Tagträume sind wichtig.
Was man sich nicht vorstellen kann,
kann man nicht tun.
George Lucas

Psychologen sprechen bei Tagträumen (mind wandering) eher von aufgabenunabhängigem Denken (task-unrelated thought), denn man denkt dabei ohne Zweck in einem Zustand der Ruhe, d. h., man will nichts, strebt nach nichts, freut sich auf nichts, fürchtet nichts, ist von keinem Bedürfnis getrieben. Dabei klingen Stressreaktionen, die oft mit zielgerichtetem Denken verbunden sind, ab. Erforscht wurde dieses Phänomen mit einer Technik des Gedankensammelns (thought sampling), wobei Probanden mit Funkempfängern ausgestattet wurden, die zu verschiedenen Zeiten angepiepst und gefragt wurden, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Dabei zeigte sich, dass Menschen sich in so gut wie allen erdenklichen Situationen mentale Auszeiten nehmen und ins Tagträumen abgleiten. Man hat dabei auch festgestellt, dass Menschen zehn bis zwanzig Prozent ihrer Zeit mit diesem aufgabenunabhängigem Denken verbringen, wobei meist die Aufmerksamkeit von irgendeiner Beschäftigung wie etwa Zeitunglesen, Briefschreiben oder einem anderen Menschen zuzuhören, in die Ferne schweift.

Tagträume sind meist bildhafte, mit Träumen vergleichbare Phantasievorstellungen und Imaginationen, die von Menschen im wachen Bewusstseinszustand erlebt werden. Solche Szenen können im Gegensatz zum gewöhnlichen Traumgeschehen entweder willentlich gesteuert und bewusst herbeigeführt werden oder sich durch Unaufmerksamkeit und Nachlassen der Konzentration von selbst einstellen. In einem solchen Fall entfernt sich die Aufmerksamkeit von den äußeren Reizen der Umwelt, von Einflüssen und Aufgaben und wendet sich der inneren Welt zu. Zum Beispiel schweift beim Lesen der Blick von der Buchseite ab und man schaut zum Fenster hinaus, die Gedanken sind bei einer abendlichen Verabredung oder bei einer bevorstehenden Prüfung. Besonders Kinder neigen dazu, sich in  imaginäre Welten zu begeben, um manchmal vor Problemen zu fliehen.

TagtraumBei Untersuchungen an Menschen, die im Versuch einfach dazuliegen und nichts zu tun hatten, zeigte sich, dass das Gehirn in solchen Ruhephasen keineswegs abschaltet, vielmehr wird ein weitverzweigtes Basisnetzwerk (default network) aktiv, in welchem das Gehirn die freie Zeit benutzt, um über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken, um zu planen oder Bilanz zu ziehen. Offensichtlich hat das selbstreferenzielle Basisnetzwerk des Gehirns, das sich in Ruhepausen immer wieder einschaltet und Menschen zum Grübeln veranlasst, eine wichtige Funktion. Es ist übrigens bekannt, dass Menschen in ihren nächtlichen Träumen aber auch in Tagträumen manchmal äußerst skurrile Dinge beschwören, und man weiß auch, dass Menschen in ihrer Freizeit gerne Fantasien nachhängen, die einen durchaus irrealen Charakter besitzen, woraus sich bei manchen Menschen auch eine Vorliebe für phantastische Filminhalte wie Horrotfilme oder Science Fiction ergibt. Man kann sich daher die Frage stellen, welche Bedeutung bzw. welchen evolutionären Zweck solche skurrilen Trauminhalte haben könnten. Und das alles auf dem Hintergrund, dass solches Träumen den Organismus viel Zeit und Energie kostet. Man kann daher vermuten, dass eine Funktion solcher Träume darin liegt, das Denken im Wachzustand auf potentielle Abweichungen vom Normalen vorzubereiten und so zu verhindern, dass das menschliche Gehirn zu sehr in Routinen und dem Erwartbaren erstarrt.


Das Thema verführte übrigens die Neue Zürcher Zeitung zu der Schlagzeile

«Tagträumen im Büro ist wichtig»


Tagträumen müssen daher nicht zwangsläufig etwas Störendes sein, denn Studien haben gezeigt, dass absichtliche Tagträume manchen Menschen dabei helfen können, ihre Gedanken zu ordnen. Golchert et al. (2017) haben dabei herausgefunden, dass sich dieser Effekt gedanklicher Auszeiten im Gehirn nachweisen lässt. Man befragte Probanden zu ihrem tagträumerischen Verhalten, wobei diese selbst einschätzen sollten, wie stark und wie häufig sie Tagträumen nachhängen. Die Magnetresonanztomographie zeigte dann, dass bei Menschen, die häufig bewusst mit ihren Gedanken abschweifen, der Cortex in bestimmten Aralen im Stirnbereich des Gehirns stärker ausgebildet ist. Auch war bei diesen Probanden die Verbindung zwischen dem Default-Mode Netzwerk, das aktiv ist, wenn sich die Aufmerksamkeit nach innen bzw. auf Informationen aus dem Gedächtnis richten, und dem fronto-parietale Kontrollnetzwerk, das als Teil des kognitiven Kontrollsystems den Fokus stabilisiert und irrelevante Reize hemmt, besonders stark ausgeprägt. Offensichtlich macht diese stärkere Verknüpfung das Tagträumen zu einem sinnvollen Prozess, denn durch die starke Vernetzung kann das Kontrollnetzwerk stärker auf frei flottierende Gedanken einwirken und diesen so eine stabile Richtung geben. Das zeigt auch, dass die kognitive Kontrolle im Fall von gezieltem Tagträumens keineswegs aussetzt. Das menschliche Gehirn scheint dabei auch keinen wesentlichen Unterschied dabei zu machen, ob die Aufmerksamkeit nach außen auf unsere Umgebung oder nach innen auf die eigenen Gedanken gerichtet ist, denn in beiden Fällen ist das Kontrollnetzwerk eingebunden. Menschen können daher beim Tagträumen konzentriert über zukünftige Ereignisse nachdenken oder sogar wichtige Probleme lösen.


