen, die sozusagen depressiv gehen, behalten eher negative Informationen als Menschen, die sich fröhlicher bewegen. Wenn man gezielt dynamischer geht, behält man also eher positive Dinge im Gedächtnis.
    Quelle: Johannes Michalak in einem Interview in der Augsburger Allgemeinen vom 8. September 2020.

    Literatur

    Dorsch, F. (1976). Psychologisches Wörterbuch. Bern/Stuttgart/Wien: Verlag Hans Huber.
    Duden. (1972). Psychomotorik. Band 3 (P – Z) – „S. 1834“. Mannheim/Wien/Zürich: Dudenverlag.
    Hehlmann, W. (1965). Wörterbuch der Psychologie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.
    Koester, Dirk & Schack, Thomas (2016). Action Priority: Early Neurophysiological Interaction of Conceptual and Motor Representations. PLOS ONE, doi:10.1371/journal.pone.0165882.
    Ortmayr, Eva Maria (2021). Zur Planung und Durchführung von Lernprozessen am Beispiel von Schauspielern. Eine empirisch-qualitative Untersuchung. Dissertation. Universität Potsdam. WWW: https://publishup.uni-potsdam.de/frontdoor/index/index/docId/49953 (21-04-12)
    Städtler, T. (2003). Lexikon der Psychologie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.
    Von Sury, K. (1967). Wörterbuch der Psychologie und ihrer Grenzgebiete. Basel/Stuttgart: Schwabe & Co. Verlag.


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