Polygenic Scores

Polygenic Scores – auch genetische Risikowerte – sind Kennzahlen bzw. Algorithmen, die bestimmte erbliche Merkmale von Menschen mit genetischen Auffälligkeiten im Erbgut in Zusammenhang bringen. Um diese Werte für einen Menschen zu bestimmen, wird dessen Genom nach Variationen in der DNA-Sequenz systematisch durchforstet. Ein solcher Score kann dabei nur wenige Varianten analysieren oder auch Tausende von Varianten berücksichtigen, wobei solche Varianten immer in ihrer Gesamtheit betrachtet werden müssen. Einige Merkmale von Menschen beruhen nur auf dem Vorhandensein oder Fehlen einer einzelnen Variante, etewa ob man eine bestimmte bittere chemische Verbindung schmecken kann oder ob man Mukoviszidose hat. Die überwiegende Mehrzahl der Merkmale, von der Körpergröße über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Vitamin D-Spiegel bis hin zu männlicher Glatzenneigung, werden immer von vielen solcher Varianten beeinflusst. Beispielsweise ist die Körpergröße fast ausschließlich durch die Genetik bestimmt, wobei Varianten mit der größten Wirkung nur etwa zwei Zentimeter zur Größe eines Menschen beitragen können.

Manche Forscher versuchen damit sogar, auch andere psychologische Merkmale wie den Bildungserfolg vorherzusagen. So stellte man fest, dass Kinder mit einem hohen polygenen Wert ihre ersten Wörter früher sprechen, schneller lesen lernen als andere, aber auch in der Pubertät ehrgeiziger und verantwortungsbewusster sind. Sie ziehen als Erwachsene eher aus ihrer Heimatstadt weg, verdienen später mehr und suchen sich Partner mit höherem Einkommen. In England wird in der Environmental Risk-Langzeitstudie (2232 gleichgeschlechtliche Zwilling) der Einfluss von Genen und Umwelt untersucht. Hier zeigte sich etwa, dass Menschen mit niedrigen polygenen Werten für ihren Bildungsabschluss nicht nur die Schule häufiger abbrechen, sondern auch eher straffällig werden. Allerdings gibt es deshalb kein Verbrecher-Gen, sondern nur verschiedene Veranlagungen zu kriminellem Verhalten, etwa eine höhere Impulsivität oder geringere kognitive Fähigkeit. Man kann auch zeigen, dass sich bei günstigen Lebensbedingungen die genetischen Anlagen für Asoziales oder Kriminelles nicht ausprägen.

Literatur

Moffitt T. E. (1993). Adolescence-limited and life-course-persistent antisocial behavior: A developmental taxonomy. Psychological Review, 100, 674–701.

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