Für Sigmund Freud waren Tagträume Vorstufen hysterischer Symptome und warnte vor Neurosen, die durch zu viel Träumerei entstehen können. Psychologisch betrachtet handelt es sich bei Tagträumen oft um eine Flucht des Gehirns vor der Realität, d.h., wenn die äußere Welt bei einer meist monotonen Tätigkeit dem Gehirn nicht allzu viel abverlangt, werden Kapazitäten frei. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einem leistungsfähigen Arbeitsgedächtnis oft Kapazitäten für andere Dinge frei haben. Offensichtlich sind Tagträumen und Aufmerksamkeit nicht notwendigerweise zwei strikt voneinander getrennte Zustände des Gehirns, sondern können durchaus parallel auftreten. Tagträume kreisen inhaltlich häufig um praktische Angelegenheiten, die zukünftig zu erledigen sind, und zwischenmenschliche Fragestellungen. Zwar sind Tagträume weniger intensiv als Träume der Nacht, aber Menschen unterscheiden sich in Ausmaß und der Intensität des Tagträumens.


Praktisches: Aus der Sicht der Psychologie ist Tagträumen eine gute Möglichkeit, neue Perspektiven und Ausblicke auf sein eigenes Leben zu gewinnen. Allerdings ist es nicht so einfach, sich auf Knopfdruck in Tagträumen zu verlieren. In Experimenten fand man heraus, dass viele Menschen auf die Aufforderung, an Ereignisse zu denken, die ihnen Freude machen, meist sehr oberflächliche Aktivitäten wählen, und auf die Aufforderung, an etwas Bedeutsames zu denken, kommen ihnen meist Problem in den Sinn. Für das Tagträumen sollte man aber Themen wählen, die positiv und bedeutsam sind. Daher versuchen Erwachsene zu vermeiden, sich in den eigenen Gedanken zu verlieren, und lenken sich mit Nebensächlichem ab. Die eigenen Gedanken zu genießen, müssen Menschen daher erst üben, und zwar am besten dann, wenn ihr Gehirn gerade mit wenig anderem beschäftigt ist, etwa bei einem Spaziergang.


Kurioses: Tagträum-Wettbewerb in Südkorea

Relax your brain! Entspann Dein Gehirn und denk einfach einmal an nichts! So lautete das Motto eines Wettbewerbs in Südkorea,, bei dem mehr als 1500 Teilnehmer sich online beworben hatten,  von denen etwa 60 schließlich in Seoul noch antreten. Sie verbringen in einem Park anderthalb Stunden damit, nicht zu sprechen, zu schlafen, zu essen oder irgendein elektronisches Gerät zu benutzen oder zu viel herumlaufen. Wer dabei die stabilste Herzfrequenz aufweist, gewinnt. Das war in diesem Jahr der Rapper Shin Hyo Seob alias Crush, der das für einen wirklich guten Wettbewerb hält. “Ich möchte das Leuten empfehlen, die Migräne haben und immerzu grübeln. Ich verbringe normalerweise viel Zeit mit Tagträumen.” Künstler hatten den Wettkampf 2014 als Satire auf das von Facebook, Handy, soziale Medien und Stress geprägte Leben initiiert.

Siehe dazu Wachtraum und Stand-by für das Gehirn: Tagträume

Literatur

Golchert, J., Smallwood, J., Jefferies, E.,  Seli, P., Huntenburg, J. M., Liem, F., Lauckner, M. E. , Oligschläger, S., Bernhardt, B. C.  &  Villringer, A. (2017). Individual variation in intentionality in the mind-wandering state is reflected in the integration of the default-mode, fronto-parietal, and limbic networks. NeuroImage, 146, 226–235.
Stangl, W. (2017). Stand-by für das Gehirn: Tagträume. Werner Stangls Psychologie News.
WWW: http://psychologie-news.stangl.eu/142/stand-by-fuer-das-gehirn-tagtraeume (17-02-02)
http://de.wikipedia.org/wiki/Tagtraum (12-01-21)
http://video.tagesspiegel.de/tagtraum-wettbewerb-in-sudkora.html (16-05-22)


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