Unter Mentalisieren versteht man die Fähigkeit, sowohl dem eigenen als auch dem Verhalten anderer Menschen einen Sinn zuzuschreiben, indem man die möglichen Beweggründe dahinter zu verstehen versucht.  Mentalisierung bedeutet in der Psychologie also die Fähigkeit, das eigene Verhalten oder das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren, wobei nicht nur auf das Verhalten des Gegenübers eingegangen wird, sondern auch auf die eigenen Vorstellungen über dessen Überzeugungen, Gefühle, Einstellungen, Wünsche, die dem Verhalten zugrunde liegen. Mentalisierung versucht, am Verhalten der anderen abzulesen, was in deren Gedanken und Emotionen abläuft, sodass es auch möglich ist, das eigene Erleben und Handeln reflexiv zu erfassen.

Dieses Konzept des Mentalisiserens bzw. der mentalisierungsbasierten Therapie hat zur Zeit auch deshalb einen so großen Zulauf, weil es ein theoretisches und praktisches Konzept zur Verfügung stellt, an dem sich das therapeutische Handeln weniger theoriegeleitet orientieren kann, und bei dem die Selbstentwicklung der KlientInnen in den Vordergrund gestellt wird. Mentalisieren wird vor allem zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen eingesetzt und bietet den Vorteil, dass es von TherapeutInnen ganz unterschiedlicher Ausrichtungen angewendet werden kann. Mentalisieren wurde von der American Psychiatric Association zur Richtlinie in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen erklärt, wobei der Schwerpunkt der praktischen Anwendung sich vor allem bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Formen der Depression, ADHS und ADS im Erwachsenenalter und bei posttraumatischen Belastungsstörungen findet.

Das Mentalisierungskonzept ist an die Theory-of-Mind-Forschung angelehnt, es wurde von Peter Fonagy und Mary Target geprägt. Mentalisierung setzt ein Verständnis der Natur des Mentalen voraus. Die Fähigkeit zur Mentalisierung wird in den ersten Lebensmonaten entwickelt, wobei eine sichere Bindungsbeziehung mit den Hauptbezugspersonen wichtig ist, denn Mentalisierung geschieht nur im sozialen Austausch. Dieser Austausch ermöglicht einem Kind allmählich, Affekte zu unterscheiden, zu verstehen und zu kontrollieren sowie auch die eigene Aufmerksamkeit zu steuern.

In Untersuchungen zeigt sich etwa eine Anpassung der Herzrhythmen, wenn Mutter und Baby miteinander spielen, und zwar auch unabhängig von direkten Berührungen. Diese Form der Mentalisierung zeigt, dass die beiden die Gefühlswelt des jeweils anderen nachempfinden können, d. h., allein am Verhalten ablesen zu können, was im Kopf des anderen vorgeht und dafür Empathie zu entwickeln. Beim Herzschlag zeigte sich übrigens vor allem dann eine gegenseitige Anpassung, wenn Babys Unwohlsein signalisierten. Übrigens erfolgt auch eine stärkere Synchronisation von Gehirnwellen, wenn die beiden dabei direkten Blickkontakt haben.

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung haben damit häufig Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen. Oft fällt es ihnen schwer, die eigenen Gefühle und Intentionen und die ihres Gegenübers voneinander abzugrenzen. Das kann zu emotionalem Chaos und Problemen im Umgang mit anderen führen. Neben der Vermittlung von Techniken zur Emotionsregulation ist es daher ein wichtiges Ziel der Psychotherapie, die Fähigkeit zum Mentalisieren zu verbessern. Verschiedene Befunde sprechen dafür, dass sich die biologischen Charakteristika bei der Verarbeitung von Reizen im Gehirn durch eine Psychotherapie verändern lassen, d. h., eine Psychotherapie kann nicht nur die Symptome reduzieren, sondern auch Auffälligkeiten in der neuronalen Reizverarbeitung verändern, wobei etwa nach einer Dialektisch-Behavioralen Therapie die Amygdala der Betroffenen auf wiederholt präsentierte negative Reize schwächer reagiert als zuvor. Menschen, die diese Therapie durchlaufen hatten, zeigten etwa eine Zunahme der grauen Substanz im anterioren zingulären Cortex und im Gyrus frontalis inferior sowie in Regionen, die mit dem Mentalisieren zusammenhängen, wie dem Gyrus temporalis superior.

Literatur

Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E. & Target, M. (2002). Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Stuttgart: Klett-Cotta.
https://www.spektrum.de/news/borderline-persoenlichkeitsstoerung-von-wegen-lebenslaenglich/1951726 (21-12-21)



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